Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Christian Jakob Schumann (1755-1815)
und sein Sohn
Gotthilf David Schumann (1788-1865)
Apotheker und Chemiker

Aus: Rose Wagner-Zeller, Mosaik, Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 188-204
 
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Sophie Charlotte Herwig (1802-1843) und Gotthilf David Schumann (1785-1865)

Mit Christian Jakob Schumann wendet sich der Blick noch einmal zurück in die Zeit Herzog Karl Eugens, die Zeit des Übergangs aus der Feudalherrschaft alten Stils in eine modernere Welt nach der Französischen Revolution. Erst der Sohn Gotthilf David Schumann ist ein jüngerer Zeitgenosse des Dekans Friedrich August Herwig und des Oberjustizrats Johann Friedrich Zeller, und sein Leben führt weiter bis zu den Erschütterungen um das Jahr 1848. So werden in zwei Generationen ein und derselben Familie die Veränderungen vom 18. ins 19. Jahrhundert besonders deutlich.

Christian Jakob Schumann war ein Sohn jenes kinderreichen Johann Peter Schumann, der als erster der Familie in Esslingen ein Geschäft eröffnet hatte. Er betrieb einen Wein- und Mosthandel und nebenher ein „Spezereigeschäft“, eine Art von Gemischtwarenladen, wo es nicht nur „Spezereien“, nämlich Gewürze und Kolonialwaren gab, sondern auch andere Lebensmittel wie Butter und Käse und Kleinigkeiten wie Federn und Tinte für die Schüler der Lateinschule. Sein Bruder war jener andere Kaufmann Schumann, bei dem sich der flotte Offizier Karl von François einlogiert hatte, aber die Beziehungen zwischen den Familien waren nicht sehr eng.

Der Weinhändler soll ein stiller Mann gewesen sein, ruhig und fast schüchtern, so nennt ihn sein Enkel Julius in seinen schriftlich hinterlassenen Erinnerungen. In seiner Jugend soll er noch einen Zopf, kurze, enge Hosen, lange, bis zum Knie reichende Wollstrümpfe und Schnallenschuhe getragen haben und zum Kirchgang einen schwarzen Umhang. Um Geselligkeit und Politik hat er sich wenig gekümmert, aber er traf sich regelmäßig mit seinem Freund, dem Küfer, vom Haus gegenüber, mit dem er sich die Zeitung wechselseitig vorlas und die Zeitläufte besprach.

Sein Handwerk betrieb er sehr gewissenhaft im großen Haus in der Hinteren Kirchgasse 2 in Esslingen, aber zum Mosten fuhr er das eingesammelte Obst in die große Kelter und den ausgepressten Saft in Fässern wieder zurück. Sein Wein soll gut gewesen sein, er selbst habe nie zuviel davon getrunken. Immerhin habe sich einst, so erzählt es der Enkel, ein verurteilter Verbrecher, der auf einer Kuhhaut am Haus vorbei zur Hinrichtung geschleift worden sei, einen letzten Trunk von seines Großvaters bestem Wein erbeten. Der wurde ihm natürlich nicht verweigert, das Glas aber schleuderte die Großmutter, nachdem er getrunken, voll Abscheu auf die Straße.

Die Frau des Weinhändlers, Anna Rosina Widenmann, stammte aus Blaubeuren. Sie muss eine Frohnatur gewesen sein, freundlich, heiter, lebhaft und beliebt bei jedermann. Christian Jakob Schumann hat sie auf einer Fahrt mit dem Fuhrwerk in die Gegend dort kennen gelernt, als er in der Gaststube zum Hirschen eingekehrt war, in jenem Gasthof, den die Widenmanns seit Generationen bewirtschafteten und in dem auch Prälat Weißensee bekannt und willkommen gewesen war.

Die einzige Tochter des Hirschwirts erinnerte sich Zeit ihres Lebens aber auch noch an einen anderen Gast. Sie hatte schon früh gelernt, in der Trinkstube auszuhelfen, so auch an jenem Abend, als es plötzlich einen Lärm gab und unerbetene Gäste eintraten. Sie nahmen einen Mann fest, der dort, nichts Böses ahnend, saß und friedlich seinen Schoppen Wein trank. Es waren die Häscher des Herzogs Karl Eugen, die den überraschten Publizisten und Dichter Christian Friedrich Schubart verhafteten. Seine sehr freimütigen Artikel und frivolen Verse hatten den Herzog so verärgert, dass er unter einem fadenscheinigen Vorwand Schubart, der sich sonst in Ulm oder Augsburg aufhielt, nach Blaubeuren locken ließ, um ihn auf württembergischem Boden zu verhaften. Dem Recht entsprach das damals auch nicht, aber was kümmerte das Herzog Karl Eugen, der anschließend Schubart für mehr als zehn Jahre auf dem Asperg gefangen hielt. Hätte Anna Rosina das gewusst, ihre Tränen wären noch reichlicher geflossen als damals, wo sie mit ansehen musste, wie man mit dem Gast ihres Vaters umging. Ihre Teilnahme an seinem Schicksal an jenem Abend hatte Schubart so wohlgetan und gerührt, dass er sich noch viele Jahre später an das junge Mädchen dankbar erinnerte.

Anna Rosina hatte auch vorher schon allerhand erlebt. In ihrer Kindheit waren die Franzosen auf ihren Raubzügen auch in die Gegend von Blaubeuren gekommen, und die verängstigte Bevölkerung hatte sich vor ihnen in den nahen Wäldern versteckt. Plötzlich bemerkte der Hirschwirt, dass man in der Eile der Flucht vergessen hatte, das Bargeld in der verschlossenen Kassette im Gasthaus mitzunehmen. Es mag einiges darin gewesen sein, denn im Hirschen kehrten viele Leute ein; aber jetzt traute sich keiner, allein in den verlassenen Ort zurückzugehen und das Geld zu holen. Mutig nahm schließlich die zwölfjährige Anna Rosina den Schlüssel für die Kasse und kehrte wohlbehalten mit dem Geld zurück.

Aber auch sie selbst war einmal von einem Unglück betroffen worden. Während sie mit einigen Säcken voll Korn zur Mühle gefahren war und darauf warten musste, bis sie mit dem Mehl wieder heimfahren konnte, hatte sich über Blaubeuren ein Gewitter zusammengebraut. Der Blitz schlug in die Scheuer der Widenmanns ein, ein Feuer brach aus, und während man nur daran dachte, das Vieh zu retten, griffen die Flammen auf das Wohnhaus über und Rosinas schöne Mitgift an Weißzeug in der Truhe verbrannte.

Nun, sie kam in Esslingen in kein ganz armes Haus, aber mit anfassen musste sie auch dort. Ihr Mann widmete sich dem Wein- und Mosthandel, Anna Rosina stand mit einer weißen Haube und großen Schürze im „Spezereigeschäft“. Sie bediente jeden auch mit einem guten Wort, wusste wohl auch zu trösten und wurde so bald zur Vertrauten ihrer Kunden. „Frau Mamme“ nannte man sie und machte sie zur Patin unzähliger Kinder, deren Namen sie in ein Heftchen eintragen musste, samt den Geburtstagen, um die Geschenke zur rechten Zeit nicht zu vergessen.

Unter ihrer Obhut wuchs Gotthilf David auf, unbeschwert während der Kinderjahre, mit vielen Spielgefährten auf der Gasse und im großen Garten, aber niemals vergessen und sich selbst allein überlassen. Die vielbeschäftigte Mutter behielt alles im Blick. „In der Erziehung ihrer Kinder war sie sehr bestimmt und wusste ihren Befehlen mit rascher Hand Nachdruck zu verleihen“, aber sie muss es mit leichter Hand getan haben, denn der Enkel fügt hinzu: „Sie war das belebende Element im Hause, eine überaus gütige, treu besorgte, verständige Frau, an der wir Kinder bis in ihr Alter mit ganzer Liebe hingen.“

Natürlich wirtschaftete sie nicht ohne Hilfe im Hause. Sie hatte so ihre eigene Art, wie sie ein Mädchen prüfte, das sich bei ihr um eine Stelle bewarb. Sie führte sie im Hause herum und pflegte dabei unbemerkt den links von der Küchentür stehenden Besen umzuwerfen. Nahm das Mädchen ihn nicht ungebeten auf, wurde sie nicht eingestellt. Bei der körperlich schweren Arbeit, die damals in Haus und Garten, in der Kelter und im Laden zu leisten war, musste auch kräftig gegessen werden. Mittags wird es Suppe oder Brei gegeben haben, aber abends zur Hauptmahlzeit soll es immer Kalbsbraten gegeben haben zu sechs Kreuzer das Pfund. Was davon übrig blieb, wurde in der Küche in einem Kasten aufbewahrt, und wer tagsüber Hunger hatte, konnte sich ein Stück davon holen.

Gegessen wurde von Geschirr aus Zinn. Salzfässchen und Suppenschüsseln haben sich noch lange fortgeerbt, und auch die Fleisch- und Gemüseplatten, aber wenige der tiefen und flachen Teller. Mit denen hat es zweimal dasselbe Missgeschick gegeben. Zum Aufwärmen seien sie gelegentlich im Winter auf den heißen, eisernen Ofen in der Wohnstube gelegt worden. Zweimal hat man es aber vergessen, sie dort rechtzeitig herunterzuholen. So sind sie geschmolzen, und das Zinn ist am Ofen heruntergelaufen und hat furchtbar gestunken. Ähnliches sei mit den zinnernen Bettflaschen passiert, wenn man sie zum Aufwärmen ins obere Ofenloch gestellt und vergessen hatte, sie herauszuholen.

Manch Unglück hat es mit einer Öllampe gegeben, als die Mutter sie eben vom Kleiderschrank herunterholen wollte und plötzlich ein fieberkrankes Kind nach ihr schrie. Vor Schreck ließ die Mutter die Lampe fallen, und das Öl - es soll sich um ein dickes Leinöl gehandelt haben, in das der Docht hineinhing – floss auf den hölzernen Stubenboden. Nachdem das meiste abgeschöpft worden war, musste kalkhaltige Pfeifenerde mit Wasser zu einem Brei verrührt und damit der Fleck auf dem Boden dick beschmiert werden, um das restliche Öl aus den Holzdielen zu ziehen. Dergleichen ist nicht selten notwendig geworden, so heißt es.

Die Beleuchtung in den Häusern war dazumal überhaupt ein Kapitel für sich. Es war keineswegs so, dass die Leute in der dunklen Jahreszeit mit den Hühnern zu Bett gegangen und erst im Morgengrauen wieder aufgestanden sind. Die Arbeit, das Flicken und Nähen und vor allem die Hausarbeiten für die Schule mussten, sommers wie winters, zur gleichen Zeit gemacht werden, und das ging oft bis in die Nacht. Schon die Vorschule, in die der junge Gotthilf David Schumann mit sechs Jahren kam, begann um 7 Uhr morgens, in den Oberklassen der Lateinschule an manchen Tagen sogar schon um 6 Uhr in der Früh. Der Unterricht dauerte, von Pausen unterbrochen, bis 4 Uhr nachmittags. Nur eine Stunde lang durften die Buben dann draußen herumtollen, bis sie um fünf Uhr für die Schulaufgaben ins Haus gerufen wurden. Und dann saßen sie mit vorwiegend schriftlichen Aufgaben bis sieben, bis neun oder bis tief in die Nacht beim matten Schein einer Unschlittlampe, einer dicken Kerze aus Talg, während im Wohnzimmer auf dem Tisch die große Öllampe stand. Bei Schumanns hatte sie einen Schirm aus dünnem Milchglas, hübsch, aber so, dass die Zimmerecken nicht mehr voll ausgeleuchtet waren. Gelegentlich entzündete man deshalb dazu eine zweite, sehr alte, aber auch überaus kunstvoll gearbeitete Lampe. In der Küche stand dagegen eine einfache Öllampe, mit der man Besuchern beim Abschied die Treppe hinunter „heimleuchtete.“

Die Mädchen hatten damals übrigens viel weniger Schulunterricht als die Buben. Wissen, viel Bildung oder gar Gelehrsamkeit waren für sie unwichtig, wenn nicht gar schädlich, so dachte man. Was sie lernen mussten, das lernten sie bei der Mutter, das gute und sparsame Haushalten, das Flicken und Nähen und Vorratshaltung für den Winter. Johanna Regina Andreä hat darunter gelitten und sicher viele andere auch. Selma Schumann, Gotthilf Davids Tochter, hat wenigstens nebenher einen hervorragenden Klavierlehrer bekommen, als man ihre musikalische Begabung erkannte. Nur einen einzigen Vorteil hatten die Mädchen, dass nämlich in ihrem Schulunterricht der Rohrstock nicht ganz so schlimm seine bittere Rolle spielte wie bei den Buben.

Die meisten Lehrer hatten ja damals kaum eine pädagogische Ausbildung, wussten nichts von der kindlichen Psyche, sofern sie nicht ein inneres Gespür für die Empfindsamkeit von Kindern hatten. Natürlich hat es immer begnadete Lehrer gegeben, in deren Händen selten ein Stock zu sehen war, und bei denen die Kinder gern und meist mehr lernten als bei denen, die prügelten; aber für die meisten, besonders für die schwächeren Schüler war die Schulzeit eine qualvolle Hölle. Der Lernstoff musste möglichst auch dem unbegabtesten Schüler eingebläut werden, Auswendiglernen und nicht eigenes Nachdenken war das Lernziel. Viele Buben waren mit den alten Sprachen überfordert, denn schon die Sechsjährigen begannen in der 1. Klasse der Lateinschule mit Lateinunterricht. Besonders in den oberen Klassen, die auf das Landexamen vorbereiten sollten, versagten manche. Dafür waren, ähnlich wie heute, oft die Eltern verantwortlich zu machen, die, wie Eduard Schumann schreibt: „lieber hörten, dass ihr Kind faul, nicht dass es dumm sei,“ und gegen Faulheit half eben nur der Rohrstock, der unbarmherzig Tatzen auf die Kinderhände austeilte oder auf den Rücken der Buben „tanzte“.

Auch Gotthilf David Schumann besuchte nach der Vorschule die Lateinschule in Esslingen, die seit der Mitte des 18. Jahrhunderts „Pädagogium“ hieß und von 1799 an vom damaligen Stadtpfarrer Friedrich August Herwig als Rektor geleitet wurde, der später als Dekan Schumanns Schwiegervater werden sollte. Mit dieser Schule war seit 1598 ein „Kollegium Alumnorum“, ein Internat für auswärtige Schüler verbunden, die gegen ein bescheidenes Entgelt Unterricht, Kost und Wohnung erhielten. Sie trugen lange schwarze Kutten und durften sich durch „Umsingen“ in der Stadt ein Zubrot verdienen, wie das auch Martin Luther und Matthäus Alber getan hatten. Wie bescheiden die Lateinschule untergebracht war, geht daraus hervor, dass die einzelnen Klassen in einem großen Raum nur durch Bretterwände voneinander getrennt waren, durch die von den Schülern allerlei Unfug getrieben wurde, denn an mehreren Stellen waren Astlöcher ausgebohrt worden, durch die man Mitschüler der Nachbarklassen heranrufen und sie dann anspucken konnte, oder, was fast noch schlimmer war, man konnte ihren Zopf heimlich herüberziehen und festhalten. Rektor Herwig sorgte dafür, dass die Wände mit „Kübel und Kelle“ dicht gemacht wurden und drohte jedem, der jetzt noch ein Loch bohrte, mit strenger Bestrafung.

Das Binden der Zöpfe jeden Morgen war übrigens eine langwierige Sache und ebenso das Anlegen der engen Lederhosen. Die Buben mussten von der Mutter mühsam in die Beinkleider „hineingeschüttelt“ werden. Zum Glück wurden die Zöpfe bald abgeschnitten, die Hosen, ähnlich haltbar wie die Seppelhosen unserer Tage, blieben noch lange. Und merkwürdig lange hielt sich auch das Schreiben mit dem Gänsefederkiel. Selbst als es bereits Stahlfedern gab, mussten die Schüler der Lateinschule noch mit natürlichen Federn schreiben und sie mit dem sehr scharfen Federmesser selbst immer wieder anspitzen, wobei mancher Schnitt auch in den Finger ging.

Ob Gotthilf David sich dem Landexamen stellte und durchfiel, ist nicht überliefert, aber fast zu vermuten, da er nicht Theologie studieren durfte, was er sich gewünscht hatte. Stattdessen schickte man ihn nach der Konfirmation, die ja gleichzeitig den Schulabschluss bedeutete, nach Blaubeuren in die Widenmann'sche Apotheke, die ein Bruder seiner Mutter führte. Vier Jahre dauerte die Lehre, die nicht immer erfreulich war, weil der Onkel viel getrunken habe, wodurch Gotthilf David zeitlebens einen Abscheu vor dem „Saufen“ behielt. Gern hätte er anschließend in Tübingen studiert, aber erst durch die Fürsprache seines alten Lehrers Herwig gab der Vater später dazu seine Zustimmung. So ging er zunächst als Apothekengehilfe nach Calw, dann nach Biberach. Dort war er so wenig gefordert, dass er abends Privatstunden in den alten Sprachen nehmen konnte, um sich auf das Studium weiter vorzubereiten. Daneben lernte er Französisch, nahm Klavier- und Gesangsunterricht sowie Zeichen- und Malstunden. Sein Zeichenlehrer, namens Pflug, soll im Biergarten sitzend, Köpfe, die ihn fesselten, auf seinem Daumennagel skizziert haben. Sein Dienst erlaubte ihm sogar, an Fastnachts- und Passionsspielen teilzunehmen, die im katholischen Oberland mehr im Schwange waren als daheim in Esslingen.

Das hielt ihn aber nicht ab, in einer Tübinger Apotheke eine freigewordene Stelle anzunehmen in der Hoffnung, nebenher studieren zu können. Leider trog ihn diese Hoffnung, denn die Tübinger Apotheke hatte so viel Kundschaft, dass bis in die Nacht Salben gerührt und Arzneien gemischt werden mussten. Erst mit 23 Jahren erlaubte ihm der Vater dann doch ein zweijähriges Studium der Chemie und Botanik, das er mit solchem Eifer betrieb, dass man am Ende daran dachte, ihn selbst Vorlesungen in Chemie halten zu lassen. Sein Vater jedoch erklärte seine Zeit in Tübingen für beendet und rief ihn nach Esslingen zurück, wo man vorhatte, ihm eine freigewordene Apotheke zu kaufen.

Wäre er doch einen Tag später heimgekommen! Der Wehrdienst wäre ihm erspart geblieben, denn um Abwesende kümmerte sich niemand, aber kaum hatte der gehorsame Sohn das Elternhaus betreten, da wurde er auch schon von der Behörde erfasst, die die Rekruten aushob. Sein Vater machte sich sofort die bittersten Vorwürfe, dass er den Sohn zu früh zurückgerufen habe. „Alle Trübsale brechen über mir zusammen“, klagte er, denn schon diente sein Sohn Peter bei den Soldaten im Feldlager Napoleons. Er war bereits verwundet worden, war aber danach schon wieder an der Front. Der Kummer, dass nun auch Gotthilf David am Anfang seiner beruflichen Laufbahn zum Militär musste, warf den Vater aufs Krankenbett.

Auch Gotthilf David selbst war sehr enttäuscht über diese Wende seines Schicksals. Zwar rettete ihn seine starke Kurzsichtigkeit davor, ins Feld geschickt zu werden; er wurde als Quartiermeister in Ludwigsburg auf der Schreibstube beschäftigt, aber die stumpfsinnige Schreiberei und das raue Kameradenleben machten ihm sehr zu schaffen. Sein Vater versuchte immer wieder, ihn vom Dienst freizubekommen, vergeblich. Da griff das Schicksal ein, diesmal zu Gotthilf Davids Gunsten. Noch einmal wurden die Soldaten in den Kasernen durchgemustert; aber einen so stark kurzsichtigen Schützen wie Gotthilf David konnte man wirklich nicht brauchen. Er wurde für untauglich erklärt, und voller Dankbarkeit schickte er sofort einen Boten nach Esslingen, um dies dem sterbenden Vater zu melden. Ständig blickte der Kranke zur Tür, hoffend den Sohn noch einmal zu sehen, aber erst einen Tag nach dem Tode des Vaters traf Gotthilf David in seinem Elternhaus ein. Er hatte zuvor in Stuttgart bei der Kommandantur sein offizielles Entlassungsschreiben abholen müssen.

Nun galt es, endlich im Beruf festen Boden unter die Füße zu bekommen. Er trat in eine Apotheke in Ludwigsburg ein und befreundete sich dort mit Justinus Kerner. Nach einigen Jahren bot sich plötzlich eine andere berufliche Möglichkeit. Gotthilfs Schwester Nane heiratete den Apotheker Bonz in Böblingen, und dieser Kollege war gleichzeitig Teilhaber an der dortigen „Chemischen Fabrik und Materialhandlung Bonz und Klaiber“. Schumann wechselte dorthin, bekam ein eigenes Labor, in dem er mit Eifer anfing zu experimentieren. Ein Lehrling, namens Schönbein, soll ihm dabei zur Hand gegangen sein, der später ein neues Gemisch für Schießwolle erfand und den Ozon entdeckte.

Gotthilf David Schumann ging nun mit dem Gedanken um zu heiraten. Seine Auserkorene war die 14 Jahre jüngere Sophie Charlotte Herwig, Tochter seines ehemaligen Rektors am Pädagogium, der mittlerweile Dekan in Esslingen geworden war. „Lotte“, wie sie in der Familie genannt wurde, war schlank und anmutig und wirkte mit ihren 19 Jahren noch sehr jugendlich und mädchenhaft. Dennoch gefiel es Gotthilf David nicht, wie sein patriarchalischer, zukünftiger Schwiegervater mit der Tochter umging. Nachdem er in dem ihm vertrauten Herwig'schen Hause einen Besuch gemacht hatte, geleitete ihn der Dekan die Treppe hinunter und fand – ordnungsgemäß – die Haustür verschlossen. Ungeduldig rief er nach dem Schlüssel, und als Lotte die Treppe hinuntereilte, empfing der Vater sie mit einer schallenden Ohrfeige und mit den Worten: „Soll ich die Türe vielleicht mit der Nase aufschließen?“ Da beschloss Gotthilf David, sein Mädchen so bald wie möglich zu heiraten, um sie dieser rauen Behandlung zu entziehen.

Im Januar 1821 war es soweit. Nach der Hochzeit zog (las junge Paar in eine Wohnung am Markt in Böblingen. Das Verhältnis der drei Teilhaber an der „Chemischen Fabrik“ war indessen nicht mehr das beste. Gotthilf David Schumann dachte deshalb daran, sich lieber als Apotheker selbständig zu machen. So stellte er 1821 beim Medizinalkollegium in Stuttgart den Antrag, eine Apotheke gründen zu dürfen. Er dachte an eine Apotheke in Jagstfeld, aber nachdem die Genehmigung dazu schon erteilt war, wurde zufällig eine bereits fertig eingerichtete Apotheke in Möhringen frei. Er konnte sie kaufen und zog 1823 nach Möhringen um.

Fünf Jahre später fügte es sich, dass ein Studienfreund aus Tübinger Zeiten im Hause einkehrte. Das von Gotthilf David selbstgebraute Bier schmeckte dem Freunde, einem Professor der Mathematik und Physik an der Landwirtschaftlichen Schule in Hohenheim, so vorzüglich, dass man darüber ins Gespräch geriet und Schumann sein immer noch lebhaftes Interesse an der Chemie verriet. Professor Riecke, der Freund, machte schließlich den Vorschlag, Gotthilf David als Dozent an die vor noch nicht langer Zeit gegründete Schule zu holen. König Wilhelm I., dem die Förderung der Landwirtschaft sehr am Herzen lag, war auch darauf bedacht, die 1818 von ihm ins Leben gerufene Schule ständig weiter auszubauen, und so bekam Gotthilf David Schumann 1828 einen Lehrauftrag für technische Chemie und landwirtschaftliche Botanik.

Es war allerdings recht beschwerlich, zweimal in der Woche den weiten Weg auf der staubigen Landstraße oder bei strömendem Regen nach Hohenheim zu machen, und außerdem an diesen Tagen die Apotheke in Möhringen zu schließen, da er keine Vertretung dort hatte. So reifte in ihm der Wunsch, seine Apotheke in das Hohenheim nahegelegene Plieningen zu verlegen, das bisher noch keine Apotheke hatte. Die Möhringer, die ihre Apotheke verlieren sollten, machten ihm freilich Schwierigkeiten, aber die Landwirtschaftliche Zentralstelle in Stuttgart, die den Dozenten Schumann schätzte, unterstützte sein Gesuch, zumal Gotthilf David, dem viel an der Stelle lag, erklärt hatte, er sei bereit, seine Vorlesungen unentgeltlich zu halten. So kam denn die Genehmigung, die Möhringer Apotheke nach Plieningen zu verlegen.

Ein nahe der Hauptstraße des Ortes gelegenes Haus fand sich bald. Der Kaufpreis betrug 2828 Gulden, aber es entstanden noch erhebliche Kosten durch den erforderlichen Umbau des dreistöckigen Hauses. Die Räume für die Apotheke wurden im Hochparterre eingerichtet, zu denen in der Mitte der Vorderfront rechts und links ein paar steinerne Stufen hinaufführten. Ein Jahr nach dem Kauf konnte die Einrichtung der Möhringer Apotheke dort untergebracht werden. Nun war der Weg nah, und Gotthilf David Schumann konnte sich von Anfang an mit Eifer beim Anlegen des botanischen Lehrgartens in Hohenheim beteiligen, denn er lehrte vornehmlich „Pflanzenphysiologie“, und er liebte Demonstrationen am Objekt, so wie ihm überhaupt ein möglichst praxisnaher Unterricht am Herzen lag. Heute ist der botanische Garten an der Südseite des ehemaligen Schlösschens Herzog Karl Eugens zu einem artenreichen Park geworden, in dem sich auch die Stuttgarter gern ergehen.

Es war ein Glück, dass der Landesvater alles förderte, was die Landwirtschaft heben und ihre Erzeugnisse mehren konnte, und so ist es kein Zufall, dass der König im selben Jahr 1818, als er die Landwirtschaftliche Schule gründete, auf dem Cannstatter Wasen ein Fest ins Leben rief, auf dem die Bedeutung bäuerlichen Lebens sichtbar werden sollte. Als „Cannstatter Volksfest“ ist dieses jährliche Treffen zu einem Höhepunkt schwäbischer Lebensfreude geworden.

Bis ins Jahr 1840 lehrte Gotthilf David Schumann in Hohenheim, dann nahm er mit dem Titel „Professor“ seinen Abschied. Er war erst 52, aber klagte über Herzbeschwerden, vielleicht hatte er sogar einen leichten Schlaganfall. Drei Jahre später gab er auch die Apotheke auf. Er verkaufte sie und ging zurück in seine Heimatstadt Esslingen. Kurz vor dem Umzug wurde ihm das jüngste Kind geboren, Eduard. Im Oktober desselben Jahres sah seine Frau schon wieder Mutterfreuden entgegen. Aber nach 16 Geburten in einer 22-jährigen Ehe waren ihre Kräfte erschöpft. Nach einer Frühgeburt fühlte sie sich so geschwächt, dass sie den Tod in sich spürte. Wiederholt bat sie ihren Mann, ihr das alte Lutherlied aus dem Gesangbuch vorzulesen:

Mitten wir im Leben sind mit dem Tod umfangen,
Wen suchen wir, der Hilfe tu, dass wir Gnad erlangen?
Das bist du, Herr, alleine.
Uns reuet unsere Missetat, die dich, Herr, erzürnet hat.
Heiliger, barmherziger Heiland, du ewiger Gott,
lass' uns nicht versinken in des bitteren Todes Not!
Erbarm' dich unser!
Mitten in dem Tod anficht uns der Höllen Rachen,
Wer will uns aus solcher Not frei und ledig machen?
Das tust Du, Herr, alleine.

Ähnlich wie einst Anna von Kirchberg-Zimmern, die ihren Sohn im Angesicht des Todes um ihren Ablassbrief bat, richteten sich Lotte Schumanns Gedanken in den letzten Stunden auf Gottes Gnade und Barmherzigkeit. Der plötzliche und „jähe“ Tod, wie ihn sich heute die meisten Menschen wünschen, war damals gefürchtet.

Mit 41 Jahren starb Gotthilf Davids geliebte Lotte, zwei Tage nach der toten Frühgeburt. Ihr jüngstes Kind war noch kein Jahr alt, der 20-jährige, älteste Sohn hatte, nach Ableistung des Wehrdienstes gerade mit dem Studium am Polytechnikum in Stuttgart begonnen. Großmutter Herwig nahm sich zunächst der mutterlosen Kinder an, dann kam eine ledige Tante ins Haus. Gotthilf David, der sich gesundheitlich gut erholt hatte, heiratete acht Monate nach Lottes Tod Wilhelmine Zeller, die Schwester des Philosophen Eduard Zeller. Sie wurde den fünf Kindern, die noch im Hause lebten - sie waren fünfzehn, zwölf, acht, vier und ein Jahr alt - eine sehr geliebte zweite Mutter. Der damals achtjährige Julius sagt später in seinen Erinnerungen über sie: „Ich kann es nicht mit Worten sagen, was diese durch Gaben des Geistes und Gemüts ausgezeichnete Frau uns geworden ist, eine Mutter voll uneigennütziger Liebe und aufopfernder Treue.“

Gotthilf David Schumann fühlte sich noch nicht alt genug, um die Hände in den Schoß zu legen. Zunächst reizte ihn die Lösung eines chemischen Problems. Aus der Wollspinnerei von „Merkel und Wolf“ in Esslingen floss nach dem Waschen der Wolle eine stark seifige Brühe in den Neckar. Schumann kam auf den Gedanken, ob man nicht die Seife herauslösen und irgendwie weiterverwenden könnte. Er zog in ein der Fabrik nahe gelegenes Haus - die bisherige Wohnung, in der ihn alles an seine Lotte erinnerte, war ihm verleidet. Ein Bach floss in der Nähe vorbei. Im Untergeschoss stellte er große Bottiche auf, in denen die seifige Brühe mit wechselnden Chemikalien gemischt wurde. Das Umrühren besorgte ein dafür angestellter Taglöhner, aber trotz jahrelanger Versuche führte die Sache zu keinem verwertbaren Ergebnis und wurde schließlich aufgegeben. Ein Zwischenspiel blieb auch die Beschäftigung in einer Marbacher Färberei. Der Ofen, in dem die gefärbten Tuche getrocknet wurden, brannte ab; es kam zu finanziellen Schwierigkeiten der Fabrik, und die aushäusige Arbeit - am Sonntagabend nach Marbach, am Samstagabend zurück nach Esslingen - war zu beschwerlich.

Da kam Gotthilf David Schumann die Aufforderung gelegen, ein Buch zu schreiben: eine „Anleitung zum chemischen Experimentieren für Realschulen und zur Selbstbelehrung“. Es erschien 1849 unter dem Titel: „Chemisches Laboratorium“. Es war die letzte von seinen verschiedenen Schriften, die sich fast alle mit der praktischen Anwendung von chemischtechnischen Vorgängen beschäftigten, darunter modern anmutende Überlegungen wie „Empfehlenswerte Muster einer öffentlichen Speiseanstalt, in welcher das Kochen der Speisen durch Dampf geschieht.“

Die „Speiseanstalt“ beschäftigte Gotthilf David nicht von ungefähr. Schon während der Hungerjahre 1816 auf 1817 hatte die junge Königin Katharina Suppenküchen in vielen Ortschaften eingerichtet, wo kostenlos oder gegen geringes Entgelt Essen ausgegeben wurde. Jetzt, 1847, war das Land wieder in einer Wirtschaftskrise. Missernten ließen die Preise steigen, und manch einer musste hungrig zu Bett gehen. Da rief Gotthilf David in Esslingen eine „Speiseanstalt“ ins Leben, wo Bedürftige verköstigt wurden. Sie wurde nur durch private Spenden finanziert und bestand ungefähr eineinhalb Jahre lang.

Die wirtschaftlichen Verhältnisse besserten sich freilich nur sehr langsam, daran war unter anderem die Verunsicherung durch die revolutionären Unruhen von 1848 auf 1849 schuld. Zwar führten sie in Württemberg nicht wie im Nachbarland Baden zu blutigen Auseinandersetzungen, aber eine Zeit lang konnte man dessen doch nicht so ganz sicher sein. Gotthilf David Schumann erwartete anfangs - wie sein Sohn Julius schreibt - „sehr viel Gutes für die Völker, begeisterte sich für manche Freiheitsbestrebungen und erhoffte vor allem viel von einer freien Presse“, aber die gewaltsame Niederschlagung des Aufstands in Rastatt führte zu Angst, Enttäuschung und Ernüchterung. Er verfolgte das Geschehen mit Anteilnahme; er soll damals viel öfter als es sonst seine Gewohnheit war, auf ein Bier ins Wirtshaus gegangen sein, denn wo sonst gab es die neuesten Nachrichten.

Unter der weitläufigen Verwandtschaft gab es auch einen jungen Mann, der voller Begeisterung für die Sache der Freiheit zu den Freischärlern nach Baden geeilt war. Theodor Mögling, der älteste Sohn von Pfarrer Mögling in Brackenheim, war für die damalige Zeit ein Querdenker, einer, der schon früh die Republik für die bessere Staatsform hielt, während die Männer der „Paulskirche“ in Frankfurt die konstitutionelle Monarchie anstrebten. Er fand bei den Aufständischen in Baden um Hecker und Struve seine Gesinnungsgenossen und schloss sich ihnen an. Die Familie machte sich die größten Sorgen um ihn, und der Vater beschloss, den Sohn in die Heimat zurückzuholen, aber die Mutter erklärte, sie als Frau könne das sehr viel besser. Sie traf sich mit ihrem Sohn, konnte aber nichts erreichen, denn er erklärte, er könne weder seine Kameraden, noch die Sache der Freiheit im Stich lassen. Unverrichteter Dinge kehrte sie heim, während Theodor Mögling in das Gefecht zog, das ihm zum Verhängnis werden sollte.

Die Freischärler hatten ihn als einen ihrer führenden Köpfe zum Hauptmann gewählt. Bei Waghäusel, nahe Bruchsal, stellten sie sich den preußischen Truppen entgegen, die von der großherzoglich-badischen Regierung um Hilfe bei der Niederschlagung des Aufstands gebeten worden waren. Hoch zu Ross gelang es Mögling zunächst, einen Flügel der Preußen zurückzudrängen, bis ihm eine Kugel den linken Oberschenkel zerschmetterte. Aus einem Anfangserfolg wurde eine Niederlage; verwundet wurde Theodor Mögling nach Heidelberg in ein Lazarett gebracht. Es war ihm dort gelungen, seinen Namen zu verheimlichen; das Bein begann zu heilen, und schon planten seine Freunde, ihn zu seiner Rettung aus dem Lazarett zu entführen, da wurde er      unabsichtlich - von seiner Schwester enttarnt.

Sie kam zur gleichen Zeit auf Heimaturlaub als Missionarsfrau aus Indien zurück und übernachtete auf dem Weg zu ihren Eltern in Heidelberg. Durch Zufall erfuhr sie, dass ihr Bruder verwundet dort im Lazarett lag. Arglos und mit den politischen Verhältnissen sicher nicht so vertraut, wollte sie ihn dort aufsuchen. Die Besuchserlaubnis musste der Kommandant erteilen. Auf die Frage, wer denn ihr Bruder sei, nannte sie seinen Namen. Nun war die Falle zugeschnappt. Man bat sie freundlich, den Kranken in den Sälen selbst zu suchen, gab ihr aber als Begleitung einen Offizier mit. Als sie den Bruder fand und ihn freudig begrüßte, soll er sie mit einem kräftigen Fluch und folgenden Worten empfangen haben: „Du hast mich ans Messer geliefert, jetzt werden sie mich erschießen, da sie meinen Namen wissen.“ Und in der Tat, er wurde festgenommen, in eine Gefängniszelle verlegt, von nun an ohne jede ärztliche Betreuung, da man mit seiner baldigen standrechtlichen Erschießung rechnete. Theodor Mögling wurde auch wirklich zum Tode verurteilt, aber König Wilhelm, der von seinem Vater, Pfarrer Mögling, um Hilfe angerufen worden war, konnte erreichen, dass für seinen württembergischen Untertan das Urteil in zehn Jahre Zuchthaus umgewandelt wurde. Er musste die Strafe im Zuchthaus zu Bruchsal in Einzelhaft absitzen. Nach sechs Jahren und acht Monaten kam er frei, war aber körperlich und seelisch ein gebrochener Mann. Zwar heiratete er noch seine Braut, die treu all die Jahre auf ihn gewartet hatte, bewirtschaftete noch knapp zehn Jahre seinen Hof - er war gelernter Landwirt  kam aber mit dem Leben nicht mehr zurecht. Er starb im Irrenhaus.

Zurück zur Familie Schumann. In das Jahr 1848 fiel eine schwerwiegende Entscheidung für Gotthilf Davids Tochter Sophie, eine Entscheidung, die nicht die Tochter, sondern der Vater, obwohl nicht ohne Bedenken, für sie getroffen hatte. Zwei Männer warben um ihre Hand. Der, den sie liebte, war ein Esslinger Theologe, noch jung und daher noch nicht in Amt und Würden. Er hielt in einem Brief um ihre Hand an, der Sophies Vater erst erreichte, nachdem er tags zuvor seine Tochter dem Missionar Michael Bühler zugesprochen hatte. Der 31-Jährige stand im Dienst der 1816 gegründeten Basler Mission, die von kirchentreuen Württembergern mitgetragen und sehr unterstützt wurde. Der junge Mann war bereits in Nilagiri in den „Blauen Bergen“ in Indien tätig und hielt nach einer schwäbischen Braut Ausschau. An Sophie Schumann erinnerte er sich, da sie oft Verwandte in Adelberg besucht hatte, wo er zu Hause war. Die zwölf Jahre Jüngere hatte ihn dort zwar gesehen, aber nie ein Wort mit ihm gewechselt. Jetzt sollte sie, die kein Wort englisch sprach, mit neunzehn Jahren in weiter Ferne einen fremden Mann ehelichen. Es flossen viele Tränen beim Abschied und machten auch dem Vater das Herz schwer, aber er konnte und wollte sein einmal gegebenes Wort nicht widerrufen.

Sophie fuhr zunächst für ein halbes Jahr nach Basel ins Missionshaus, bis sich jemand fand, der sie nach London begleitete. Auf die Mitreisenden, die sie auf der Weiterfahrt nach Indien betreuen sollten, wartete sie vergeblich; so bestieg sie das Schiff, das sie nach Kairo bringen sollte, allein. Dort brachte sie ein „Wüstenkarren“, was immer das war, bequem war's sicher nicht, nach Suez. Den Kanal für eine Durchfahrt vom Mittelmeer aus gab es noch nicht. Allein reiste sie weiter auf einem Kriegsschiff nach Bombay, wo Michael Bühler sie erwartete. Schnell war die Trauung vollzogen, dann folgte sie dem Ehemann in die Einsamkeit der „Blauen Berge.“ Als sie von ihrem ersten Kind, einer Tochter, Sophie genannt wie die Mutter, entbunden wurde, war der englische Militärarzt so ungeschickt, dass sie eine innere Verletzung erlitt, aus der sich eine langsam wachsende Geschwulst entwickelte. Als dann drei Jahre später ihr Ehemann an der Cholera starb, hielt sie nichts mehr in Indien. Auf einem Segelschiff trat sie mit der dreijährigen Tochter und einigen Missionaren, deren Frauen und 25 Kindern die Heimreise an. Die Fahrt muss abenteuerlich gewesen sein. Nach der stürmischen Umsegelung des Kaps der Guten Hoffnung erreichten sie mehr als drei Monate später London. Über Paris ging's zurück nach Basel, dann endlich heim zu den Eltern. Zehn Jahre lang führte sie dem besten Freund des Vaters, Oberjustizrat von Williardts, den Haushalt, lebte danach bei Verwandten, bis sie unter sehr großen Schmerzen an jener, angeblich inoperablen, riesig angewachsenen Geschwulst starb. - Mein erstes schönes, in Leder gebundenes Gesangbuch, das ich zur Konfirmation 1926 bekam, schenkte mir ihre Tochter, Sophie Bühler.

Auch ein Sohn Gotthilf Davids ging ins Ausland. Viele junge Württemberger suchten damals während der wirtschaftlichen Flaute im Lande nach besseren beruflichen Möglichkeiten in Amerika. Theodor Schumann war Apotheker wie der Vater, der großen Anteil an den Studien des Sohnes nahm. Er hätte ihn gern in der Nähe behalten, verweigerte ihm deshalb das Reisegeld für die Überfahrt nach den USA, aber konnte Theodor doch nicht halten. Der verdiente sich das Geld für die Überfahrt selbst und landete 1854 nach fast zweimonatiger Seereise in New York. Nachdem er dort eine Apotheke erworben hatte, ließ er seine Braut nachkommen und heiratete, aber schon fünf Jahre später starb sie an der Schwindsucht, wie man die Tuberkulose früher nannte. In Edwine Hirzel aus Tübingen fand er eine zweite deutsche Frau.

Die Beziehungen zu dieser „amerikanischen Verwandtschaft“ waren eng und langlebig. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte ein junger amerikanischer Besatzungssoldat bei den Verwandten in Stuttgart ein. Ich selbst war mit einer Enkelin Theodor Schumanns eng befreundet, die ich mehrmals in Deutschland und in England getroffen habe. Die Amerikanerin Elizabeth Shearer war mit einem Schotten verheiratet und lebte mit ihm in Cleeve Hill in England. Als ich 1938 auf 1939 als German Assistant an einer Schule in London unterrichtete, verbrachte ich die Weihnachtsferien bei ihr, und als wir gemütlich am knisternden Kaminfeuer saßen, überraschte sie mich mit schwäbischem Weihnachtsgebäck, von ihr gebacken nach „Großmamas Rezept“.

Gotthilf David Schumann hat sich im Alter immer stärker um soziale Probleme gekümmert und sich tatkräftig für benachteiligte Gruppen eingesetzt. Durch die von ihm ins Leben gerufene Speiseanstalt war er in der Bürgerschaft bekannt geworden, und so wählte man ihn 1850 zum Armenpfleger, in ein Amt, das er bis 1865, bis zwei Jahre vor seinem Tod innehatte. Dabei unterstand ihm das schon 1233 gestiftete „Katharinenhospital“ der Stadt Esslingen, in dem Kranke, Alte und Arme aufgenommen wurden. Das Stiftungsvermögen war ursprünglich so hoch, dass sich das Spital aus den Einkünften seines eigenen, großen Grundbesitzes gut selbst tragen konnte. Gerade um 1850 herum war aber das Vermögen durch die Aufhebung der bäuerlichen Abgaben und Grundsteuern so zusammengeschmolzen, dass nun von Stadt und Kirche Zuschüsse in Anspruch genommen werden mussten. Gotthilf David Schumann hat sich in vielen Spitälern anderer Städte umgesehen, um zu erfahren, wie anderswo Verwaltung und Pflege gehandhabt wurden. Im „Katharinenhospital“ ging er ein und aus, hielt sonntags auch manchmal Andachten dort, obwohl er kein Theologe war, und blieb so stets in enger Beziehung zu denen, die dort arbeiteten oder gepflegt wurden.

Da er ein eifriger Spaziergänger war, fielen ihm immer häufiger die vielen Kinder auf, die unbeschäftigt und sich selbst überlassen in den Straßen herumstreunten. Da gab es oft Geheul und Geschrei, Zank und Tränen. Mancher Erwachsene fuhr zornig mit dem Spazierstock dazwischen, aber was half es, die Kleinkinder blieben bei Wind und Wetter draußen, bis die Eltern von der Arbeit kamen.

Die beginnende Industrialisierung führte auch in Esslingen, wie überall, zu elenden Lebensbedingungen für Arbeiterfamilien. Der Vater als alleiniger Verdiener konnte eine große Kinderschar nicht mehr ernähren, und wenn er durch Unfall oder Krankheit ausfiel, gab es keine staatliche Unterstützung. So mussten die Frauen mitverdienen, unter ihnen viele Mütter. Auch zuvor hatten viele von ihnen mitgearbeitet, aber wenn sie als Waschfrauen, Büglerinnen und Flickerinnen in wohlhabende Häuser gingen, konnten sie oft die Kinder mitnehmen. Sie wurden verpflegt und konnten manches auch in Heimarbeit erledigen. Jetzt begannen die Frauen in die Fabrik zu gehen, ihre noch nicht schulpflichtigen Kinder schickten sie auf die Straße. Das musste geändert werden. Gotthilf David Schumann setzte sich hin und entwarf einen Plan zur Errichtung einer „Kinderpflege für die ärmeren Klassen“.

Er suchte Gleichgesinnte, gründete ein Komitee und warb im „Esslinger Wochenblatt“ um Spenden, denn der Staat sah sich damals noch nicht verpflichtet, solche Einrichtungen zu unterstützen. Im Juli 1857 wandte sich Professor Schumann als der Vorsitzende des Komitees „an den erprobten Wohltätigkeitssinn der hiesigen Einwohner“ und bat „herzlich um geneigte Beiträge, nachdem das Königliche Oberamt das Einsammeln von Liebesgaben gütigst gestattet“ hatte. Das Geld kam so schnell zusammen, dass die „Kinderpflege“ schon im September des Jahres eröffnet werden konnte. Im Hause des Messerschmieds Stahl wurde für 66 Gulden jährlich eine Stube angemietet, die unverheiratete Schwester des Besitzers, Fräulein Stahl, übernahm für 150 Gulden die Beaufsichtigung und Beschäftigung der Kinder; Licht und Holz für die Heizung kosteten 40 Gulden, und für 24 Gulden wurde das Notwendigste angeschafft. Schließlich sollten für 20 Gulden noch Christgeschenke für die Kinder gekauft werden, und so beliefen sich die gesamten Betriebskosten auf 300 Gulden jährlich.

Die Kinder strömten herbei. Fräulein Stahl musste bald ihre Schwester zur Betreuung mit heranziehen. Nach zwei Jahren kamen schon an die hundert Kinder, auch solche aus „besseren Verhältnissen“. Nur diese zahlten ein monatliches „Schulgeld“ von 18 Kreuzern, aber sie mussten zurückstehen, wenn der Platz für bedürftige Kinder benötigt wurde. Es wurde sehr eng in der Stube, und es war kaum besser, als nach ein paar Jahren die „Kinderpflege“ mit fast 150 Kindern in das Haus von Schlosser Rieger umzog. Da musste Ordnung herrschen. Geschichten wurden erzählt, vorwiegend aus der Bibel, Sprüche und Lieder und einfaches Rechnen wurden gelernt und Choräle gesungen, vielleicht auch ein wenig gehandarbeitet. An freies Spielen war nicht zu denken. Es hat lange gedauert, bis den Erwachsenen bewusst wurde, dass Kinder einen eigenen und weiten Freiraum brauchen, um gesund und fröhlich heranwachsen zu können. Aber ein Anfang war gemacht. Aus der ehemaligen „Kinderpflege“ ist heute ein moderner Kindergarten geworden, der 1957 sein hundertjähriges Bestehen feiern konnte.

Für ältere Kinder rief Gotthilf David Schumann andere Möglichkeiten ins Leben, durch die sie sich nützliche Handfertigkeiten aneignen konnten. In der „Handarbeitsschule“ übten die Mädchen nähen und stricken, die Buben lernten das Korbflechten. Weder Korbwaren noch Hemden, Kittel und Strümpfe wurden damals als Massenartikel fabrikmäßig hergestellt, die ersten Trikotfabriken waren eben erst im Entstehen. Wohlhabende Familien beschäftigten Schneiderinnen und Weißnäherinnen. Für den eigenen Bedarf war es noch lange am billigsten, Unterwäsche, Strümpfe und Bettwäsche selbst herzustellen. Auch die „Handarbeitsschulen“ waren keine ganz neue Erfindung, sie gingen auf Initiativen von Königin Katharina zurück. Alles dort Hergestellte wurde auf Ausstellungen gezeigt und im Handel angeboten. Der Verkauf dieser Produkte bescherte den bedürftigen Jugendlichen ein bescheidenes Zubrot, und gleichzeitig lernten die Kinder dabei Handfertigkeiten, die mehr und mehr in gewerblichen Betrieben gebraucht wurden. Die hohe Zuverlässigkeit und Qualifikation württembergischer Arbeiter hatte nicht zuletzt da ihren Ursprung. Um 1864 gab es 1450 solcher und ähnlicher Schulen in fast allen größeren württembergischen Ortschaften.

Obwohl Arbeit den Alltag der Menschen bestimmte, wusste Gotthilf David, dass es auch andere wichtige Lebensbereiche gab, auf die jeder ein Anrecht haben sollte. Er richtete Kurse für Fabrikarbeiterinnen ein, in denen Erbauliches und praktische Lebenshilfe geboten wurden, aber der größte Erfolg waren die Chorsingestunden, die er für die Arbeiterinnen einrichtete. Es war die hohe Zeit der Gesangsvereine, vorwiegend der Männerchöre, die sich allesamt im „Schwäbischen Sängerbund“ vereinten.

1863 legte Schumann das Amt des Armenpflegers nieder, 1865 gab er auch die Geschäftsleitung der „Kinderpflege“ ab. Er war alt geworden und müde, ohne besondere Beschwerden zu haben. Nur das Augenlicht nahm mehr und mehr ab, so dass er auch im Kirchengemeinderat nicht mehr mitwirken konnte. Seit 1851 der König durch ein Staatsgesetz diese Form der kirchlichen Selbstverwaltung nach reformiertem Vorbild in Württemberg eingeführt hatte, war Gotthilf David Schumann auch hier tätig gewesen.

Seine letzten Lebensjahre verlebte der alte Professor mit seiner zweiten Frau im Hause seines Sohnes Albert, der in Esslingen eine „Lappenfärberei“ betrieb, wo Tuche und Kleider, zertrennt und unzertrennt, sowie Wolle in Strängen gefärbt wurden. Den alten Chemiker interessierte das noch, aber mehr noch freute er sich, bequem auf der Terrasse sitzend, des schönen Gartens. Nach einem wahrhaft vollendeten Leben durfte dieser unermüdlich tätige Mann mit 77 Jahren ohne jeden Todeskampf im Kreise seiner Familie einschlafen.
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