Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Gustav Zeller (1812-1884)
Jurist und Verwaltungsfachmann

Martin Zeller (§ 169), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell,
Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S.

 
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„Ein treuer Sohn des Vaterlandes“, so wird er in den Jahresheften für Vaterländische Naturkunde 1885 genannt. Damals mußte den Lesern einer Zeitschrift, die Naturkunde als schwäbische Wissenschaft betrieb, sofort klar sein, daß mit dem Vaterland nicht der preußisch-deutsche Staat, sondern nur das Königreich Württemberg gemeint sein konnte. Und das Prädikat „treuer Sohn des Vaterlandes“ gilt nicht einem konservativen, sondern einem im politischen Sinne liberalen Württemberger.

Er war weltweit anerkannt als Fachmann für eine Pflanzenart, die überall in der Welt vorkommt, einer Gattung, die man nach Darwin fast als Urpflanze bezeichnen darf: Er war Algenkenner und hatte sich ein Herbarium angelegt, das Algen aus Südamerika, aus Indien und aus Sibirien enthielt. Als erster hatte er eine bestimmte Süßwasseralge in Oberschwaben gefunden. Eine Rotalgenart aus den südlichen Molukken trägt seinen Namen. In der württembergischen Hauptstadt erreichten auch Pakete, die nur die Aufschrift „Mr. Zeller célebre naturaliste à Stuttgart“ trugen, den richtigen Empfänger.

Wer nun meint, wir hätten es mit einem Naturwissenschaftler zu tun, der irrt sich. Gustav Zeller war leidenschaftlicher Hobbybotaniker, im Hauptberuf aber Jurist und Verwaltungsfachmann. Gerade als solcher gehört er zu den bedeutenden Persönlichkeiten Württembergs im 19. Jahrhundert, und dies ist der Grund, warum wir ihn hier in eine Reihe mit bemerkenswerten Zeller-Vorfahren stellen.

Gustav Zeller (ZB § 123) wurde am 21. Januar 1812 als Sohn des von Palm'schen Rentamtmanns Heinrich Zeller in Kleinbottwar geboren. Im Elternhaus, das im Stil eines württembergischen Pfarrhauses geführt wurde, lernte er die Fürsorge für andere kennen, die er selbst ein Leben lang betrieb. Sein Vater war Mitbegründer der Evangelischen Gesellschaft. Sie tut heute wie damals einen wichtigen caritativen Dienst. Auf seiner Stelle als Oberamtspfleger in Nürtingen schloß Gustav Zeller eine glückliche Ehe mit Pauline Fischer, der Tochter des dortigen Oberamtmanns. Der begabte junge Mann hatte im Departement des Inneren seine Verwaltungsausbildung gemacht und wurde jetzt ins Konsistorium und in den Kgl. Studienrat, die Schulverwaltung, berufen. Seine Karriere führte 1846 bis zum Posten eines Direktors der Kanzlei des Finanzministers. Vorher hatte man ihn noch für kurze Zeit als Mitglied zur deutschen evangelischen Kirchenregierung, dem ersten Vorläufer der heutigen EKD, nach Berlin geschickt.

Aber nun kamen die Märztage 1848. Gustav Zeller war überzeugt von den liberalen Ideen, die damals Europa ergriffen hatten, und er sah in ihnen keinen Widerspruch zu seiner beruflichen Tätigkeit in der Regierung des Landes. So ließ er sich im Mai vom Oberamt Herrenberg in den Landtag wählen. Sein Gegenkandidat war übrigens der konservative Herrenberger Dekan und später berühmte Prälat Karl Sixt Kapf. Gustav Zeller merkte bald, daß das Abgeordnetenmandat ihn mit seinen Vorgesetzten in aufreibende Konflikte brachte. So ließ er sich von der Kanzleidirektorenstelle weg ins Steuerkollegium versetzen und trat nicht mehr zur Wiederwahl in den zweiten Landtag an, wurde aber von dessen liberaler Mehrheit in den Staatsgerichtshof gewählt, der 1849 die erste und einzige Ministeranklage zu verhandeln hatte.

Als der Finanzminister v. Knapp 1850 nicht bewilligte Steuern einziehen wollte, gab es auch Auseinandersetzungen mit dem Steuerkollegium, und Zeller wurde kurzerhand in die staatliche Bauverwaltung abgeschoben. Aber auch dort fand er leitende und zukunftsweisende Aufgaben: Als der Pionier des württembergischen Eisenbahnbaus, Oberbaurat Etzel, in die Schweiz ging, wurde er dessen Nachfolger und war maßgeblich am weiteren Ausbau des Eisenbahnnetzes im Lande beteiligt. Die Bahnlinien Plochingen-Reutlingen, Cannstatt-Wasseralfingen und Heilbronn-Schwäbisch Hall wurden unter Zellers Regie gebaut. Wieder gab es Meinungsverschiedenheiten mit dem zuständigen Minister.

Diesmal versetzte man ihn ins statistisch-topographische Bureau, aber seine Gestaltungskraft war nicht gebrochen. Eine Denkschrift über den Ausbau des württembergischen Eisenbahnnetzes, wesentliche Teile des Standardwerks „Das Königreich Württemberg“, eine Statistik der evangelischen Kirche Deutschlands und das württembergische Berggesetz stammen aus seiner Feder. 1864 wählte ihn noch einmal die Landeshauptstadt nach einem heftigen Wahlkampf in den Landtag, dem er als gemäßigt-liberaler Abgeordneter bis zum Landtagsschluß 1868 angehörte. Mit dem Titel Präsident der Katasterkommission trat er 1882 in den Ruhestand. „Der wackre Schwabe forcht sich nit“, so könnte man mit den Worten Uhlands über das Berufsleben dieses Mannes schreiben. Oder war es damals für hohe Beamte leichter, mehr auf das Wohl des Landes als auf das Wohlwollen des Ministers zu achten?

Unser Bild wäre unvollständig, wenn wir in Gustav Zeller nur den unerschrockenen Staatsdiener sehen würden. Ein enges Verhältnis verband ihn mit seinem Bruder, dem Philosophen Eduard Zeller. Aufopfernd hat er, so wird berichtet, seine schwerkranke Frau vor ihrem Tode 1868 gepflegt. pflegt. In der Großfamilie nannte man ihn liebevoll den „Onkel Pfleger“, weil er die Vormundschaft über verwaiste junge Verwandte übernommen hatte. Um in solchen Fällen zu helfen, hat die Familie 1838 den ersten Zeller-Verein gegründet. Gustav Zeller war Mitbegründer und bis zu seinem Tode Rechner des Vereins. Eine soziale Tat in größerem Rahmen war auch die Gründung der Stuttgarter Lebensversicherungs- und Ersparnisbank, deren Vizepräsident und Präsident Zeller wurde. Den lukrativeren Posten eines Direktors schlug er aus. Nebenher gehörte er auch dem Vorstand des Reutlinger Bruderhaus-Aktienvereins an.

So konnte man ihm in seinem Nachruf ohne Übertreibung „warmes Interesse für das Wohl und die Ehre des deutschen Vaterlandes wie der engeren Heimat und Wohlwollen für seine hilfsbedürftigen Mitmenschen“ nachsagen. Man muß sich fragen, wo er bei all diesen Tätigkeiten noch die Zeit für sein botanisches Hobby fand und wie es ihm darüber hinaus möglich war, Gedichte des schwedischen Dichters Esajas Tegner ins Deutsche zu übersetzen und zu veröffentlichen. Alles in allem: Gustav Zeller war eine bemerkenswerte Persönlichkeit. Und er ist in der Zellerfamilie nicht vergessen, auch wenn er ohne Nachkommen blieb.
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