Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Margarete Zeller verh. Lepsius (1867-1898)
Ein Frauenleben zwischen Familie und Reich-Gottes-Arbeit

Liesel Reichle-Zeller, in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell, Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 87-92

 
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Es ist ein kurzes Leben, das der Margarete Lepsius (ZB § 62) vergönnt war. Doch es war reich an Erfüllung an der Seite eines genialen, ungewöhnlichen Mannes.

„Wir vertrauen Dir unsere Perle an“, schrieben ihm die Eltern, der Palästinamissionar Johannes Zeller (§ 56) und seine Frau Hannah, geb. Gobat. Margarete, das ist persisch „Perle“, der Name war aber für die Araber ihres Geburtsstädtchens Nazareth in Galiläa unmöglich auszusprechen. So wurde sie von ihnen „Lulu“ (arab. Perle) gerufen. Sie hatte rötlich-blondes, lockiges Haar und war ein fröhliches, zärtliches Kind.

Schon mit zwei Jahren machte sie ihre erste große Reise mit den Eltern nach Europa, zusammen mit dem neunjährigen Bruder Friedrich, den sie aus schulischen Gründen bei des Vaters Verwandten in Eßlingen zurücklassen mußten. Beim Abschied lag er krank mit Masern, durch ein geschlossenes Fenster von den Besuchern getrennt. Als er sein Schwesterchen sah, konnte er nicht widerstehen, er riß das Fenster auf und gab ihr einen Kuß. Natürlich bekam sie die Masern, kurz darauf in Basel bei den Verwandten ihrer Mutter.

Selten waren alle sechs Kinder beisammen, eigentlich nur bei ein paar von den Reisen nach Deutschland zu den dort studierenden Brüdern. Margarete und ihre zwei jüngeren Schwestern besuchten die deutsche Schule in Jerusalem, denn der Vater wurde 1876 von Nazareth dorthin versetzt. Die zahlreichen Fotos, die es von den Zellerkindern gibt, wurden meist in Basel oder Stuttgart gemacht; zu Hause in Jerusalem aber ging man zu Krikorian oder ins armenische Kloster.

Auch die Mädchen erhielten eine europäische Ausbildung. Margarete verbrachte eineinhalb Jahre in einem Institut der Brüdergemeine, Montmirail bei Neuchatel. Dort wurde sie auch konfirmiert. Anfangs hatte sie großes Heimweh. Das dort seit kurzem eingeführte Gaslicht tat ihren empfindlichen Augen weh, so daß sie abends einen Augenschirm tragen mußte.

Anschließend an den Aufenthalt in der Schweiz brachte ihr Vater sie nach England zu Benoni Gobat, einem Bruder ihrer Mutter. Im März 1885 holte ihr Großvater, Bischof Gobat, sie von dort zurück nach Jerusalem. Kurz darauf, im Oktober 1885, war sie schon verlobt mit Dr. Johannes Lepsius, Sohn des bekannten Berliner Ägyptologen Richard Lepsius. Er wirkte als Hilfsprediger der deutschen Gemeinde in Jerusalem und erster Lehrer an der deutschen Schule dort. Er war ein vielseitig gebildeter Mann, spontan und großzügig, von großer Musikalität und mit einem schönen Bariton begabt. Johanna, Margaretes jüngste Schwester, beschreibt ihn als „a brilllant young clergyman - a very whirlwind of a genius“ (ein glänzender junger Geistlicher - ein rechter Wirbelwind von einem Genie). Er sammelte alle musikalischen Elemente Jerusalems, um mit ihnen das Oratorium „Elias“ von Mendelssohn aufzuführen, wobei er selbst dirigierte und den Part des Elias sang. Er hatte ursprünglich länger in Palästina bleiben wollen, entschloß sich aber, zum Bedauern der Eltern Zeller, früher nach Deutschland zurückzukehren.

Nach der Hochzeit, am 29. Juni 1886 in Jerusalem, zog die noch nicht neunzehnjährige Margarete mit ihrem Mann nach einer ausgedehnten Hochzeitsreise nach Friesdorf bei Wippra im Südharz, wo ihn seine Stelle als Pastor erwartete. Sie hatten ein großes, malerisches, strohgedecktes Pfarrhaus, in dem Lepsius neben der Betreuung der kleinen Gemeinde auch seinen Studien und seinen schriftstellerischen Plänen leben wollte. Margarete schildert in langen Briefen an ihre Eltern voller Entzücken den Garten und das „liebliche Dörf1e“. Im Schlafzimmer, mit weißen Rouleaux und blauen Vorhängen, steht auch eine Kommode, „auf die später ein Kissen gelegt wird, um darauf etwas Kleines zu wickeln“. Für das Studierzimmer ihres Mannes ist ein Flügel bestellt, und Margarete weiß, daß er „freudig erstaunt“ sein wird, wenn sie während seiner Abwesenheit geübt hat und sie zusammen vierhändig spielen können. Über ihr Glück kann sie nicht genug jubeln. Am 12. Mai 1887 wird das erste Töchterchen Renate geboren. Johannes war bei der Geburt dabei und schonte später gern seine Frau, indem er nachts aufstand und das Kindchen versorgte - damals für einen Vater kein übliches Verhalten! Von Renates Entwicklung und der ihrer bald nachfolgenden Geschwister schickt Margarete ihrer Mutter liebevolle und aufmerksame Beobachtungen.

Die Menschen im Dorf sind freundlich, mit Amtsbrüdern in der Umgebung gibt es angenehmen Verkehr, wenn auch Besuche hin und her nur zu Fuß oder im Pferdewagen möglich sind. Besonders erfreulich ist, daß bald der ältere Bruder Friedrich Zeller mit seiner jungen Frau die benachbarte Pfarrei Biesenrode bezieht.

Margarete ist glücklich. Das einzige, was sie an ihrem Mann auszusetzen hat, ist seine allzu noble Großzügigkeit; Gäste holt er mit einem gemieteten Wagen am Zug in Wippra ab und läßt sie dorthin zurückbringen - während doch bei jeder Haushaltsrechnung zur Sprache kommt, daß man noch mehr sparen müsse!

Trotz gelegentlicher Krankheitssorgen bei den Kindern und ihrer eigenen Neigung zu Husten ist sie eine zwar zarte, aber gesunde junge Frau, wenn auch recht „dünn und verändert“, wie ihre Schwestern bei ihren Besuchen feststellen.

Johannes Lepsius, der immer voller Pläne und Ideen ist, möchte etwas tun, um für die Frauen und Töchter der armen Waldarbeiter und Taglöhner des Dorfes einen Nebenverdienst zu schaffen. Eine Fabrik für Smyrnateppiche soll in Friesdorf gegründet werden! Im Pfarrhaus ist ja so viel Platz. Seine Frau hat Erfahrung im Weben von Orientteppichen, sie weiß Bescheid über die Farben, über die richtigen Arten von Wolle. Möglicherweise stammen ihre Kenntnisse aus dem armenischen Viertel in Jerusalem. Armenische Teppiche waren damals dort bekannt.

Margarete lernt zunächst einige Mädchen an, die im Pfarrhaus arbeiten. Ihr Mann reist nach Berlin, studiert in Bibliotheken Werke über arabische Ornamentik und sucht Kontakte zu Teppichverkäufern und -herstellern. Das bringt längere Abwesenheiten mit sich. Margarete gewöhnt sich nur schwer an das häufige Alleinsein. Aber der Plan nimmt Gestalt an, nach zögernden Anfängen arbeiten bald 80 Menschen hier, es muß sogar ein Erweiterungsbau erstellt werden. Margarete wächst immer mehr in ihre neue Rolle hinein, auch wenn die Ungemütlichkeit des Betriebs vor ihrer Häuslichkeit nicht Halt macht. Ihr Mann schreibt besorgt, ob ihr in seiner Abwesenheit die „Aufgaben als Mutter, Hausfrau, Bauinspektorin, Geschäftsleiterin etc.“  nicht über den Kopf wachsen. Aber Margarete tut alles gern, und das Gedeihen des Werks sieht sie als ein Zeichen für Gottes Ja zu diesem Vorhaben an. Sie kann ihrem Mann nichts abschlagen. Die Werkführer Fieg und Schaufler kommen zu Tisch ins Haus; auf Bitten ihres Mannes nimmt sie auch die zwei kleinen Kinder des verwitweten Fieg in ihr Kinderzimmer mit auf.

1890 kommen die Eltern aus Jerusalem zu Besuch nach Friesdorf. Sie sind etwas betroffen über die Unruhe im Haus, auch finden sie das Pfarrhaus ziemlich zugig. Für Bedenklichkeiten hat aber das junge Paar kein Ohr.

Um diese Zeit erkrankt Margarete schwer an Gesichtsrose. Es kommt ihr der Gedanke ans Sterben. Sie ist selbst erstaunt über ihre Ruhe sogar beim Gedanken an ihren Mann und die Kinder, denn alles tritt ihr zurück hinter der Vorstellung der zukünftigen Herrlichkeit. Sie erholt sich jedoch und kehrt, nach einem Kuraufenthalt in Köstritz mit ihrer Mutter, fast verjüngt zurück - zu eher vermehrten Aufgaben und noch häufigeren Abwesenheiten ihres Mannes, denn dieser schließt sich nun aktiv der Evangelisationsbewegung an. Johannes Lepsius, selbst ein leidenschaftlich Ergriffener, wird mit seiner Redegabe einer der erfolgreichsten reisenden Prediger der Evangelischen Allianz. Es entsteht ein Gebetsbund für die Orientmission an den Mohammedanern, auch in Friesdorf. Margarete ist glücklich darüber und übernimmt auch hier ihren Anteil an der von ihr ganz bejahten Sendung ihres Mannes. Dabei ist sie nicht kritiklos, sondern äußert auch eigenständige Gedanken: An einem Abend (in Friesdorf) schien mir's, als wäre Johannes zu weit gegangen, indem er einzeln fragte, ob sie Jesum hätten ... Es war der einzige Abend, an dein ich nicht die große Freudigkeit hatte wie sonst.“

Lepsius hatte am 29. September 1895 eine Orient-Mission“ gegründet – am selben Tag begannen die Armenier-Massaker in Konstantinopel. Diese Ereignisse brachten den entscheidenden Einschnitt in das Leben von Johannes Lepsius und damit auch seiner Frau. In seinen Versammlungen im Rahmen der Allianz erweist sich auch sein Talent, die Kollekten zu einem großen finanziellen Erfolg für die Armenierhilfe zu machen. Auf Margaretes Schreibtisch häufen sich neben den Rechnungen und Bestellungen für die Teppichfabrik Flugblätter, die verschickt werden müssen, Korrespondenzen, nicht immer zustimmenden Inhalts, denn die „Agitation“ für die Armenier ist durchaus nicht im Sinne der damaligen politischen Pläne des deutschen Kaiserreichs mit der Türkei.

Mit den gesammelten Geldern fährt Lepsius, legitimiert und getarnt als Teppichfabrikant, in die Türkei, wo er von April bis Juni 1896 verschiedene Hilfswerke teils unterstützt, teils neu gründet, besonders in Urfa in Mesopotamien. Dorthin wird auch die Friesdorfer Teppichfabrik mit ihren Einrichtungen verlegt. In. Juli 1896 wird der Deutsche Hilfsbund für Armenien gegründet; in einer Dokumentation appelliert Lepsius an die Verantwortung der christlichen Mächte. Von seiten der Kirchenleitung wird ihm der Urlaub für diese Aktivitäten versagt; da tritt er aus der Pensionskasse der evangelischen Kirche aus. Es wird nötig, daß die Familie nach Berlin zieht, damit Lepsius leichter an der von ihm mitgegründeten Deutschen Orientmission mitarbeiten kann. Der Umzug nach Berlin Westend, Platanenallee 7, findet mit den inzwischen fünf Kindern im Jahre 1897 statt.

Man ahnt, was diese Ereignisse und Veränderungen für Margarete an Belastung durch Arbeit, Verantwortung und Unruhe mit sich bringen. Wie schafft sie das alles, bei ihren Aufgaben als Frau und Mutter? Manche Leute machen ihr Vorwürfe, sie vernachlässige Kinder und Haushalt. Sie äußert dazu in Briefen an die Mutter, daß ja niemand die Hilfe ersetzen könne, die sie ihrem Manne leiste. Sie tue sie mit Freude und Stolz. Dagegen schade es den Kindern nichts, wenn die Mädchen, die ihr im Haus helfen, mit ihnen spazieren gehen und sie ihnen auch manche Verrichtungen überlasse. In einem Bericht vom 1. September 1897 an ihren Mann über ihren Besuch bei einer Freundin kommt ihre Meinung dazu zum Ausdruck: Wie glücklich wäre E., wenn sie, wie ich, Gehilfin ihres Mannes sein könnte, statt immer zu kochen, zu putzen etc... Ich kam mir so sehr bevorzugt vor von Gott, und Deine Liebe ist mir ein herrliches Gnadengeschenk. Mit demselben würde ich auch fröhlich kochen und putzen können.“

Um die Zeit des Umzugs nach Berlin war es nun doch nötig, Margarete zu einer Kur nach Nervi bei Genua zu schicken. Erneuter Husten und Schwächeanfälle zwangen dazu. Ihr Mann bringt sie selbst dorthin. Unterwegs in der Schweiz hat sie sich auch ganz gründlich von der Ärztin Dr. Zürcher untersuchen lassen, bevor diese, einem Ruf von Dr. Lepsius folgend, nach Urfa zog. Ihre Diagnose schließt eine Tuberkulose ganz aus, aber unzweifelhaft habe Margarete eine Brustfellentzündung hinter sich, was sich leicht wiederholen könne. Der Husten hänge aber hauptsächlich mit ihrer schweren Blutarmut zusammen. Sie warnt vor jeder Überanstrengung, verordnet viel Aufenthalt im Freien und gutes Essen. Als Margarete ihrem Mann diesen Befund brieflich mitteilt, fügt sie hinzu: „Solange es der Arbeit für den Herrn nicht hinderlich ist, können wir uns ja danach richten.“ Hier wird klar, wie Margarete die Prioritäten in ihrem Leben gesetzt hat.

Lepsius verspricht sich von der Berliner Wohnung mehr Ruhe für seine Frau, auch wird er mehr zu Hause sein können. Aber kommt nicht für Margarete alles zu spät? Sie hat auch nach der Erholung keinen Appetit und fühlt sich dauernd müde. Freilich - es ist ja auch wieder ein Kind unterwegs. Nach der Geburt des 6. Kindes, des kleinen Josua im Juni 1898, ist Margaretes Kraft zu Ende. Der Arzt konstatiert Schwindsucht. Die beiden jüngeren Kinder sind nach Wernigerode zur Mutter und der Schwester Johanna gebracht worden, aber als im Oktober dorthin die Nachricht kommt, es gehe mit Margarete zu Ende und sie wolle alle ihre Kinder noch einmal sehen, reist Johanna mit ihnen nach Westend. Sie ist es, die dort zusammen mit Margaretes Mann ihr Sterben miterlebt hat. -

Leben und Tod der Margarete Lepsius haben etwas von einem Opfer im christlichen Sinne an sich. Von Aufopferung und Selbstaufgabe dürfen wir aber bei ihr nicht sprechen. Sie hat in Liebe gerade ihr eigenstes Wesen voll eingebracht, und trotz ihrer schwachen körperlichen Kraft spürt man ihre Ebenbürtigkeit mit ihrem Mann, die er auch anerkannt hat. Durch Krankheitselend und frühes Ende hindurch geht etwas Helles von diesem Frauenschicksal aus.
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