Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Frauen in der Familie
Schwestern und Tanten - „Die Familientante“

von Liesel Reichle-Zeller (§ 77.1), in: 450 Jahre Zeller aus Martinszelle, Stuttgart 1988, S. 127-144
Weitere Lebensbilder:        
Julie Zeller (§ 71), Emma Zeller  (§ 72) und Marie Luise Zeller (§ 78) von Liesel Reichle)
Emma Zeller (§ 142.6) (von Eduard Zeller)
Antonie und Felzitas Zeller (§60) (von Dankwart Zeller)
Beiträge von Hede Zeller über Deutsche im Ausland 
 
Bild Bild Bild
Marie Zeller (1834-83)
mit ihrer Pflegemutter Julie von Schubert ca. 1875
Sophie Zeller
(1831-1907)

Cornelia Zeller
(1893-1978)

 

In diesen Blättern wird zweierlei versucht: Einerseits will ich den vielen im Zellerbuch und in der Geschichte der Familie oft spurlos verblassten unverheirateten Frauen ein Denkmal setzen, indem ich meine eigenen Funde hier einbringe und meine sehr farbigen, auch heiteren Erinnerungen an sie der Vergessenheit entreiße.

An ihrem Beispiel soll andererseits auch deutlich werden, wie sehr die geschichtlichen, sozialen und technischen Umwälzungen der letzten eineinhalb Jahrhunderte die Lebenslandschaft gerade der Frauen neu gestaltet haben.

Töchterreiche Familien sind im Zellerbuch keine Seltenheit. Ich fand dort im 18. und 19. Jahrhundert unter den über das Jugendalter hinaus am Leben Gebliebenen in fast jeder Familie eine oder zwei Töchter, die nicht zum Heiraten gekommen waren. War das ein Problem für die Familien? Hatten diese Frauen ein unerfülltes Leben neben glücklicheren, beneidenswerten Schwestern zu erwarten? Wer sich mit diesen Fragen beschäftigt, der findet, dass in vergangenen Jahrhunderten für die Ledigen immer Möglichkeiten bereitstanden.

Frauen im 16.-18 Jahrhundert
Seit dem Mittelalter gab es für Frauen in den Städten eine große Anzahl von Berufen, in denen sie sich sogar selbständig machen konnten. Dafür kamen nicht nur handwerkliche Tätigkeiten in Frage, sondern auch städtische Arbeiten. Die Frauen waren auch geschäftsfähig in der Kaufmannschaft, was vor allem für die Ehefrauen und die Witwen der Handelsherren galt. Das Haus des Handwerksmeisters und seiner „Frau Meisterin“ ist uns vertrauter. Ihr Tag war ausgefüllt mit Arbeit nicht nur in der Küche und mit den Kindern, sondern sie half ihrem Mann, sei es bei der Leitung seiner Werkstatt oder beim Vertrieb seiner Ware. Die Witwe des Meisters durfte sein Geschäft weiterführen.

Im 17. und 18. Jahrhundert aber entwickelte sich mit dem Absolutismus der Staat im modernen Sinne. Mit ihm wuchs der Stand der Beamten zu der Bedeutung heran, die bis dahin der geistliche Stand innegehabt hatte.

Frauen im Bürgertum des 19. Jahrhunderts
Für die Frauen dieser bürgerlichen Schicht gab es keine Möglichkeit, an der Arbeit ihrer Männer teilzunehmen und mitzuwirken. Auch für ihre Töchter, die wieder einen Beamten als Ehemann bekommen würden, kam als einziger Beruf der einer Hausfrau und Mutter in Frage, für den allein sie auch erzogen wurden. Auch für evangelische Pfarrerstöchter war die Lage nicht viel anders. In diesen Kreisen, in denen der Großteil unserer Zellervorfahren zu finden ist, bedeutete Ledigbleiben für eine Tochter oft soviel wie „ein Fall ins soziale Nichts“ (Barbara Beuys), wenn nicht im Haus eines Verwandten für sie ein Platz offen stand, wo sie gebraucht wurde, nachdem sie vielleicht ihre Eltern bis zu deren Tod versorgt und gepflegt hatte.

Auch das industrielle Zeitalter brachte hier für die bürgerlichen Familien keine Änderung. Unsere Zellerverwandten bewohnten zum großen Teil Pfarrhäuser, besonders im ländlichen Raum, oder sie hatten als Amtleute, Lehrer ihre Dienstwohnungen. Da war Platz für Kinder, aber auch für Gehilfinnen. Es ist die Zeit, aus der uns Briefe, Tagebücher, Autobiographien auch über das Leben in solchen Haushaltungen berichten. Besonders in den vielen kinderreichen Familien war die unverheiratete Tante ein fast selbstverständliches Glied, ja, ein unentbehrlicher Faktor. In den „Erinnerungen eines Neunzigjährigen“ von Eduard Zeller, der in Kleinbottwar als l0tes unter den 12 Kindern des Rentamtmanns Johann Heinrich Zeller (ZB § 117) aufwuchs, lesen wir:

„Soll ich außer meinen Eltern auch ihrer Geschwister, soweit ich diese noch gekannt habe, und ihrer Angehörigen erwähnen, so habe ich zuerst unsere Tante Doris zu nennen, die jüngste Schwester unserer Mutter, die nach dem Tode ihres Vaters, schon neun Jahre vor meiner Geburt, in unserem elterlichen Haus eine neue Heimat gefunden hatte und auch unserem Vater sehr wert war. Diese Tante, wegen ihrer Herzensgüte und ihrer unermüdlichen, besonders in der Pflege der Kranken und Wöchnerinnen sich betätigenden Hilfsbereitschaft geschätzt und geliebt, war uns Kindern eine zweite Mutter, die Vertraute unserer kleinen Nöte und Anliegen und nicht selten auch der Schutzengel, der sich mit seiner Fürbitte zwischen uns und die elterliche Strafgerechtigkeit stellte; und es war der erste nachhaltige Schmerz, den ich erlebte, als sie 1827 in Stuttgart, wohin sie zur Wartung unserer Schwester Oetinger geeilt war, einer Lungenentzündung erlag.“

Und als Eduard 1822 in das „Haus und in die Schule“ des Präzeptors Scheid in Backnang eintrat, erzählt er von der Rolle, die unverheiratete Verwandte in dieser und in seiner eigenen Familie spielten: . „Als ‚Hausjungfer' und zugleich als vertraute Freundin stand ihr (der Frau des Präzeptors) während der ersten Jahre meiner Backnanger Schulzeit meine Schwester Friederike zur Seite; in derselben Stellung befand sich bei einem Verwandten meiner Mutter, dem Stadtschreiber Moser, und seiner erblindeten Frau eine Schwester meines Vaters, meine Tante Christiane.“

Auch in den „Schwäbischen Pfarrhäusern“ der Ottilie Wildermuth wird von solchen Familienmitgliedern gesprochen, zum Beispiel (aus: „Das freundliche Pfarrhaus“): ,,... (die ehrwürdige Mutter des Pfarrers) ...; ihr zur Seite stand ihre vielgeschäftige Tochter, die sorgsame Tante Clara, der schaffende Genius des Hauses, die geheime Rätin bei allen Staats- und Hausaffären, die Bildnerin der heranwachsenden Töchter.“

Weniger glücklich?
Man darf sich diese Schwestern und Tanten gewiss nicht immer weniger glücklich, weniger lebensvoll vorstellen als die Ehefrauen und Mütter. Sie sahen in „ihren Familien“ ja auch das Unsichere, oft Gefährdete im Leben der Mütter, die bei jeder Schwangerschaft gewärtig sein mussten, bei der Geburt entweder das eigene Leben zu verlieren oder das Kind nach kurzem Dasein wieder hergeben zu müssen. Und viele zartere Frauen waren auch ohne solche Verluste durch die Häufigkeit der Schwangerschaften überfordert.

So sitzt die Tante Therese Dietrich, die ihrer jüngeren Schwester, meiner Großmutter (§ 58), bei ihren acht Kindern zur Hand ging, in behaglicher, fülliger Gelassenheit auf dem Familienbild gegenüber der zarten, angestrengt wirkenden Gestalt des Mütterchens dieser lebhaften Gesellschaft von Buben und Mädchen. Und da gab es, eine Generation früher, ein ,Tantele Lottle'; wahrscheinlich § 50,11, dem in den verschiedensten Familienbriefen nachgefragt wird, das man beim nächsten Besuch anzutreffen hoffte, obwohl es immer wieder woanders auftauchte, und das auch im Stammbuch der Jünglinge einen Platz erhielt. Ein derart mit schwäbischen Diminutiven behängtes Wesen muss sehr geliebt worden sein!

Waisen...
Unter den neun Kindern, die der Tod meines Urgroßvaters Magnus Friedrich Zeller (§ 53) und seiner Frau Friederike, geb. Herwig, im Jahre 1843 zu Waisen machte, waren vier Töchter. Ich habe ihre Bildnisse auf kleinen alten Fotos, die sie wohl einander und ihren fernen Brüdern schickten, und habe auch Briefe von ihnen gelesen. Es waren liebliche, bescheidene, sittsame Mädchen, mit lebhaften dunklen Augen - am meisten die Jüngste, die nur 26 Jahre alt wurde und immer schonungsbedürftig gewesen war. Keine dieser Waisen hatte eine Chance, geheiratet zu werden. Woher auch sollten sie eine Mitgift nehmen? Selbst junge Pfarrer waren bei ihren in der Regel schmalen Einkünften auf eine gewisse materielle Grundlage angewiesen, sei es eine Aussteuer, die in jenen Zeiten so bemessen zu sein hatte, dass sie lebenslang Anschaffungssorgen unnötig machte, - oder ein gewisses Kapital, das der Brautvater in die Heirat seiner Tochter investierte. Man versteht die Sorgen eines töchterreichen Ehepaares, und im Besigheimer Fall waren gleich vier Mädchen ohne Eltern zu versorgen! Ihre damaligen Berufschancen beschränkten sich im wesentlichen auf Stellen wie die einer Haustochter, Hausfreundin, Hausjungfer, oder wie die einladenden Namen alle hießen, in Anstalten wie der von Korntal, wo von ihnen erwartet wurde, mit den aufgenommenen Mädchen den Schlafraum zu teilen, ihnen morgens beim Waschen, Ankleiden und Zopfen behilflich zu sein und tagsüber bis zum gemeinsamen Zubettgehen teils die Mädchen in Handarbeiten zu fördern, teils der Hausmutter bei der „Kasteneinteilung“ und der Leitung der Haustöchter zur Hand zu gehen. Mindestens eine der Schwestern, Julie, hat sich an solchem Liebeswerk versucht, aber gesundheitlich nicht länger als einige Monate durchhalten können. Sie starb mit 23 Jahren an Auszehrung.

Als man nach dem Tode der Eltern die 9 Kinder den Verwandten zuwies, entschied man sich bei den Mädchen dafür, sie alle zusammen der großmütterlichen Obhut der Dekanswitwe Herwig in Esslingen zu übergeben, was für den Anfang wohl das Barmherzigste war. Sie verstand es gewiss, junge Mädchen in christlichem Geist heranzuziehen und für ihr Leben mit den damals für weibliche Wesen üblichen Kenntnissen auszurüsten. In Handarbeiten, Zeichnen, Briefeschreiben und natürlich den weniger groben Hausarbeiten wurden sie gewissenhaft angeleitet. Bei den vier Brüdern aber hatte man von vornherein bei der Unterbringung vor allem an die Möglichkeit zu einer guten Schulbildung gedacht.

An die verwaisten Schwestern sind viele liebevolle Briefe der Onkel und Tanten erhalten. Sie riefen ihnen immer wieder ins Gedächtnis, wie viel Grund sie hätten, Gott zu danken für die große Barmherzigkeit, die er ihnen nach dem Verlust des Elternhauses erzeigt hatte - was durchaus zutreffend war, aus dem Blickwinkel der Verwandten. Sie sollten, wie die Tante Friederike Herwig (geb. Zeller) sich ausdrückte, sich stets als „Denkmale der Treue des -himmlischen Vaters“ fühlen. Besonderes Leiden und ein Schicksal, das zum Verzicht zwang, konnten in der damaligen evangelischen Frömmigkeit als Auszeichnung gelten. Keines der Mädchen hat daran gedacht, sich dagegen bewusst aufzulehnen. -

Nur zwei Schwestern überlebten die Mitte ihrer Zwanzigerjahre: Sophie und Marie. Diese hatte das Glück, von dem damals berühmten Hofrat und Professor Gotthilf Heinrich von Schubert als Haustochter und Stütze des Alters ausgewählt zu werden und in diesem großbürgerlichen, frommen, gastfreien Hause in München die Rolle einer fleißigen und geliebten ,Enkelin' zu spielen. Dort fand sie auch Nahrung für ihren lebhaften, künstlerisch feinen Geist. Sie hat mehrere leicht und flüssig geschriebene Büchlein veröffentlicht, vor allem über das Leben des G.H. von Schubert. Fast erschreckend ist ihre Fotografie: sie zeigt eine kaum vierzigjährige, freundliche Frau, die ihrer Pflegebefohlenen, der Witwe Julie von Schubert, sich zuneigt, als ein Bild abgeklärter Demut, in eine schwere, dunkle Fülle von Stoffen gekleidet, die nichts anderes als vollkommene Körperlosigkeit zu verhüllen scheinen.

Sophie treffen wir bei mehreren Pfarrersverwandten an, aber auch in der Stuttgarter Diakonissenanstalt und in Bad. Boll, jeweils nur kurz. Sie konnte nicht viel leisten, denn ihre in der Jugend offenbar auch einmal tödlich gefährdete Gesundheit ließ keine Anstrengungen zu. Sie ist dennoch, 24 Jahre nach Marie, erst 1907 in Korntal mit 76 Jahren gestorben. Wo aber war ihre Heimat? Am ehesten wohl in Sielmingen auf den Fildern bei dem kinderlosen Pfarrer August Seeger (§ 52), der zuerst mit einer Schwester von Sophies verstorbenem Vater, danach mit dessen Base Charlotte Zeller, aus der Kleinbottwarer Familie, verheiratet war. Nach dem Tode des Pfarrherrn zog seine Witwe mit Sophie nach Nürtingen.

An Sophie vor allem, obwohl ihr persönliches Leben scheinbar ereignislos verlief, habe ich einsehen gelernt, was diese Schwestern für ihre Brüder bedeuteten. Sie war es vor allem, deren zahlreiche Briefe für die drei ausgewanderten Brüder die Verbindung mit der Heimat aufrecht erhielten. Der älteste Bruder, Johannes, war Missionar in Palästina geworden, seine Brüder Albert und Hermann waren nach USA ausgewandert und dort Pfarrer geworden. Sophie bewahrte auch Antworten auf, und da kann man nachlesen, wie kostbar den Brüdern dieses Stück Erinnerung an die gemeinsame Kinderzeit war: „Geliebte Schwester“ so beginnen zärtliche Nachfragen nach ihrer schwachen Gesundheit, Danksagungen für Handarbeiten, die sie ihnen geschickt hatte, lebendige Schilderungen von Familienfesten und anderen Gelegenheiten, die sie erfreuen sollten, die aber in den sonstigen Briefen der gestrengen Theologen nicht der Erwähnung wert gewesen wären.

Besonders Sophie machte die Angelegenheiten der fernen Brüder zu ihren eigenen. So oft ein Brief oder ein Lagebericht aus der Ferne - Amerika oder Palästina - ankam, machte sie sich daran, ihn mehrmals abzuschreiben, um ihn nicht nur den Verwandten, sondern auch Gleichgesinnten im Land zukommen zu lassen, die dann als Multiplikatoren z.B. für die Sache der Palästinamission gelten konnten. Während der Jahre, als die Verwandten allesamt unter dem Schock der Konversion des Bruders Hermann standen, hat sie um Verständnis für ihn geworben, ihm offenbar auch geschrieben; und viel später, als mein Vater sie als junger Bursch in ihrem Korntaler Stübchen besuchte, hat sie diesem von Hermanns katholischen Ansichten freundlich berichtend, ohne Kritik, erzählt. „Sie ist feiner gebildet als ich je gedacht hatte“, schrieb mein Vater damals in sein Tagebuch. Sophie hat auch ein Skizzenbuch hinterlassen, aus dem die Stationen ihres Lebens und mehr noch die Sehnsüchte ihrer Seele abzulesen sind. -

Familienbesuche
Man hat sich in der Zeller-Verwandtschaft oft und gern besucht, sicher häufiger als heute, trotz unserer motorisierten Mobilität. Zwei Dinge begünstigten dies: Einmal die große Zahl der von Zellern betreuten Pfarrgemeinden im mittleren Neckarraum, und vollends die Erschließung gerade dieser Gegend durch die erste württembergische Eisenbahn seit der Mitte des 19. Jahrhunderts. Neben den Zentren Besigheim, Cannstatt, Stuttgart, Esslingen spielte die Amts- und Schulstadt Nürtingen für die Familie eine gewisse Rolle. Das oben erwähnte Tantele Lottle starb dort 1887. Nach ihr liest man von Charlotte Seeger, geb. Zeller, und ihrer Schwester Wilhelmine Schumann, beide seit 1864/65 verwitwet und kinderlos. Sie versorgten nach- und miteinander in Nürtingen den unverheirateten Bruder Wilhelm Heinrich Zeller (§ 117,6), der als Dekan von Besigheim der Nachfolger seines frühverstorbenen Vetters Magnus Friedrich Zeller gewesen war. Marie Zeller, die nach dem Tode der Witwe von Schubert teils in Tübingen, teils auf Verwandtenreisen ihre letzten Jahre verbrachte, schildert ihr Zusammentreffen mit ihrer Schwägerin Mathilde Zeller geb. Dietrich (§ 58) bei diesen Verwandten: (30. Juli 1882):

„Am Mittwoch, so Gott will, kehren wir nach Tübingen zurück, innerlich recht erquickt durch die viele Liebe, die uns die teuren Tanten und der liebe Onkel Wilhelm erzeigt haben. Die liebe Mathilde mit ihrem Baby war auch 3 Tage hier, das war sehr nett. Der kleine Rothaarige eroberte sich alsbald aller Herzen mit seinem freundlichen Gesichtchen, selbst der lb. Großonkel nahm ihn auf die Arme und trug ihn herum, und die lb. Großtante bügelte heimlich seine Windeln. Doch war's auch wieder gut, dass das aparte Vergnügen für die lieben alten Leutchen nicht länger gedauert hat, denn sie sind doch oft recht müde.“

Dieses freundliche Baby war mein Vater, Friedrich Zeller, geb. 1881 (§ 77). Seine Familie, die des Tübinger Universitätsgarteninspektors Wilhelm Zeller, geriet 1887 durch den frühen Tod des Vaters materiell in eine ähnliche Lage, wie sie 1843 für Wilhelm selbst entstanden war. Zwar fehlte nun nur der Vater, so dass die acht Kinder, zwischen 2 und 17 Jahren, bei der Mutter zusammenbleiben konnten. Aber man denke: Die Stelle des Garteninspektors war nicht pensionsberechtigt, ein Vermögen war nicht da. Es drängt sich mir der Vergleich zwischen den vier Besigheimer Waisenmädchen und den vier Töchtern aus der Familie meines Vaters auf: diese haben alle eine gewisse Berufsausbildung genossen, auch haben sie alle geheiratet. Die Welt hatte sich in den rund 45 Jahren gerade für Frauen und Mädchen sehr geändert. Dass nur eine meiner Tanten eine Nachkommenschaft hinterließ, nämlich die Amerikafahrerin Thilda Zeller Bond (§ 73), ist eine andere Sache. Jedenfalls ergaben sich aus dem Umstand, dass zwei der Schwestern zu meiner Tübinger Jugendzeit verwitwet waren und in Tübingen lebten, für mich zwei echte nFamilientanten“, von deren ausgeprägter Eigenart sich lange Zeit meine Vorstellung von dem herleitete, was unter Zeller'scher Art zu verstehen sei. Allerdings waren sie keine hilfreichen Geister für Verwandte in Bedarfszeiten, aber sie gehörten zu jedem Fest und stellten eine wichtige Verbindung dar zwischen dem Heute und Gestern der Familie Zeller. Von diesen beiden unvergesslichen Tübinger Tanten möchte ich hier erzählen.

 

Es folgt einer Abschnitt über „Tante Jula“ (§ 71) und „Tante Emma“ (§ 72) – hier ausgegliedert und in eine eigene Seite übernommen, zusammen mit einem später entstandenen Abschnitt über Marie-Luise Zeller (§ 78)

Die Frauenbewegung
Ach, heute sind Originale, und gar so liebenswürdige, ebenso selten geworden wie die früher so nützlichen „Familientanten“. Aber hat sich nicht in den letzten hundert Jahren die gesamte Umwelt, nicht nur das Haus und das Familienleben, geändert? Es passt in unser Thema, wenn wir die Ursachen und Folgen dieses Wandels genauer betrachten, denn gerade an den vielen „überzähligen“ Frauen im Aufbau der Bevölkerung hat sich die Frauenbewegung entzündet. Eine ihrer Wortführerinnen, Louise Otto-Peters, schrieb um 1875:

„Und wohin mit diesen allen, die sonst das Haus beschäftigte: den erwachsenen Töchtern, den Unverheirateten, den Witwen? Diese Frage ist als sogenannte ‚Frauenfrage' mit in das Programm der Gegenwart gesetzt worden, ganz dicht neben die soziale Frage.“

Warum aber sollte nun plötzlich das Haus selbst in den gehobeneren bürgerlichen Schichten seine bergende Funktion nicht mehr wahrnehmen wollen? Hierzu schreibt Frau Otto-Peters:

,Blicken wir in das Haus der Gegenwart, zumal in das des Mittelstandes! Da finden wir überall einen gewissen Komfort und Schimmer - eine meist niedliche, aber bequem eingerichtete Küche mit Wasserleitung, bequeme Feuerungsanlagen und Beleuchtungsapparate, sonst aber fast gar keine Wirtschafts- und Vorratsräume, well man dieselben nichtnötig hat. Man bezieht die meisten Lebensbedürfnisse fertig aus den verschiedenen Geschäften.... Hat nun aber jetzt eine Hausfrau, Gattin, Mutter kaum die Hälfte der Arbeiten zu übernehmen, welche Ihren Vorgängerinnen oblagen, so kann man denken, daß sie auch nicht mehr der ‚Gehilfinnen' bedarf, wie sie jene gern und dankend um sich sahen; Schwestern, Tanten und Basen, Mütter und Schwiegermütter, erwachsene Töchter. Und ist es überhaupt für den Mann ein Luxus geworden, sich zu verheiraten und eine Frau zu ernähren, so wird mancher auf diesen Luxus verzichten, am wenigsten aber kann ihm zugemutet werden, sein Haus auch den anderen weiblichen Wesen zu öffnen, damit sie sich darin ,nützlich machen' wie dies früher geschah - denn es findet sich eben nichts für sie zu tun.'

Man muss dazu bemerken, dass die groben Hausarbeiten schon früher nicht den Verwandten, sondern Mägden, Zugeh- und Waschfrauen, neuerdings dem Dienstmädchen, zugewiesen waren. Dagegen hatten die Familientanten z.B. viel Zeit mit Nähen verbracht - seit der Mitte des 19. Jahrhunderts aber gab es die Nähmaschine, die allmählich auch den Weg in die Häuser fand.

Die Frauen aus dem Arbeiterstand hatten schon eine Generation früher ihren Weg aus der Haushaltsgemeinschaft in die Fabrik angetreten. Dafür war keine Vorbildung nötig gewesen. Welche bürgerlichen Berufe gab es aber, für die man nicht eine höhere Schulbildung oder gar ein Examen an einer Universität vorweisen musste? Stellen für Stricklehrerinnen, Hauslehrerinnen (meine Besigheimer Urgroßmutter Zeller geb. Herwig hatte acht Jahre eine solche Stellung in einem adligen Hause innegehabt), Gesellschafterinnen u.ä. gab es nicht unbegrenzt, und pflegerische Berufe lagen nicht jeder Frau. Mit dem, was die Töchter an Handfertigkeiten und Bildung von Hause aus gelernt hatten, konnten sie sich jedenfalls nicht selbst in der Berufswelt durchschlagen.

Gleichberechtigung in der Bildung
Der Kampf der Frauen um Zulassung zu den Quellen der höheren Bildung und schließlich ihr Eindringen auch in akademische Berufe sah sich natürlich männlichem Widerstand und eingefleischten Vorurteilen gegenüber: nur die dienenden Berufe seien die gottgewollten Betätigungsfelder der Frauen, gelehrte Bildung schädige das typisch Weibliche, Kollegialität zwischen Männern und Frauen sei widernatürlich. Dies alles ist heute durch den Augenschein widerlegt. Und eine gute Berufsausbildung wird von modernen Eltern und Töchtern als ein höheres Gut angesehen als eine noch so vollständige Aussteuer; ein Schulabschluss, danach eine Lehre oder Fachschule, Hochschule oder Universität sind für Mädchen selbstverständlich geworden.

Auch Ehefrauen, aber vor allem natürlich Unverheiratete, haben sich also heute fast immer einmal im Berufsleben zurechtfinden und dabei anpassen müssen. Dort ist kein guter Nährboden für Eigenheiten, Originale gedeihen nicht im kollegialen Miteinander.

Aber - gibt es etwa heute keine „Familientanten“ mehr? Erst vor gerade zehn Jahren ist in Auburn, N.Y., USA, eine Zellerin gestorben, die diesen Namen, in veränderter Bedeutung, als Ehrentitel verliehen bekommen müsste. Es ist Cornelia Zeller (§ 68,2), eine Enkelin von Albert Zeller (§ 57). Obwohl sie ein sehr hübsches Mädchen war, blieb sie unverheiratet und wirkte bis zu ihrem 60. Lebensjahr als Lehrerin für Latein, Deutsch und Religion in Atlantic City, N.J. Ihre näheren Verwandten waren fast ausnahmslos Amerikaner geworden. Ich wusste von ihrer Existenz nichts, bis wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges auf einmal an meine Adresse ein riesiges CARE-Paket mit köstlichem Inhalt nicht nur an Lebensmitteln, sondern auch an ungeröstetem Kaffee, Blockschokolade und Tee geliefert wurde. Was war geschehen? Cornelia hatte sich nach Kriegsende von den in USA lebenden Geschwistern meines Vaters (Franz und Constance Zeller, § 74) meine Adresse und die einiger anderer, für sie doch weitläufiger Verwandten geben lassen und entfaltete nun eine umfangreiche Liebestätigkeit. Darüber hinaus nahm sie Verbindung auf mit anderen Zellern, die ihr in Briefen genannt worden waren, und als die Zeiten wieder normal geworden waren, hat sie mehrmals, einmal auch mit ihrem Bruder Alwin, die große Reise über den Atlantik angetreten und viele Besuche im Württemberger Ländle gemacht. Es wird manchen von denen, die sie dabei kennen lernten, so gegangen sein wie mir, dass sich ein freundschaftlicher Briefwechsel entwickelte, der in meinem Fall bis kurz vor ihrem Tod weitergeführt wurde. Übrigens hat sie nicht nur ihre großväterlichen Zellerverwandten ausfindig gemacht und mit Paketen bedacht, sondern auf ähnliche Weise auch die Verwandten ihrer deutschen Großmutter Auguste Burk.

Cornelia hat mich mehrmals in Tuttlingen besucht. Sie lernte meine Töchter kennen, unternahm mit uns Wanderungen im Donautal, und sie erzählte viel und gern, besonders von ihrem Vater, und brachte mir die verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen meiner Familie und ihrer großen amerikanischen Sippe nahe. Sie war es übrigens auch, die drüben ein Treffen organisierte, das im August 1956, hundert Jahre nach Albert Zellers Ausfahrt von Bremerhaven nach New York, zehn seiner vierzehn Enkel in Partageville, N.Y., zu einem Gedenkfest zusammenbrachte (siehe Sonderheft 5, Foto S. 36).

Von Cornelias Erzählungen von früher erinnere ich mich vor allem an eine: Sie trug an einem Armkettchen eine kleine Holzkugel in feiner durchbrochener Schnitzarbeit, die im Innern ein zweites Holzbällchen barg, ebenfalls geschnitzt und bei jeder Bewegung lustig klappernd. Was war das für ein Ding, etwas Chinesisches vielleicht? O nein, Cornelias Vater, der Pastor Paul Zeller (§ 68), hatte dieses Wunderding aus einem Pfirsichkern gearbeitet! Cornelia erinnerte sich, dass sie und ihre Geschwister immer wieder abends ihre Kinderstirnen dem Vater darbieten durften, der daran durch leichtes Reiben die Kugel mit dem nötigen Öl versorgte. Das tat nicht weh, denn deren Oberfläche war sorgfältig geglättet. -

Wir sind in unserer Gegenwart angekommen. Dem Vetter Martin Zeller fiel bei dem Stichwort „Familientante“ sofort sein ‚Tante Emmale' ein . (§ 142,6), eine Schwester seines Vaters. Ein Fest ohne sie ist im Umkreis der Familien Zeller und Leube ganz undenkbar! Zwischen den großen Familien ihrer Brüder und Schwestern sitzt sie mit heiterer Stirn auf Bildern immer vorne. Sie hat ein langes Berufsleben hinter sich, zuerst als kaufmännische Angestellte, dann, da sie diese Arbeit auf die Dauer nicht befriedigte, nach neuerlicher Ausbildung als Hauswirtschaftslehrerin in Bad Cannstatt. Im April 1987 hat sie zu ihrem achtzigsten Geburtstag selbst ein großes Fest gegeben. Von den 102 von ihr eingeladenen Verwandten versammelten sich 72 in Aichelbach bei Oppenweiler und verbrachten einen großartigen Familientag mit ihr. Welche Krönung eines erfüllten Lebens! -

Freilich wird eine solche Erscheinung eine Ausnahme bleiben. Und weder sie, noch die meisten der im selbständigen Beruf alt gewordenen oder früher verheirateten Frauen, die nun allein und oft recht einsam ihr Alter verbringen, würden es für erstrebenswert halten, wenn sie in den Schoß der Ursprungsfamilie zurückkehren und dort womöglich noch Aufgaben übernehmen sollten. Als „Familientante“ dürfte man sie jedenfalls nicht titulieren!

Und doch - vielleicht hat sich ja nur der Name geändert: Der Ruf nach der noch rüstigen „Oma“ - es darf auch eine Großtante sein - ist allenthalben bei jungen, kinderreichen Ehepaaren zu vernehmen - wenn auch lieber nicht als Dauereinrichtung. Da handelt es sich jedoch am eine Frau, die ihre Chancen gehabt und genutzt hat und die, dank Auto oder vielen Kontakt- und Bildungsangeboten der heutigen Gesellschaft, auch im Alter durchaus nicht auf ihre persönliche Freiheit und sogar „Selbsterwirklichung“ zu verzichten braucht.

Und immer noch kann sie, ähnlich wie früher die unverheiratete Hausgenossin, mit ihrer nicht mehr überforderten seelischen und geistigen Kapazität und ihrem Vorrat an Zeit und Erfahrung ein Ort der vermittelnden Güte und des Verstehens auch in den vielerlei Belastungen und Stress-Situationen sein, denen das heutige Familienleben ausgesetzt ist. Gewiss spielt sie auch die wichtige Rolle eines Verbindungsglieds nicht nur zur nostalgisch empfundenen Vergangenheit, sondern auch zur eigenen Herkunft aus der Großfamilie, aus deren vielfältigen Strömen wir alle, der Einzelne wie die Kleinfamilie, bewusst oder unbewusst unsere Lebendigkeit schöpfen.
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