Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

ALBERT ZELLER
(1804-1877)
Arzt, Gründer der Anstalt Winnenden

Vortrag, gehalten von seinem Urenkel Dr. med. Gerhart Zeller auf dem Familientag am Samstag, 14. 9. 1957 in Stuttgart

siehe auch:
-   Vortrag zum 200. Geburtstag Albert Zellers von Dr. Ernst Zeller auf dem Familientag in Winnenden
     am 2. Okt. 2004, in: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr. 34, 2005, S. 17-26
-   Albert Zeller und Nikolaus Lenau, Vortrag von Bernhard Zeller in Winndenden 2004
-   Die Reisetagebücher Albert Zellers s. unter >Gedrucktes<
-   Der Ehrenpokal für Albert Zeller
-   Vortrag zum 100. Todestag, gehalten von Dr. Walter Meuret am 23. 4. 1977

 
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Albert Zeller, der am 6. November 1804 als das 6. Kind des Oberjustizrats Johann Friedrich von Zeller und der Johanna Regine Andreae geboren wurde, hatte bereits zwei ärztliche Vorfahren; sein Großvater väterlicherseits war Physikus in Lauffen, sein Großvater mütterlicherseits, Johann Jakob Andreae, war Hofmedicus in Stuttgart; er starb früh in Geisteskrankheit. Der Vater Albert Zellers, den wir alle von dem bekannten Seeleschen Familienbild her kennen, war offenbar ein hypomanischer, vielgeschäftiger, kluger Pykniker, in Politik und Juristerei wohl erfahren. Die Mutter war eine stille, tiefempfindende Frau, deren inneres Wesen wir aus dem einzigartigen Erziehungsbrief kennen, den sie ihrem Sohn Albert in dessen 21. Lebensjahr schrieb und der die Überschrift trägt: „Wie ich meine Kinder erzog“. Wohl aufgrund der Berührung mit dem geisteskranken Großvater und einer ihm eigenen Anlage zu tiefergehenden Gemütsschwankungen, verbunden mit einem gewissen Hang zum Mystizismus, faßte Albert schon in der Jugend den Entschluß, Arzt zu werden, da er glaube, wie er in seinem Tagebuch schrieb, dadurch seinen Mitmenschen am besten helfen zu können. Er studierte in Tübingen und wohnte dort - auch dies wohl nicht ohne Bedeutung für seine spätere Laufbahn - in der Nähe des Hölderlinturms, in dem der Dichter damals schon in völliger geistiger Umnachtung dahinsiechte.

Für uns Heutige klingt es fast unglaublich, daß er noch nicht einmal 30 Jahre alt war, als ihm im Jahre 1833 die Aufgabe übertragen wurde, im ehemaligen Deutsch-Ordensschloß in Winnental die erste württembergische Heilanstalt für Geisteskranke zu gründen. Um die ausgeschriebene Stelle hatten sich damals 9 jüngere Ärzte beworben: Zeller wurde auserwählt. Die bedeutende Stellung seines Vaters im damaligen Staate mag eine Rolle dabei gespielt haben, mehr wog wahrscheinlich die Tatsache, daß er schon vorher mit einer geschlossenen psychiatrischen Arbeit Aufsehen erregt hatte. Es handelte sich um ein kleines Büchlein mit dem Titel „Das verschleierte Bild zu Sais“ und das nichts anderes sein wollte, als eine sachliche Widerlegung der Spekulationen spiritistischer Art, die Justinus KERNER in seiner „Seherin von Prevorst“ angestellt hatte. Zeller entlarvte die „Seherin“ als Geisteskranke. Der emotionale Grund für seine Polemik wird darin gesehen, daß seinem tiefgegründeten Christentum dieses niedere Zauber- und Geisterwesen zutiefst zuwider sein mußte, vielleicht war es aber auch in Wirklichkeit eine entschiedene rationelle Abkehr von den in ihm selbst liegenden Gefahren, in den Mystizismus abzugleiten, die ihn zur Abfassung dieser Schrift bewog. Er verfaßte auf jeden Fall nur dieses eine Buch.

Interessant für uns Heutige, die wir uns mühselig mit dem Gestrüpp willkürlicher Facharztordnungen herumschlagen müssen, ist die Art, wie sich Zellers „Fachausbildung“ abspielte. Es wurde ihm nämlich damals von Seiten der Regierung die Auflage gemacht, vor Antritt der Stelle eine einjährige Studienreise durch Europa mit Besuch der damals hervorragendsten psychiatrischen Institutionen zu machen. Er hat über diese Reise ein in meinem Besitz befindliches Tagebuch geführt, das die Situation der Psychiatrie im Jahre 1833 in Europa lebendig wiedergibt und das der wissenschaftlichen Bearbeitung wert wäre. Alle Versuche in dieser Richtung scheiterten jedoch bisher an der so gut wie unleserlichen Schrift, deren Schwerverständlichkeit noch dadurch gesteigert wurde, daß das Tagebuch teilweise in Englisch, Französisch und Lateinisch geschrieben ist.

Die Psychiatrie war damals noch ein Neuland. Sie hatte sich am Ende des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts eben erst angeschickt, eine ärztliche Disziplin zu werden. Die Vorlesungen, die Zeller selbst während seines Studiums in Tübingen über Geisteskrankheiten gehört hatte, wurden noch von einem Philosophen gehalten. Obwohl PINEL während der französischen Revolution im Jahre 1789 als erster in der Pariser Anstalt Bicetre, Schwesteranstalt für männliche Kranke der berühmteren Salpétrière, den Geisteskranken die Ketten abgenommen hatte, war ihr Schicksal zu jener Zeit noch immer beklagenswert. Nach wie vor gab es Narrenhäuser und Irrentürme mit ihrem unvorstellbaren Elend und Geschrei. Zwangsmaßnahmen, Strafen und raffinierte Schreckmittel, die durch Schock den Kranken zur Vernunft bringen sollten, herrschten noch immer. Während sich die Humanisierung der Irrenpflege und die Wissenschaft von den Geisteskrankheiten in Frankreich vorwiegend in konsequenter Fortsetzung der Gedanken der Aufklärung und der französischen Revolution vollzog, ist die deutsche Psychiatrie zunächst ein legitimes Kind der Romantik. Romantisch ist das Interesse an den Nachtseiten des Lebens-, das Vorherrschen des Spekulativen und auch der uns heute fast komisch anmutende familiäre Ton, der unter den damaligen Irrenärzten herrschte. Man sprach von „unserem Zeller“, „unserem Jacobi“ und redete sich auch in wissenschaftlichen Zeitschriften mit „geehrter Kunstverwandter“ an. Daneben hat aber auch der Pietismus bei der Geburt der deutschen Psychiatrie Pate gestanden und darüber hinaus vielleicht überhaupt bei der Geburt der modernen Psychologie, und zwar durch seine Wendung nach innen, seine Reflexion über die eigene Seele. Es war noch die Zeit der pietistischen Seelenromane, die eine subtile Schilderung des inneren Lebensablaufes unter dem Gesichtspunkt von Sünde und Gnade gaben. Des christlichen Predigers Adam Bernds eigene Lebensbeschreibung samt einer aufrichtigen Entdeckung und deutlichen Beschreibung einer der größten, obwohl großenteils noch unbekannten Leibes- und Gemütsplagen, den Unwissenden zum Unterricht, den Gelehrten zum weiteren Nachdenken, den Sündern zum Schrecken und zur Bekehrung, befand sich in der Bibliothek meines Urgroßvaters und die dicken roten Bleistiftstriche, die er auf fast allen Seiten angebracht hat, zeigen, wie aufmerksam er es gelesen hat. Entsprechend diesem pietistischen Einfluß war die Einstellung der führenden Psychiater zu Beginn des 19. Jahrhunderts den Geisteskranken gegenüber vielfach eine stark moralisierende. Der Leipziger Professor HEINROTH und sein Berliner Kollege IDELER sahen in jedem Geisteskranken ein moralisch verkommenes Subjekt, ein Opfer der Leidenschaften, die Geisteskrankheit war das Zeichen eines Abfalls von Gott. Heinroth vertrat daher auch den Standpunkt, der geisteskranke Verbrecher müsse trotz seiner Unfreiheit voll bestraft werden, da er sich schuldig gemacht habe durch seinen willkürlichen Abfall von Gott. Die Therapie bestand in einer moralischen Erziehung, wobei auch die Rute nicht verschmäht wurde, die übrigens bis weit über die Mitte des 19. Jahrhunderts hinaus ein Attribut vieler psychiatrischer Anstalten war, wobei die Humaneren dafür eintraten, daß ihr Gebrauch nur auf ärztliche Anweisung erfolgen dürfe und im Krankenjournal vermerkt werden müsse. Es war also da zu lesen: Patient X. wurde heute mit der Rute gestrichen.

In dem Augenblick, in dem Zeller in die Psychiatrie eintrat, klang die romantische Bewegung bereits ab. Es begann die Wende zum Positivismus und damit zum Realen als dem einzigen, was für den Menschen Bedeutung hat. In dieser geistigen Situation wurde im Bereich der Psychiatrie ein Streit der Meinungen ausgetragen, der damals seinen Höhepunkt erreichte, aber bis heute noch nicht gänzlich abgeschlossen ist. Es war der historische Streit zwischen den sogenannten Psychikern und den Somatikern . Die Psychiker unter Führung der schon genannten Männer Heinroth und Ideler ließen nur eine psychogene Entstehung der Geisteskrankheiten gelten, die Somatiker unter Führung von Zellers späterem Freund, Maximilian JACOBI, dem Gründer der Anstalten Siegburg bei Bonn, nur eine körperliche. Für Jacobi waren die Geisteskrankheiten nur Epiphänomene, d.h. nur Folgen von x-beliebigen körperlichen Krankheiten, unter denen die vertriebene Krätze noch immer eine sehr beachtete Rolle spielte. Infolge der stark moralisierenden Tendenzen der Psychiker war erst dem Sieg der Somatiker eine endgültige Humanisierung der Irrenpflege zu verdanken. Erst durch ihren Sieg wurde die heute fast banale, jedoch bereits auch nicht mehr unwidersprochene Auffassung zum Allgemeingut, daß Geisteskranke Kranke wie andere seien und sie auf Fürsorge, Pflege und Mitleid Anspruch hätten.

Albert Zeller wurde bei seinem Eintritt in die Psychiatrie mitten in jenen Kampf hineingestellt. Jacobi wurde sein erster Lehrer und später sein Freund, Heinroths Ideen lernte er auf seiner Reise von diesem selbst kennen und er konnte sich auch ihrem Einfluß nicht ganz entziehen. Obwohl Zeller später ins Lager der Somatiker gerechnet wurde, so hat er doch auf die Frage eine eigene, von seinen christlichen Grundlagen ausgehende ganzheitliche – und damit heute durchaus moderneLösung gefunden.

Der Eindringlichkeit wegen sei gestattet, diese Lösung in Form eines Zitats wiederzugeben: „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht scheiden; nirgends aber wurde dieser köstlichen und ewigen Lehre mehr widersprochen, als in der Psychiatrie, und Leib und Seele werden voneinander geschieden, wie wenn sie kaum durch ein Gelenk miteinander verbunden wären, wie wenn sie nicht durch einen ewigen Ratschluß in die eine unzertrennliche Einheit der Menschennatur und Persönlichkeit verschlungen wären, wenngleich der Dualismus von Kraft und Werkzeug, von Geist und Leben in ihr bis zum Tode nicht endet, ja eben innerstes Wesen und Sein offenbart. Allein die Erfassung der ganzen leiblichen und geistigen Persönlichkeit eines Kranken in ihrem Kern, wie in ihrer Peripherie, kann zum Ziele führen; alle Trennungen und Scheidungen des leiblichen und geistigen Menschen führen zur Unnatur.“

und an anderer Stelle: „Die rechte psychiatrische Wissenschaft wird sich in gleicher Weise in der individuellsten Leitung der geistigen, sowie in der individuellsten Herstellung der physikalischen Norm des Seelenorgans zeigen und allseitig die lebendige Wechsel- und Ineinanderwirkung beider ins Auge fassen. Jede Psychiatrie ist unwahr und lückenhaft, geist- und seelenlos, die aus der Menschennatur Geist und Gemüt, diese höchsten und im Materiellen mit keiner anderen Kraft und Erscheinung vergleichbaren Faktoren ausschließt, so gewiß die, welche den größeren spontanen und physikalischen Anteil des Gehirns an den geistigen Prozessen oder die große sensorielle und ökonomische Bedeutung des übrigen Organismus für die Energie des Seelenlebens übersieht.“

Von der Richtigkeit seiner Gedankengänge überzeugt, die ihn zwischen und gewissermaßen auch über die herrschenden Schulen stellte, konnte sein Vorgehen am Krankenbett nur darin bestehen, jeden Einzelfall nach seinen seelischen und körperlichen Bedingungen zu durchforschen und darauf die Therapie aufzubauen. Dieses Vorgehen ist jetzt wieder höchst modern. Wir tun nichts anderes und nennen es, nach meinem verehrten Lehrer Ernst KRETSCHMER, mehrdimensionale Diagnostik.

Albert Zeller war nur Arzt. Die Wissenschaft war ihm nur ein Diener bei der Bewältigung seiner ärztlichen Aufgabe. Jeder wissenschaftliche Ehrgeiz fehlte ihm. Er hat seine Gedanken, auf wenige Seiten komprimiert, an unscheinbarer Stelle veröffentlicht. Von den Besonderheiten jedes Einzelfalles angezogen, fehlte es ihm an stärkerem Interesse, umfassende Krankheitssysteme aufzustellen, ja, er war überzeugt davon, daß es solche in vollkommener Weise nicht geben könne. Er hat mit dieser Meinung trotz der großen Fortschritte, die auf dem Gebiet der Systematik gemacht wurden, letztlich recht behalten. Wenn er dennoch den Versuch einer Systematisierung gemacht hat, der als Zeller-Griesingersche Einheitspsychose in die Medizingeschichte eingegangen ist, so geschah es im wesentlichen zum Zweck einer besseren Verständigung. Zeller glaubte im Anschluß an französische Vorbilder, es gäbe nur eine Geisteskrankheit. Er sah in den vielen Erscheinungsformen verschiedene Stadien in der Entwicklung der einen Krankheit. Er glaubte, die Erkrankung beginne am häufigsten mit Melancholie und sie gehe über Tollheit und Verrücktheit in geistigen Verfall, den Blödsinn, über. Dieses System war doch etwas zu einfach und Zeller wußte in Wirklichkeit viel mehr. Er kannte z.B. schon damals die Tatsache, daß Depression und Manie häufig bei demselben Kranken im Wechsel auftreten, er wußte, daß Zeichen von Demenz die Prognose einer Depression trüben und vieles andere mehr. Den Versuch, sein Wissen zu systematisieren und weiter auszubauen, hat er nie gemacht. So wurde sein wissenschaftliches Werk von der weiteren Entwicklung völlig überholt, und zwar im wesentlichen durch KRAEPELIN und BONHOEFFER. Albert Zellers bleibendes Verdienst liegt nicht auf diesem Gebiet. Es liegt darin, daß er als einer der ersten ein auch nach heutigen Gesichtspunkten geradezu vorbildliches vielseitiges, lebendiges Anstaltswesen geschaffen hat. BODAMMER, einer der besten Kenner der Materie, Oberarzt in Winnental, nennt ihn daher auch mit Recht den „reinsten Vertreter der Anstaltsklassik“, wie er jene Epoche der Psychiatrie charakterisiert. Albert Zeller bemühte sich, von tiefem Mitleid getrieben und unter vollem Einsatz seiner eigenen Person, in einer wohl für immer vorbildlichen Weise unablässig um seine Kranken, in denen er auch im Zustand tiefsten Verfalls noch den Menschen als den Träger einer unsterblichen, im eigentlichen Sinne nicht erkrankbaren Seele achtete. Viktor von WEIZSÄCKER hat meinem Vater einmal eine Anekdote erzählt, die einfach und deutlich zeigt, wie Albert Zeller seine Kranken letztlich sah: Der württembergische König soll einmal im Gespräch mit Zeller diesen gefragt haben, ob denn Zellers Kranke, wenn sie in den Himmel kämen, dort auch noch verrückt seien. Das entschiedene und klare Nein, mit dem Zeller auf die wohl mehr humoristisch gemeinte Frage antwortete, habe den König betroffen gemacht, so daß er nur noch zu sagen vermocht hätte: „Das ist aber schön, wenn Herr Hofrat das glauben“. Man könnte diese Einstellung des ehrwürdigen Mannes einen christlichen Existenzialismus nennen, und tatsächlich wäre es durchaus angängig, die modernste psychiatrische Entwicklung, nämlich die Daseinsanalyse Ludwig BINSWANGERS, auf Zeller als auf einen legitimen Vorfahren zu beziehen. Das innerste Anliegen dieser Richtung der Psychiatrie ist, den geisteskranken Menschen wieder als Daseinspartner ernst zu nehmen. Die Daseinskommunikation zwischen Arzt und Patient gilt als Therapeuticum ersten Ranges und sie bezieht sich selbst, wie die ganze Existenzphilosophie, auf einen Zeitgenossen Zellers, den dänischen Philosophen KIERKEGAARD, dem auch das Christentum zum Ausgangspunkt seines Philosophierens wurde. Ludwig Binswanger selbst zitiert daher auch in seiner kleinen Schrift „Der Mensch in der Psychiatrie“ einen Satz Kierkegaards, der zeigt, welche Nähe zwischen seiner und Zellers Auffassung vom Geisteskranken besteht. Kierkegaard schrieb in seiner Schrift „Der Begriff der Angst“ vom Jahr 1844 folgendes:

„Der Arzt in einer Irrenanstalt, der dumm genug ist, zu glauben, er sei für alle Ewigkeit klug und seine Portion von Verstand sei dagegen versichert, je im Leben Schaden zu nehmen, ist in gewissem Sinne wohl klüger als die Wahnsinnigen, ist aber zugleich dümmer als sie und wird auch nicht viele heilen.“

Was Albert Zeller 1854 schreibt, klingt ungemein ähnlich und zeigt, daß er nicht in diesem Sinne „dumm“ war. Er spricht davon, einem Menschen, der geisteskrank geworden sei, sei nur etwas Menschliches begegnet, etwas, was jedermann unter uns begegnen könne und wahrhaftig ohne allen Verdienst und Würdigkeit den meisten Menschen nicht alle Minute begegne, nämlich von einer der schwersten Krankheiten, der Geisteskrankheit, betroffen zu werden. Wenn Kierkegaard diese Einsicht geradezu als Voraussetzung für die Heilkraft eines Psychiaters ansieht, so trifft dies bei Zeller sichtbar zu. Er hat viele geheilt, und zwar ohne die modernen Kuren, auf die wir so viel geben, ohne Insulin, Elektroschock und Megaphen. Während seiner 44 Jahre langen Tätigkeit (er war bis zu seinem Tode am 23. Dezember 1877 Leiter seiner Anstalt und hatte die meiste Zeit nur einen Assistenten, nämlich seinen Sohn Ernst, seinen Nachfolger im Amt) hat er 3600 Patienten behandelt und davon zwei Drittel als wesentlich gebessert oder genesen entlassen. Das war der Erfolg seines mit innerstem Anliegen betriebenen ärztlichen Tuns, seines ständigen Bemühens, der Individualität des Einzelfalles gerecht zu werden und zu verstehen, wo es eigentlich schon nichts mehr zu verstehen gab, nach Zellers Worten, den Sinn im Unsinn zu suchen. Er wollte allen alles sein. Albert Zeller wußte darüber hinaus um die heilsame Wirkung der Arbeit und hat lange vor SIMON die Grundprinzipien der Arbeitstherapie ausgearbeitet. Er wußte auch von den heilsamen Kräften, die von der Gemeinschaft ausgehen, er trieb im modernen Sinne Gruppentherapie. So erreichte die Krankenbehandlung damals eine einsame, vielleicht sogar seither nicht mehr erreichte Höhe. Wir Späteren können hieraus nur lernen, welche tiefe Heilkraft lediglich von der persönlichen tiefgehenden Anteilnahme ausgehen kann. Man wird aufgrund solchen Wissens kritisch gegen neuere psychotherapeutische Theorien zur Behandlung von Geisteskranken, auch wenn sie Erfolg haben. Denn die Theorie macht es nicht, wie das Beispiel Zellers lehrt.

Tragisch und zugleich erstaunlich ist, wie rasch das alles verfiel. Bereits 10 Jahre nach Zellers Tod war die Psychiatrie beherrscht von therapeutischem Nihilismus. Der Gedanke und die Einsicht von der Erblichkeit lähmte jeden therapeutischen Eifer. Man begnügte sich, bessere Diagnosen zu stellen und danach die Kranken in größere, modernen Vorstellungen besser entsprechende Anstalten einzuweisen. Dies alles vollzog sich trotz des Mahnrufes von Zellers Schüler, GRIESINGER, der als Begründer der wissenschaftlichen Psychiatrie in Deutschland gilt: und der seinen Studenten in Berlin an der Charite zurief:

„Glauben Sie nicht, daß die menschliche Teilnahme erlöschen müsse, wo die wissenschaftliche Forschung beginnt. Die großen Gedanken kommen aus dem Herzen; hilfreicher werden Kopf und Hand zu diesem Werke arbeiten, wenn Sie sich ein warmes Gefühl für das Unglück bewahrt haben.“

Die menschliche Teilnahme erlosch in heute kaum mehr vorstellbarer Weise: Eugenik war das Schlagwort, Euthanasie das Ende. Es liegt eine tiefe Tragik darin, daß das Lebenswerk eines Mannes, der mit Zeller befreundet und einer Meinung war, wie der badische Psychiater ROLLER, durch die Entwicklung völlig zerstört wurde. Die von ihm gebaute Anstalt Illenau, seinerzeit ein Schmuckstück und ein leuchtendes Beispiel, wurde geleert und geschlossen. Sie ist es auch heute noch.

Glücklicherweise ist in der modernen Psychiatrie wieder ein anderer Geist lebendig. Mein verehrter Lehrer Ernst Kretschmer ist einer der ersten unter der jetzt maßgeblichen Generation gewesen, der wieder zu verstehen versuchte, wo andere nur unverständliche Erscheinungen sahen, der den Kranken wieder ernst nahm und ihn im Rahmen seiner Konstitutionslehre unter allgemeinmenschlichen Kategorien sah. Ludwig Binswangers Daseinsanalyse ist diesem Lebenswerk keineswegs so fremd, wie man aufgrund der Tatsache ihrer Herleitung von HEIDEGGERS Ontologie und ihrer existenzphilosophischen Terminologie glauben möchte. Auch sie will nichts anderes, als die Äußerungen des Kranken in vollem Sinne ernst nehmen und als Ausdruck einer besonderen Form des Daseins verstehen. Ein großes internationales Gremium hat das Lebenswerk beider vor aller Welt im letzten Jahr durch die Verleihung der Kraepelin-Medaille ausgezeichnet. In einem anerkannten Lehrbuch, das vor kurzem erschienen ist, steht der Satz: „Psychotherapie ist die Methode der Wahl zur Behandlung der Schizophrenie.“

Die Ursache der Schizophrenie wird heute von weitaus den meisten in einem Zusammenwirken von Körperlichem, d.h. Anlagemäßigem und Konstitutionellem mit psychisch Reaktivem, Erlebnismäßigem gesehen. Ich glaube fast, Albert Zeller hätte gegen diese Formulierung gar nicht viel einzuwenden.

Viel einzuwenden hätte er allerdings gegen die Organisation unserer Anstalten. Er war bis zu seinem Lebensende ein entschiedener Vertreter der Lehre, daß man heilbare und unheilbare Kranke trennen müsse. Man müsse sie in örtlich getrennten Anstalten unterbringen. Winnental war Heilanstalt, Zwiefalten Pflegeanstalt. Er schrieb:

„Ohne die Möglichkeit einer Entfernung der unheilbaren störenden Kranken aus der Heilanstalt sinkt das beste Institut trotz alles Widerstrebens in kurzer Zeit zu einem Siechenhaus herab. Die Masse der Unheilbaren und Abgestorbenen wird immer größer, der Raum für die Heilbaren immer kleiner.“

Wie richtig diese Prophezeiung war, mußte er noch zu Lebzeiten in seiner eigenen Anstalt erfahren, die wenige Jahre vor seinem Tod gegen seinen Willen und zu seinem großen Leidwesen in eine Heil- und Pflegeanstalt umgewandelt wurde. Dies geschah aufgrund der damals als anerkannt geltenden Lehre, die falsch war, wie die Weiterentwicklung zeigte. Man sinnt heute überall auf die Schaffung neuer Heilinstitute, wobei in Amerika immer mehr der Weg eingeschlagen wird, psychiatrische Abteilungen mit rein therapeutischen Aufgaben an die großen Krankenhäuser anzuhängen. Sie verlieren dadurch ihren Schrecken und gewinnen höchstwahrscheinlich an Wirksamkeit. Die Entwicklung wird auch bei uns ähnliche Wege gehen müssen. Es wäre gut gewesen für die praktische Psychiatrie, wenn man seinerzeit Zellers unablässige Mahnungen auf diesem Gebiet nicht überhört hätte.

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