Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019
2010:
                         Praktikum beim ZDF-Studio in Rom
Mit Unterstützung des Zellerverbandes hat Jakob Leube (NF 153.311), Student der Rhetorik und Romanistik an der Universität Tübingen, ein Semester lang beim ZDF-Studio in Rom Fernsehluft geschnuppert und interessante Erfahrungen gemacht
 
Bild Bild Bild
Unterwegs mit dem orangefarbenen ZDF-Mikrofon, begleitet von Kameramann Giulio und Luca, dem Tonassistenten

Häufiges Thema in der Berichterstattung aus Italien: Papst Benedikt Wir produzierten lockere Beiträge über Sommer, Urlauber und Eissorten für das „morgenmagazin“ oder „heute in europa“
 

O-Ton – Reax – Vox-Pop
„Wie geht es Dir jetzt?“ frage ich. „Schlecht, sehr schlecht. Ich weiß nicht, wie es weitergehen soll! Das ist eine Schande!“ sagt die blonde Frau Mitte 30, die in eine Trikolore gehüllt dasteht und deren grün-weiß-rote Schminke im Gesicht von Tränen verschmiert ist. Weinende Menschen bei Sportereignissen zu interviewen ist nicht gerade die Königsdisziplin im Journalismus. Aber das waren eben die Bilder, die das ZDF nach dem kläglichen Ausscheiden der Italiener bei der Fußball-WM in Südafrika haben wollte. Außerdem bin ich der Praktikant, also weiter geht's auf O-Ton-Jagd. Über 30.000 Italiener haben sich vor einer Leinwand in der „Villa Borghese“ versammelt, dem größten Stadtpark in Rom. Und es herrscht Trauer. Mittendrin stehe ich mit dem orangen ZDF-Mikrofon in Begleitung von Giulio, dem italienischen Kameramann und Luca, dem Tonassistenten. Erwartet werden „Reax“ - also Reaktionen und „Vox-Pop“ - vox populi, Volkes Stimme, für den Beitrag, der wenig später im Zweiten Deutschen Fernsehen ausgestrahlt werden soll. Also nach Abpfiff fix noch 5, 6 traurige Fans befragt: „Wie fühlt sich das an?“, „Woran lag es?“ - und dann blitzschnell im Taxi durch den römischen Stadtverkehr zurück. Einer von vielen Dreh-Terminen während meiner zweimonatigen Hospitanz im ZDF-Studio Rom.

Ankunft in Rom

Ein paar Wochen früher: Die Ankunft in Rom war bereits sehr italienisch, denn sie erfolgte mit einer 5-stündigen Verspätung. Das lag aber nicht an Italien und der bekannten Dehnbarkeit der Zeit, sondern am Radar über Süddeutschland - der war nämlich ausgefallen. Statt gemütlich um 19.00 Uhr kam ich dann nachts in der ewigen Stadt an. Hell beleuchtete überdimensionale Buchstaben kündigten den Flughafen in Rom an: „Emporio Armani“ (Den eigentlichen Namen „Leonardo da Vinci“ konnte ich nirgendwo entdecken). Zum ersten Mal in Rom - bei Nacht - verbrachte ich die Fahrt zu meinem Quartier staunend und mit offenem Mund.

„Ich werde Dich immer lieben, Giuseppe!“
Das kleine Zimmer am Rande des Künstlerviertels „Trastevere“ war sehr schön und rustikal. Aus dem Fenster sah ich nach links auf den Gianicolo-Berg mit dem Garibaldi-Denkmal, direkt unter mir parkte ein alter roter Fiat 500, rechter Hand fiel der Blick auf die wenige Meter entfernte Gefängnismauer. Nachts war dort die eine oder andere Ehefrau zu hören, die durch laute und durchdringende Schreie mit ihrem inhaftierten Ehemann oder Geliebten kommunizierte („Ich werde Dich immer lieben Giuseppe“, „Ich habe den Anwalt angerufen“...) Kein Fernsehen und Radio im Zimmer zu haben war also nicht schlimm, den die Soaps spielten sich direkt auf der Gasse ab. „Fernsehen“ sollte ich dann ja noch zur Genüge haben - jeden Tag von 9 - 17 Uhr.
Meine römische Vermieterin Laura, ihre Katzen und ich bildeten die WG, in der wir uns Küche und Essbereich teilten. Die nette Kunstdozentin Laura verblüffte mich mit der Frage, ob ich mit Mülltrennung vertraut sei (!) und riet mir nur Bio-Lebensmittel zu kaufen, denn alles andere sei ekelhaft und ungenießbar. Ich erklärte ihr, dass ich vorhatte 2 Monate umsonst zu arbeiten und mir deshalb nicht viel Spielraum für Völlerei blieb. Außer 60 Cent Spesenzuschlag pro Tag zahlte das ZDF mir nämlich keine müde Lire. Das ergibt einen Lohn von 26,40 € für 2 Monate. Dazu ist Rom mit London und Moskau der absolut teuerste Wohnungsmarkt. Deshalb hätte ich diese ganze Erfahrung ohne die Unterstützung des Zellerverbandes so nicht realisieren können!

Papst. Berlusconi. Mafia. Urlaub. Sonne. Eis. Fußball
Jeden Morgen ging ich 15 Min. zu Fuß am Tiber entlang und kam nach dem obligatorischen Espresso und Cornetto in der Bar in der „Via della Conciliazione“ an. Das ZDF-Studio befindet sich direkt neben dem Vatikan. Jeden Morgen war es meine Aufgabe die Nachrichtenlage zusammenzufassen. Das bedeutete mehrere italienische Zeitungen zu lesen und  die italienischen TV-Nachrichten zu schauen. Das musste ich dann in der morgendlichen Redaktionskonferenz zusammenfassen. Interessante Themen schrieb ich dann als kurzen Artikel auf deutsch, was dann später einmal die Woche als „Wochenangebot“ nach Mainz zur ZDF-Zentrale geschickt wurde. Alle Redaktionen des Senders in Deutschland haben so Einblick in das „Angebot“ der Auslandsstudios und es können dann Themen/ Beiträge bestellt werden. In 90 % aller Fälle war das bei uns in Rom: Papst. Berlusconi. Mafia. Urlaub. Sonne. Eis. Fußball. Es ist schade, dass immer nur über die Dinge berichtet wird, die „interessieren“ also mit was der deutsche ZDF-Zuschauer anscheinend etwas anfangen kann beim Thema „Italien“. Es vermittelt natürlich ein reales, aber auch relativ einseitiges Bild des Landes. Wenn man täglichen Einblick in ein Land und seine politischen, kulturellen und gesellschaftlichen Prozesse erhält wird einem nochmals bewusst, wie selektiv Berichterstattung ist. Interessant war auch die „Außenansicht“, wie Italiens Presse über Vorgänge in Deutschland berichtete. Als Horst Köhler abdankte war ironisch die Rede von „italienischen Zuständen im sonst so stabilen Deutschland.“ Ein weiterer medialer Dauerbrenner war die „junge und multiethnische Fußballmannschaft“ bei der WM. Ansonsten musst ich viel Recherche betreiben und den Redakteuren (u.a. Antje Pieper, die ich als Kind noch jeden Samstag im „Disney Club“ gesehen habe) zuarbeiten: Texte, Interviews und Zeitungsartikel übersetzen, oder z.B. die aktuelle Lage einer umstrittenen Gesetzesverabschiedung aufarbeiten und zusammenfassen, sowie Bildmaterial bei der italienischen (Öffentlich-rechtlichen) RAI bestellen. Meinem Italienisch, das zwar sehr gut in der Alltagssprache und recht ordentlich in anderen Bereichen seit dem Romanistik-Studium an der Uni war - tat es sehr gut jetzt jeden tag Zeitung zu lesen, Nachrichten zu schauen und Telefonate mit Pressesprechern oder potentiellen Interviewpartnern zu führen. Themenfelder wie Steuerhinterziehung, Sparpakete, politische Prozesse usw. haben meinen Sprachschatz enorm erweitert.

„Ciao Schako'b, das Gleiche wie immer?“
In der Mittagspause gab es einen Café in der Bar und ein Panino mit frischem Käse und Mortadella  bei Signora Bianca, einer rüstigen Rentnerin mit einem kleinen Laden im Borgo-Viertel hinter dem Vatikan. Das „Ciao Schako'b, das gleiche wie immer?“ war ein schönes Ritual-Gefühl, was man ja gern hat, wenn man länger im Ausland lebt. (Wer einmal zu ihr gehen sollte, dem sei auch ein Panino mit Bresaola, Rucola und Parmesan ans Herz gelegt.)  


morgenmagizin – auslandsjournal - heute
Im Gegensatz zum NDR, wo ich im Mai bei einer wöchentlichen Sendung („ZAPP“) mitgemacht habe war es spannend jetzt sehr tagesaktuell zu arbeiten und nach einem Anruf aus Deutschland schnell und spontan für irgendeine der ZDF Sendungen etwas Italienspezifisches zu machen. Wir produzierten lockere Beiträge über Sommer, Urlauber und Eissorten für das „morgenmagazin“ oder „heute in europa“, Beiträge über die schlechte Situation der Tourismusbranche für das „auslandsjournal“ und bei größeren Themen, wie z.B. dem Papst oder Mafiaverhaftungen waren die 1-4 minütigen Filme für „heute“ und das „heute-journal“.


Interviews

Dafür konnte ich außer den üblichen Umfragen zu allen möglichen Themen auch hin und wieder  selbstständig längere Interviews führen, z.B. mit dem Redaktionschef der Tageszeitung „Il Messaggero“ (Nach Italiens peinlichem Aus eben bei der Fußball-WM auf der Suche nach Ursachen - das kam dann am selben Abend im „heute journal“) oder dem Präsidenten des italienischen Städterats zur Lage der Kommunen in der Finanzkrise. Im Studio arbeiten 2 so genannte „Producer“, die Interviews führen und die meisten Drehs organisieren und begleiten. Die Korrespondenten kreieren danach mit dem Material einen Beitrag und sprechen ihre Stimme dazu ein. Unter dem fertigen Beitrag ist dann auch nur der Name der Korrespondenten zu finden - dafür verbringen sie auch viel Zeit in dunkeln Schnitträumen, während man als Mitarbeiter durchaus mehr „raus“ kommt. Die Arbeit als „Zulieferer“ für alle möglichen Sendungen des ZDF umspannt ein breites Feld von Themen. Von aktueller Politik oder Kultur bis hin zu Boulevard für die Sendung „leute heute“, wo es schonmal um die Modewoche in Mailand oder die Hochzeitsgerüchte von George Clooney am Comer See geht ist alles dabei. Die Auftragslage ist sehr davon abhängig, was sonst los ist in der Welt und Deutschland. Als die Bundespräsidentenwahl stattfand war die Berichterstattung hierzulande „voll“ und unser Telefon stand deshalb länger still.

An den Wochenenden oder nach Feierabend
An den Wochenenden oder nach Feierabend schlenderte ich,  oft auch mit mit Kollegen, lange durch Roms Gassen, oder durch Trastevere bei mir um die Ecke - dort konnte ich den Touristenwellen, die mich tagsüber oder auf dem Weg zur Arbeit umspülten, etwas entfliehen. Aber natürlich schaute ich mir auch die berühmten Schauplätze wie Kolosseum, Trevibrunnen oder Spanische Treppe, Werke von Michelangelo und Bernini, sowie gefühlte 1000 Museen an...Rom ist unglaublich. Es kann einen durchaus mal erschlagen. Mehr über die italienische Hauptstadt oder das Treiben von Silvio Berlusconi zu berichten würde den Rahmen mehr als sprengen. Mein Vorhaben im Urlaubssemester nach langer Arbeit in der Radiowelt mal ins Fernsehen zu schnuppern hat sich gelohnt. Ob ich mir das vorstellen kann? Ja. Vieles in der großen Fernsehwelt sehe ich zwar auch kritisch, aber es ist ein sehr abwechslungsreicher und spannender Job. Dass ich die ZDF-Erfahrung in Italien machen konnte war eine perfekte Kombination meiner Affinitäten und meiner Fächerkombination an der Uni Tübingen (Allgemeine Rhetorik und Romanistik). Für die Unterstützung des Zellerverbandes: Grazie mille di cuore!!!

(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben