Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Hermann Zeller (1842-1926)

Vom schwäbischen Pfarrhaus
zum katholischen Priesteramt in den USA

(Zellerbuch § 53,10)

Aus: Liesel Reichle-Zeller, Die Brüder Albert und Hermann Zeller, Zwei Amerikafahrer des 19. Jahrhunderts, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes e.V., Heft 5, Stuttgart 1986, Herausgegeben vom Martinszeller Verband e.V.

 
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August Hermann Zeller wurde am 30. Juni 1842 in Besigheim am Neckar geboren. Von den neun unmündigen Kindern des Besigheimer Dekans Magnus Friedrich Zeller (1803-1843) und seiner Ehefrau Friederike Dorothee Herwig (1800-1843), die innerhalb eines Vierteljahres beider Eltern beraubt wurden, hat wohl nur das jüngste, Hermann, diesen schweren und folgereichen Verlust nicht im Bewußtsein miterlebt: Hermann war damals erst ein Jahr alt. Er wurde sofort in die mütterliche Obhut einer nahen Verwandten beider Eltern gegeben, denn seine Pflegemutter Friederike Herwig, geb. Zeller (18001874), war eine Base des Vaters und verheiratet mit einem Bruder der Mutter, Friedrich Herwig (ZB § 119), dem damaligen Pfarrer in Schafhausen bei Weil der Stadt, später in Neuneck bei Freudenstadt. Die beiden eigenen Kinder des Paares waren zu dieser Zeit schon 15 und 12 Jahre alt.

Es war wohl ein Glück für Hermann, daß er ohne den Heimwehschmerz der Geschwister in einer „eigenen“ Familie mit dem Vater und Mutternamen aufwachsen durfte. Trotzdem hat sich sein Lebenslauf am weitesten von der in beiden Ursprungsfamilien herrschenden geistigen Tradition entfernt, denn er konvertierte in den USA zum Katholizismus und wurde Priester. Daß aber der Eindruck einer völligen Entfremdung bei genauerer Betrachtung als zu vordergründig korrigiert werden muß, sollen die folgenden Blätter zeigen.

Über Hermanns Kindheit und die Art seiner Erziehung im Hause seiner Pflegeeltern erfahren wir vieles aus einem Erinnerungsbuch, das Friederike Herwig ihrem Pflegesohn auf seine Konfirmation geschrieben hat. Er selbst hat später auf das erste Blatt des Büchleins den Titel geschrieben: Lebensgeschichte einiger meiner Vorältern und Einiges aus meinem eigenen Leben . Mit Liebe und Sorgfalt hat die Mutter dem elternlosen Kind seine Herkunft gewiesen und ihm Vorbilder vor allem in den christlichen Tugenden vor Augen gestellt. Man spürt, wie ernst sie ihre Verantwortung nahm und mit welch inniger Sorge sie den Knaben umgab.

Aus einem von Hermann selbst im Jahre 1872 hinten in diesem Büchlein eingetragenen Rückblick auf seine Kindheit liest man seine Dankbarkeit für die bei aller gebotenen Festigkeit und Strenge doch einfühlsame und verständnisvolle Zuwendung seiner Pflegeeltern heraus. Die Pflegemutter hat auch dafür gesorgt, daß dem praktisch als Einzelkind heranwachsenden Hermann seine Zellergeschwister nicht fremd wurden. Er schreibt:

Unvergeßlich bleiben mir die glücklichen Geburtstage, die Besuche von Verwandten bei uns oder die unsrigen bei ihnen, wobei ich meine liebe Mutter begleiten durfte, besonders aber die Überglücklichen Christtage, die sie mir bereiteten. Einst an einem solchen hl. Abend, als sich mir nach mehrstündigem sehnsüchtigem Warten die Thüre des hellerleuchteten Zimmers aufthat, fand ich nicht einen Christbaum sondern eine wunderliebliche Tannenlaube überstrahlt von Lichtchen und im Innern gleichfalls wie ein Christbaum mit Glanz geschmückt; - aber wer beschreibt mein Staunen und Entzücken: darin saßen meine beiden Brüder Albert und Wilhelm, deren seltener Besuch schon an sich immer ein Hauptfreudenfest für mich war - die man in aller Stille von Eßlingen hergeschmuggelt hatte.

Besonders die spätere Pfarrei Neuneck war für alle Geschwister eine Heimat in Urlaubszeiten und wenn etwa nach Krankheiten die stärkende Schwarzwaldluft angezeigt erschien. Dies war besonders oft der Fall bei Hermanns Schwestern, von denen zwei in jungen Jahren sterben mußten. Auch der nur 4 Jahre ältere Bruder Carl, der sein Brüderchen oft besuchen durfte, ist nur 13 Jahre alt geworden.

Leider muß die Pflegemutter aber erwähnen, daß Hermanns Fortschritte in der Schule so unbefriedigend waren, daß man den Wunsch der Schwestern und der Pflegeeltern, einen Prediger aus ihm zu machen, gefährdet sah. Hermann selbst schreibt darüber später: „.... an Liebe und Dankbarkeit fehlte es mir gerade nicht, aber mein Leichtsinn, mein Hang zum Spiel u. Abneigung gegen ernstere Beschäftigung machte den guten Eltern viel Sorge. Dazu war ich, wenn auch kein Schwachkopf, doch auch kein besonders begabter Knabe. ... Nachdem sich mein guter Pflegvater sowohl als sein ältester Sohn ... etwa 1½ Jahre lang mit mir abgeplagt hatten, um mir die Anfangsgründe des Latein beizubringen, u. dabei von meiner Trägheit u. zuletzt ein paar Male selbst von boshaftem Trotz meinerseits viel zu leiden gehabt hatten, kam ich 9½ Jahre alt in die Lateinschule nach Freudenstadt, wo ich den Unterschied zwischen dem Elternhaus u. der Fremde zu meiner heilsamen u. wohlverdienten Buße kennenlernte.

Der Wechsel fand im Oktober 1851 statt. Hermann blieb 6 Jahre dort, wohnte. auch dort und kam nur in den Ferien und manchmal am Sonntag nach Hause. Auch in einer erst 1918 in Amerika geschriebenen Broschüre erinnert er sich noch voll Bitterkeit an diese Zeit.

Entgegen den Befürchtungen der Eltern bestand Hermann im Sommer 1857 in Stuttgart das Landexamen, allerdings als der 45.-48. unter 80 Bewerbern, weshalb er nur als „Hospes“, d.h. auf eigene Kosten, in das Seminar Blaubeuren aufgenommen wurde. Der Aufenthalt dort war jedoch nicht von langer Dauer:

Hier ging es das erste Halbjahrganzgut, dann aber traten die Folgen der unrichtigen Behandlung in der Lateinschule immer mehr und nachtheiliger hervor u. waren Ursache, da/3 meine Eltern am Ende des zweiten Halbjahres meine Entlassung aus dem Seminar nachsuchten. Es war nehmlich damals fast allgemein die Methode in den württembergischen Lateinschulen, die Schüler fast ausschließlich durch Für cht und körperliche Züchtigungen zum Erlernen der betr. Wissenschaften anzuhalten u. sicherlich wurde dadurch die Entwickelung energischen u. selbständigen Strebens u. Eifers in der Jugend keineswegs begünstigt u. so geschah es auch bei mir, daß, als ich diesen gewaltthätigen Antrieb nicht mehr zu fürchten hatte, auch meine Bemühungen so sehr nachließen, daß ich in der Classe mit gutem Erfolg allerdings nicht mehr nachkommen konnte.

Der Gedanke an eine theologische Laufbahn wurde nun aufgegeben. Die Mutter tröstete sich damit, daß der Studiengang ihn vielleicht ins Verderben geführt hätte wie so manchen Jüngling, der gut und unverdorben nach Tübingen kam und dann leichtsinnig oder ungläubig wurde . Sie, die tiefgläubige Lutheranerin mit pietistischer Prägung, dachte dabei wohl an die damalige freisinnige „Tübinger Schule“, der auch ihr Bruder, der Philosoph Eduard Zeller, angehörte. - Hermann selbst hatte einmal aus Blaubeuren geschrieben, er finde, er sollte einen anderen Beruf erwählen; aber das einzige, wozu er Freude zu haben meinte, war dem ganzen Sinn der Eltern zuwider, wie Friederike schreibt. Was mag es wohl gewesen sein, vielleicht ein künstlerischer Beruf? Nirgends ist ein Hinweis zu finden.

Amerika

Durch Bekannte bekam Hermann schließlich eine Lehrstelle in einer Stuttgarter Druckerei, wo er 2 Jahre (1858-1860) arbeitete. Beim Umgang mit seinen dortigen Arbeitskollegen war er zunächst betroffen, mit welch oberflächlichen und primitiven Vergnügungen sich diese an sich gutherzigen jungen Menschen zufriedengaben und wie wenig Sinn für das Religiöse sie hatten. Schließlich gewöhnte er sich daran und fand nichts mehr dabei. Als aber Pastor Schnurrer, ein Prediger aus USA, ihm 1860 überraschend das Angebot machte, mit ihm nach New York zu kommen und sich dort für den lutherischen Kirchendienst in Nordamerika ausbilden zu lassen, fiel ihm diese Gleichgültigkeit schwer aufs Gewissen, und er empfand es als ein Zeichen von Gottes Gnade, daß er ihn dadurch aus dem Sumpfherausziehen wolle, in den er gefallen war.

Pastor Schnurrer, ein Mann von großem Ansehen in der alten Heimat wie in der Neuen Welt, war ursprünglich Chemiker und Apotheker gewesen und hatte als erfolgreicher Reisevertreter einer großen chemischen Firma viel von der Welt gesehen. In New York hatte er sich aber, beeindruckt vom Beispiel seiner Schwester, einer lutherischen Pfarrfrau in Pennsylvania, entschlossen, seine kaufmännische Karriere abzubrechen und einer inneren Berufung zu folgen. Nach einjähriger Vorbereitung bei seinem Schwager ließ er sich im lutherischen Seminar in Gettysburg zum protestantischen Geistlichen ausbilden. Der bekannte Pastor Dr. Geissenhainer in New York berief ihn zur Leitung eines von ihm gegründeten kleinen theologischen Seminars zur Ausbildung junger Deutscher für den Kirchendienst. Um geeignete Kandidaten für dieses Seminar zu suchen, war Pastor Schnurrer im Herbst 1860 nach Deutschland gereist und hatte dort alle bedeutenden lutherischen Theologen aufgesucht. Anläßlich eines Besuches bei der Witwe von Gotthilf Heinrich von Schubert in München hatte er Hermanns Schwester Marie getroffen, die seit 1849 als Pflegetochter im Hause des Professors und bayrischen Hofrats lebte. Marie beauftragte Schnurrer, ihren Bruder Hermann in Stuttgart zu grüßen, falls er ihn dort treffen sollte. Dies war der Anlaß zu der Begegnung, die Hermanns Leben in ganz neue Bahnen lenkte.

Wie sich denken läßt, wurde diese Wendung in der Familie als glückliche Fügung betrachtet. Nicht nur Schnurrers glänzender Ruf machte den Pflegeeltern die Zustimmung leichter, sondern auch die Tatsache, daß Albert Zeller, der zweite von Hermanns älteren Brüdern, schon seit 1857 als protestantischer Pfarrer in Nordamerika tätig war. Er war eben im Begriff, seine Braut Auguste Burk, eine Tochter des Pfarrers von Echterdingen, in seine Pfarrei in Wisconsin kommen zu lassen. Pastor Schnurrer war schon als Reisebegleitung für sie ausersehen, und so fuhr Hermann mit ihr und einer kleinen Gruppe von Amerikafahrern, darunter 2 Bräuten junger amerikanischer Pastoren, im Mai 1861 von Hamburg nach New York.

Schnurrers Seminar gehörte zum Gelände des von dem geschäftstüchtigen Pastor Geissenhainer eingerichteten lutherischen Friedhofs in Middle Village, Long Island. Die Anzahl der Studierenden an diesem Seminar war wegen des Bürgerkriegs von 6 auf 2 reduziert worden. Ein junger Deutscher namens Wilhelm Günsch war Hermanns einziger Mitstudent.

Der Lehrplan enthielt die Fächer Logik, Psychologie, Geschichte der Philosophie, Dogmatik, Homiletik und Kirchengeschichte, und natürlich als Hauptfach das Studium der Heiligen Schrift. Schnurrer hielt es in einem Land wie Amerika für wichtig, daß die Studenten sich auch mit den anderen christlichen Konfessionen und deren unterschiedlichen Lehrmeinungen gründlich bekannt machten, was auch Besuche von deren Gottesdiensten mit einschloß. Da für einen guten Protestanten die Bibel die erste Autorität in Glaubensdingen ist, entdeckten sie gemeinsam endlose Widersprüche zur Bibel und Streitfragen zwischen diesen Gruppen, sogar innerhalb derselben. Doch diese Entdeckungen steigerten nur den Eifer und das Interesse der Studierenden.

Die Reihe der Erfahrungen, die Hermann als Stationen auf seinem Weg zum Katholizismus angibt, beginnt mit einem Erlebnis bei einem Picknick, das Schnurrers Gemeinde mit ihrem Pfarrer an einem Sonntag veranstaltete. Es ist beschrieben in einer Broschüre mit dem Titel The Conversion of Two Lutheran Ministers to the Roman Cathohc Church in 1863 by Rev. Ignatius (Hermann) Zeller. Er veröffentlichte diese Schrift im Jahre 1918 mit der Billigung der kirchlichen Autoritäten der Diözese Brooklyn mit eigenem Copyright. Für die Darstellung von Hermanns Leben in Amerika folgen wir diesem Büchlein. Es wurde von ihm noch deutsch geschrieben und von einem Joseph P. Brentano ins Englische übersetzt, der in einer Vorrede betont, daß es unmöglich sei, die einzigartige logische Folgerichtigkeit des Ausdrucks, die Harmonie der reichen Sprache und den flüssigen, ungekünstelten Stil in der Übersetzung wiederzugeben. Die Broschüre bringt am Anfang den Lebenslauf Schnurrers und danach Hermanns eigenen, wobei er ausführlich auf seine familiäre Herkunft eingeht, so daß das kleine Werk einen Quellenwert auch für die Familiengeschichte besitzt.

Doch zurück zu jenem Picknick. Man fuhr mit Bauernwagen zu den Jamaica Woods (auf Long Island), wo reichlich Proviant und einige Fäßchen mit Bier abgeladen wurden. Es ging fröhlich zu, und man unterhielt sich mit Gesellschaftsspielen. Hermann berichtet (Rückübersetzung der Verfasserin): Zu jener Zeit gab es eingewisses Spiel namens „Ring Kissing“, das sehr beliebt war. Überall, wo man eine Party gab, war dieses ziemlich unanständige Spiel eine herausragende Nummer in der Liste der Vergnügungen. In katholischen Versammlungen war es streng verboten, aber bei protestantischen kirchlichen und privaten Gesellschaften fehlte es selten, und Jahre vergingen, bevor der Sinn für öffentliche Schicklichkeit stark genug wurde, um es abzuschaffen. Zu meiner Schande sei es gesag, ich war meinen Grundsätzen so wenig treu, daß ich mich an diesem Spiel beteiligte.

Selbstverständlich war auch dem Bier kräftig zugesprochen worden. Pastor Schnurrer versuchte vergeblich, der feuchtfröhlichen Lustbarkeit Einhalt zu gebieten. Erst nach einer Kriegslist , nämlich dem Ruf Feuer im Dorf! besannen sich die Männer, warfen sich in ihre Wagen und peitschten auf ihre Pferde ein. Nach mehreren Karambolagen und Stürzen im Wald zog die fromme Kirchengemeinde unter Kindergeschrei und Hundegebell in Middle Village ein, wo es natürlich nicht brannte.

Hier hatte Hermann zum erstenmal feststellen müssen, daß einem protestantischen Pfarrer im Ernstfall keinerlei Amtsautorität zu Gebote steht, auch wenn er bei seiner Gemeinde noch so beliebt und geachtet ist. Daß Pfarrer Schnurrer seinen ohnmächtigen Zorn in seinen nächsten Predigten explodieren ließ, machte die Sache nicht besser.

Einer anderen nur im Protestantismus anzutreffenden Erscheinung, dem freien Gebet (prayer from the heart), widmet Hermann ein weiteres Kapitel. Diese besonders in pietistischen Kreisen gepflegte Sitte geht auf das einmütige Gebet der Apostel in Apg. 4, 24-31 zurück. Hermann ist der Meinung, daß das Zustandekommen eines solchen Gebets und seiner Folgen das außerordentliche Werk Gottes, also ein Wunder, gewesen sei und nicht aus menschlichem Willen nach Belieben wiederholt werden könne. Er teilt auch nicht die Meinung, daß ein öffentliches Gebet ohne Vorbereitung, „aus der Seele heraus“, sich in jedem Fall auf die Führung und Inspiration des Heiligen Geistes verlassen kann. Dazu hat Hermann in frommen Versammlungen im Hause einer Tante während seiner Stuttgarter Lehrzeit zuviel frommen, Unsinn“ mitanhören müssen. Er war dort auch nie imstande gewesen, ein solches Gebet zu sprechen, wenn er dazu aufgerufen wurde. Dies trug ihm den Ruf eines verlorenen Schafes oder gar eines gefallenen jungen Mannes ein, auf den sich die Damen des Zirkels mit besonderem Bekehrungseifer stürzten. Man hat überhaupt den Eindruck, daß Hermann die evangelische Frömmigkeit in seiner Jugend oft verleidet worden ist durch Erfahrungen mit pietistischer Weltfeindlichkeit und Sentimentalität, obwohl er immer wieder betont, wie weit das religiöse Leben in der Familie seiner Pflegeeltern von solchen Entgleisungen entfernt war. Dafür gibt er ein amüsantes Zeugnis:

Ich erinnere mich an das Beispiel eines Kolporteurs, d.h. eines jener reisenden protestantischen Verkäufer frommer Schriften  Natürlich wurde er gastfreundlich aufgenommen und ihm eine extra Mahlzeit zubereitet. Ich wiederhole hier ein Zwiegespräch zwischen ihm und meiner lieben Mutter. Wir wollen ihn Braucherle nennen, denn die Mehrzahl der schwäbischen Namen enden auf die Verkleinerungssilbe „-le“

„Braucherle“ fragte meine Mutter, „möchten Sie noch etwas Fleisch ?“ -Braucherle, mit schräg zum Himmel aufgehobenen Augen: „Fleischlich gesinnt zu sein bedeutet Tod, sagt der Apostel.“  - Nach kurzer Pause sprach meine Mutter: „Schauen Sie, hier unten habe ich noch Kartoffeln und Gemüse in der Bratpfanne.“  - Braucherle (wie oben): „Suchet nicht was drunten ist, sagt der Apostel.“ - Meine Mutter: „Soll ich Ihnen noch ein Glas Most eingießen ?Braucherle: Braucherle: „Ich kann mich aller Dinge bedienen, aber alle Dinge helfen mir nichts, sagt der Apostel.“

Jetzt blieb meine Mutter still und bot diesem dünkelhaften, scheinheiligen Toren nichts mehr an, obwohl er nach dem Fleisch schielte und offensichtlich hoffte, weiter zum Essen und Trinken gedrängt zu werden. -

Donnernde Bußpredigten und freie Gebete des Inhalts O Herr, was für schreckliche Sünder sind wir! hatten nach Hermanns Ansicht in Middle Village dazu geführt, daß sich etwa ein Drittel der Gemeinde unter der Leitung eines Grobschmieds zu einer Gegenpartei zusammenschloß, die eine Änderung der Statuten verlangte, nach der es den Gemeinderäten erlaubt sein sollte, den Geistlichen zur Rede zu stellen oder gar ihm eine Rüge zu erteilen, wenn er in seinen Predigten etwas Verletzendes äußerte. Der Pfarrer brauche eine Autorität über sich, er sei den Gemeinderäten unterstellt und nicht deren Vorgesetzter; ja, die Pfarrer sollten im Rat weder Sitz noch Stimme haben. Es kam so weit, daß eine Mehrheit der Gemeinde eigene Gottesdienste im Gebäude der methodistischen Kirche hielt und schließlich eine regelrechte Oppositionskirche baute und mit Hilfe einiger fremder Geistlicher auch weihte.

Dies alles erlebten die beiden Kandidaten mit, während sie sich gerade mit den Unterschieden zwischen den christlichen Bekenntnissen befaßten. Es konnte nicht ausbleiben, daß sie die Methodisten und die Anglikaner um ihr Episkopalsystem beneideten. Auch die Pfarrer der deutschen protestantischen Kirche, die damals Staatsbeamte waren, hatten eine solche Amtsautorität hinter sich.

Daß diese Systeme aber auch keine Garantie gegen Verirrungen des Glaubens boten, dafür war gerade die evangelische Kirche in Deutschland ein Beispiel. Es war weltweit bekannt, daß die Professoren der „Tübinger Schule“ die grundlegenden Wahrheiten des christlichen Glaubens auch bei ihren Studenten in Frage stellten und in der Kirche fromme Gemüter durch ihre historische Bibelkritik erschreckten. Auch habe die protestantische Kirche nur noch zwei gültige Sakramente, die obendrein zu fast bedeutungslosen Zeremonien herabgesunken seien. - Hätte Friederike Herwig Gelegenheit gehabt, dieses Kapitel in Hermanns Rechtfertigungsschrift zu lesen (sie starb schon 1874), so hätte sie voll auf seiner Seite stehen müssen. Die evangelischen Frommen ihrer Zeit hatten es in der Tat schwer, zwischen Pietismus und oft überzogenem Liberalismus in der eigenen Kirche ihren Glaubensernst zu bewahren. Der dadurch geschaffene Zwiespalt wirkte bis in die Familien hinein. Für die Wirkung dieser Entwicklungen auf Nordamerika gibt Hermann ein Beispiel:

Vor einigen Jahren erklärte ein Geistlicher in einer der größten Kirchen New Yorks, daß er hoffe, es sei keiner unter seinen Zuhörern, der noch der Meinung sei, daß die Rettung der Seele von der Berührung mit ein paar Tropfen Wasser abhänge. Ein Ausbruch von Händeklatschen war die Zustimmung, die er damit erhielt.

So kam es, daß Schnurrer eines Tages seinen theologischen Zöglingen erklärte, die einzige Kirche, die in Glaubensdingen noch Achtung verdiene, sei die katholische Kirche; es sei an der Zeit, ihr System zu studieren. Den Bedenken, die die Studenten äußerten, da doch Aberglaube und Götzenverehrung in dieser Kirche sogar am Altar getrieben werde, begegnete Schnurrer mit der Antwort, ehrlicherweise könne man niemand verdammen, ohne seine Verteidigung anzuhören. Die Wahrheit der katholischen Lehre könne nur an katholischen Quellen geprüft werden. So machten sie sich an das Studium katholischer Lehrbücher wie des katholischen Katechismus, der Beschlüsse des Konzils von Trient und Möhlers Symbolik, welche sie mit den entsprechenden protestantischen Werken verglichen. Ein solches Vorgehen war damals für Protestanten ungewöhnlich: wenn man etwas Stichhaltiges über die katholische Kirche erfahren wollte, so befragte man das Werk eines Protestanten. Hermann geht so weit, zu erklären, daß alle seine jugendlichen Vorstellungen vom Katholizismus auf schamlosen Lügen und Verzerrungen der Wahrheit in protestantischen Büchern beruhten. Für evangelische Fromme seiner Zeit war die katholische Kirche und ihr Papst schlichtweg der Feind. Um doch noch etwas Belastendes für die Lehren der katholischen Kirche zu finden, stürzten die Studenten sich wie Habichte auf die Heiligen- und Marienverehrung. Doch was entdeckten sie?

Die katholische Kirche fordert im Grunde für die Heiligen nur die selbe Liebe, die selbe Achtung, die jetzt unter uns Pilgern auf Erden bestehen, wo wir um Fürsprache im Gebet bitten und für dieselbe dankbar sind. ... Wo wäre die Gemeinschaft der Heiligen, wenn, wie nach protestantischer Lehre und ihrem Verständnis, die Heiligen im Himmel nur ein sorgloses Leben (a sinecure life) führen und sich nicht im geringsten um die Nöte und Konflikte ihrer Brüder auf derErde kümmern würden und wenn wir ihnen unseren Dank oder ein gutes Wort für ihre Fürbitte verweigerten?

Mit ähnlichen Gedanken wirbt Hermann auch für die Verehrung der Heiligen Maria: Warum sollte ein Christ Liebe und Achtung der Frau vorenthalten, welcher unser Herr Christus selbst diese Gefühle so lebhaft entgegenbrachte? Warum sollte man sich deshalb in genauen Gegensatz zu den Worten des Heiligen Geistes begeben: ,Von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder' (Lukas 1,48)? Und da Christus sagt (Matth. 18,20), daß, wo zwei oder drei in seinem Namen versammelt sind und den Vater um etwas bitten, er mitten unter ihnen sei, warum also sollte es dem Christen nicht erlaubt sein, die am meisten ausgezeichnete Freundin Gottes einzuladen, um durch ihre Vermittlung die Wirkung des Gebets zu erhöhen?

Hermanns Argumentationen sind leidenschaftlich, oft auch unnötig scharf, auch fehlt es ihm seinerseits nicht an Vorurteilen gegenüber dem Protestantismus. Doch ist vieles davon aus den damaligen Zeitumständen erklärlich. Vor allem kann niemand abstreiten, daß sein religiöses Gefühl echt und seine Begründungen gewissenhaft und alles andere als oberflächlich sind. - Da es sich, wie Hermann schreibt, bei seinem Büchlein nicht um eine Beschreibung der katholischen Glaubenslehre, sondern um eine Biographie handelt, hat er weitere mögliche Streitpunkte zwischen den Konfessionen hier weggelassen.

Zu der theologischen Arbeit kam für die Studenten nun die Begegnung mit einem katholischen Priester, Pfarrer Götz im nahegelegenen Winfield, der von Wilhelm Günsch von den Studien der beiden Kandidaten erfahren hatte. Er lud die beiden freundlich zu einem Besuch in seiner Bibliothek ein. Hermann benützte den Freitag vor Palmsonntag 1863 dazu. Als er vormittags in Winfield ankam, hörte er aus der Kirche Orgelklänge und trat ein. Da es ein Werktag war, war er höchst überrascht, einen Gottesdienst mit ziemlich vielen Teilnehmern im Gange zu finden, mit einer kurzen Predigt in Englisch und Deutsch und dem Abendmahl zwar in einerlei Gestalt, aber knieend und andächtig empfangen. Es war das Fest der sieben Schmerzen Mariä. Nach dem Gottesdienst unterhielt sich Hermann mit dem Geistlichen, der noch die Fasten einhielt und Hermann mit Höflichkeit und Freundlichkeit entgegenkam. Bei seiner Rückkehr hatte er einen Schatz an interessanten katholischen Büchern, die er mit Schnurrer teilte.

Obwohl Hermann von allem, was er gesehen hatte, angenehm berührt war, fand er es immer noch bei sich selbst fast amüsant, daß der Priester offenbar den Eindruck gehabt hatte, er und sein Freund wollten sich zum Katholizismus bekehren. Daran dachte er noch nicht, doch sein Interesse war gewachsen. Immerhin waren ihm auch infolge einiger Vorkommnisse in der Gemeinde Zweifel gekommen, ob das evangelische Abendmahl unter beiderlei Gestalt und das von Luther aus 1. Petrus 2,9 abgeleitete „allgemeine Priestertum“ für die christliche Gemeinde in der Praxis nicht gewisse Gefahren berge. Auch machte er sich nun Gedanken über das Fasten, das er seit seinem Freudenstädter Konfirmandenunterricht nicht nur als etwas Unnützes und Sinnloses, sondern als pure Scheinheiligkeit angesehen hatte. Aber gerade in jener Zeit entdeckte er, daß Christus selbst und seine Jünger das Fasten für nützlich und manchmal sogar für notwendig gehalten hatten. In der Schriftstelle Matth. 6, 16-18, auf die sich Protestanten meist beziehen, wird nur das pharisäische Fasten „vor den Leuten“ verurteilt.

Inzwischen war die Abschlußprüfung vor der evangelisch-lutherischen Synode von Pennsylvania in Reading nähergerückt. Während der letzten zwei Monate hatte Hermann seine katholische Lektüre beiseitegelegt, da sie ihn bei seinen Vorbereitungen störte, und er gedachte, die Bücher bei Gelegenheit mit ein paar freundlichen Dankesworten zurückzubringen.

Die beiden Kandidaten mußten sich am 3. Juni 1863 mit etwa 15 Studenten aus dem regulären Gettysburger Seminar zur Prüfung stellen. Natürlich hoffte Dr. Geissenhainer, daß seine mehr oder weniger privat geschulten Kandidaten bei diesem Wettbewerb mit Ehren bestehen würden. Später informierte er Hermann, daß er der Zweite oder Dritte geworden sei. Wenn Sie ein Student des Seminars wären, hätte man Ihnen wahrscheinlich den ersten Platz zuerkannt.

Am Abend des 3. Juni 1863 fand die Ordination der Prüflinge statt. Nun war Hermann, erst 21 Jahre alt, lutherischer Geistlicher. Er gedachte als ein solcher mit Hilfe der von seiner Kirche gewährten wundervollen Freiheit der Auslegung des Wortes Gottes sein Gewissen hinsichtlich seiner katholischen Erfahrungen zu beschwichtigen. Doch diese Hoffnung war von kurzer Dauer, denn Pastor Schnurrer, dem eine wichtige Predigt vor der Synode übertragen worden war, hatte dabei in Auslegung des Textes Joh. 20,22 dargelegt, daß die wahre Kirche Christi notwendigerweise die priesterliche Gewalt der Lossprechung für sich beanspruchen müsse und daß diese Macht natürlich das persönliche Sündenbekenntnis voraussetze. Hermann war der gleichen Ansicht, hätte sie aber eher für sich behalten.

Schnurrers Predigt erregte allgemeines Ärgernis; die nächste Synode erteilte ihm eine öffentliche Rüge, und sein Verlangen, man möge ihm die Unrichtigkeit seiner Auslegung aus der Bibel beweisen, wurde als nicht ordnungsgemäß abgewiesen.

Nach diesen Ereignissen hatte Hermann eine Zeit der Muße. Durch erneutes Studium wurden ihm immer mehr von den alten Vorurteilen gegen die katholische Kirche fragwürdig, und sein Gewissen ließ ihm keine Ruhe, er müsse daraus auch Konsequenzen ziehen. Es waren schwere Kämpfe und Gewissensqualen für ihn. Er betete und suchte verzweifelt nach Gründen, um in seinem geliebten Protestantismus bleiben zu können. Er wußte auch, welch furchtbaren Schmerz er seinen Pflegeeltern und Geschwistern in der Heimat durch einen Übertritt zufügen würde. - In diesen Kämpfen traf ihn wie ein Blitz die vertrauliche Mitteilung Schnurrers, daß dessen Frau und die beiden kleinen Kinder schon katholisch geworden seien und daß er selbst diesen Schritt in wenigen Wochen öffentlich vollziehen wolle. Eine lebensbedrohende Krankheit seiner Frau hatte den letzten Anlaß zu diesem Entschluß gegeben. Sie hatte nach der Absolution verlangt, aber ihr Gatte war inzwischen zu der festen Überzeugung gekommen, daß der protestantischen Ordination die apostolische Legitimation dazu fehle. Er hatte auf ihren dringenden Wunsch schließlich Pfarrer Götz aus Winfield kommen lassen.

Bei der nächsten Sitzung des Kirchengemeinderats legte Schnurrer sein Pastorat ohne Angabe des Grundes nieder und schlug der Gemeinde vor, Hermann zu seinem Nachfolger zu wählen. Dies geschah einstimmig am 26. Juli 1863. Sein Gehalt war für damalige Zeiten sehr gut: 700 Dollar und freie Wohnung. Pfarrer Geissenhainer war ihm freundlich gesonnen, in wenigen Jahren würde er in den Ruhestand treten und ihn, Hermann, als Nachfolger für seine große, reiche Stadtpfarrei vorschlagen. Fast unmerklich legte Hermann da seine religiösen Zweifel beiseite.

Am Sonntag, dem 2. August 1863, saß Hermann im Talar vorne in der Nähe des Altars, um das Melodeon (Harmonium) zu spielen. Man bekam zu hören, wie gern die Leute Pfarrer Schnurrer hatten und wie wenig sie deshalb seinen Weggang verstanden. Seine. Abschiedspredigt begann Pfarrer Schnurrer mit dem Dank an seine Gemeinde für die gute und freundliche Zusammenarbeit. Dann aber bewies er unmißverständlich und schonungslos in zwölf Punkten, daß die Lehre Luthers in direktem Gegensatz zu den klaren Worten der Heiligen Schrift stehe und daß er deshalb zur katholischen Kirche übertreten werde. Während der Predigt hörte man ein paarmal lautes Murren, aber die Gemeinde verließ danach die Kirche sehr schnell, ohne etwas zu sagen. Am Nachmittag erfuhr Hermann von seiner Wirtin, daß für den Abend irgendeine Demonstration geplant sei. Schnurrer willigte aber nicht ein, mit seiner Familie im Schutz der Dunkelheit einen sicheren Ort aufzusuchen. Hermann berichtet von diesem Abend:

Ich blieb zum Abendessen (bei Schnurrers), und wir hatten das Mahl fast beendet, als mit fürchterlichem Krachen einer oder zwei Steine durchs Fenster hereingeschleudert wurden und mitten zwischen uns die Schüsseln auf dem Tisch zerschmetterten Die arme Mutter lief mit ihrem Kind ziellos hin und her, blieb plötzlich stehen und legte mir das Baby in den Arm, wobei sie sagte: „Um Gottes Willen, Herr Zeller, retten Sie wenigstens mein armes unschuldiges Kind.“ - Wir waren eben dabei, uns in voller Bekleidung zurückzuziehen (H. hatte sich bereiterklärt, die Nacht bei Schnurrers zu verbringen), als wir das Getöse von Blechgefäßen und Hörnerblasen hörten. Der Lärm kam näher, und nach etwa 10 Minuten stand eine Menge von etwa 100 Personen vor der Haustüre. ... Nach weiteren 10 Minuten andauernden Lärmens und Geschreis: „Heraus mit dem Pastor, und hängt Ihn an den Baum vor dem Haus!“ erklang ein ganzer Schwall von Schimpfnamen, vermischt mit mehreren Pistolenschüssen. Dann näherte sich einer der Gemeinderäte und klopfte an die Tür. Bevor ich öffnete, befahl ich der Magd, die mit mir an der Tür stand, diese sofort hinter mir abzuschließen  Für mich selbst fürchtete ich nichts von diesen Leuten. Ich blieb ganz ruhig trat mit festen Schritten mitten in dieses Gedränge und sagte ihnen dann deutlich, dass Herr Schnurrer unter keiner Bedingung herauskommen werde und daß ich hier sei, um Ihnen jede Frage zu beantworten. ... Nun begann ein heftiger Disput; die alten abgedroschenen Beschimpfungen der katholischen Kirche wurden in großem Durcheinander vorgebracht Einer von ihnen bestand darauf, daß kein Mensch Sünden vergeben könne. Es sei pure Blasphemie, wenn die katholischen Priester diese Gewalt für sich beanspruchten. ... Als ich Ihnen die Antwort aus der Bibel sagte (Johs. 20,21-23), starrten sie mich sprachlos an, und einer murmelte: „Dieser Bursche ist auch schon katholisch angesteckt.“

Konversion zum Katholizismus

Nach diesem Erlebnis erklärte Hermann noch am Vormittag des 3. August dem Pfarrer Götz in Winfield seine Absicht, ebenfalls zur katholischen Kirche überzutreten. Vorher aber verbrachte er einige stille Tage im ruhigen Jesuitenkollegium in Fordham, um mit sich selbst ins reine zu kommen. Am 15. August fuhr er allein von Fordham/New York nach Winfield, wo er bei Rev. Pfarrer Schneider die Beichte ablegte und am 16. August durch das katholische Bekenntnis und die bedingte Taufe in die katholische Kirche aufgenommen wurde. Dazu bemerkt Hermann, daß die nochmalige Taufe eigentlich unnötig gewesen war, da er ja als Kind von seinem eigenen Vater eine gültige Taufe erhalten hatte. Aus Unkenntnis der Gebräuche hatte er versäumt, dies den ihm vorher nicht bekannten Priestern mitzuteilen.

Bei all diesen Vorgängen verlor Hermann nie den Mut und die innere Gewißheit, das Richtige zu tun. Nun jedoch standen ihm einige traurige und unerfreuliche Pflichten bevor. Er hatte noch Besitztümer in seiner früheren Wohnung, die Eigentum seines früheren Freundes und Förderers Dr. Geissenhainer war. Dieser hatte alles abgeschlossen, damit nichts fortgeschafft werden konnte. Nun aber mußte Hermann sich vor ihm und Mr. Müller, dem Oberaufseher des Friedhofs, verantworten. Auch eine Menge Mitglieder des Kichengemeinderats waren anwesend. Die Atmosphäre war sehr gespannt, auch deshalb, weil Hermann für die „New Yorker Katholische Kirchenzeitung“ einen Bericht über die Ereignisse in Middle Village geschrieben hatte. Hermann wurde über die Gründe für seinen Ubertritt befragt und erläuterte seinen Standpunkt, Geissenhainer schnitt ihm bald das Wort ab und kam auf die finanzielle Seite der Sache zu sprechen. Allerdings hatte Hermann jährlich 200 Dollar von ihm bekommen; dazu wurden noch die 100 Dollar gerechnet, die Schnurrer für jeden seiner Studenten für seinen theologischen Unterricht erhalten hatte. Da Hermann sich sofort bereit erklärte, alle seine Schulden zurückzuzahlen, zeigte Geissenhainer Interesse für Hermanns schöne Bibliothek, die auf 100 Dollar geschätzt wurde; Hermanns allsonntägliche Predigten während der letzten 9 Monate wurden ebenfalls mit 100 Dollar bewertet. So kamen 300 Dollar Schulden zustande, die Hermann förmlich auf einem von Zeugen signierten und indossierten Dokument anerkannte. Nach diesen Formalitäten durfte er recht hastig seine Habseligkeiten in die mitgebrachten Koffer verpacken.

Er erzählt weiter: Einem Kirchengemeindera4 der an der Tür meines Zimmers stand, schenkte ich eine Geige mit Bogen; einem anderen gab ich eine langstielige Tabakspfeife, was beides ohne ein Wort des Dankes angenommen wurde. Wenige Minuten später forderte man mich auf zu sehen, wie meine Gaben geschätzt wurden, und während ich zuschaute, wurden die beiden Dinge zerstört und zertreten.

Draußen erwartete ihn eine feindselige Menge, die ihn auf dem kurzen Weg zum Wagen mit Schlägen und Tritten traktierte. Noch solange er auf dem Trittbrett des rasch anfahrenden Wagens stand, folgte ein Hagel von Steinen auf ihn, das Fahrzeug und die Pferde.

Das Schwerste aber stand ihm noch bevor: Er mußte seine Eltern und Geschwister über seinen Schritt unterrichten und ihnen damit tiefste Schmerzen bereiten. -

Nach einem kurzen Zwischenspiel als Hilfslehrer an der German Catholic High School in Pittsburgh, wo er wegen fehlender englischer Sprachkenntnisse bald entlassen werden mußte, war er froh, die Stelle eines gewöhnlichen Schullehrers und Küsters an der Holy Trinity Church in Riceville/Pittsburgh angeboten zu bekommen. Bald jedoch nahm ihn Rev. John Loughlin, der Bischof von Brooklyn, als Kandidaten für das Priesteramt in seiner Diözese auf und sandte ihn im September 1864 in das berühmte Seminar der Sulpizianer in Baltimore. Dort absolvierte er das 4jährige theologische Studium und wurde am 30. Juni 1868 von Erzbischof Spalding zum Priester geweiht. Er feierte seine erste Heilige Messe in der selben Kirche in Pittsburgh, wo er als Küster gearbeitet hatte.

Im November 1868 rief ihn Pfarrer Götz nach Winfield als seinen Nachfolger. Dort arbeitete er 7 Jahre. Danach glaubte er eine Berufung zum Jesuitenorden zu verspüren und verbrachte 1½  Jahre in dessen Noviziat in Exaten in Holland. Sowohl er selbst wie seine Vorgesetzten merkten aber, daß in diesem Orden sein Platz nicht sein konnte. Als Vorteil, den er aus dieser Zeit gezogen hat, bezeichnet Hermann die gründliche Erneuerung der Grundlagen der Lehre und die spirituellen Übungen dort. Im Anschluß an seinen Abschied unternahm er von Mai bis September 1876 eine Reise durch Deutschland, die Schweiz und Italien, wo er Papst Pius IX. besuchte. Von einem Wiedersehen mit seinen württembergischen Verwandten ist nirgends die Rede.

Nach seiner Rückkehr in die USA am 17. September 1876 fuhr er nach Brooklyn, wo er sofort als Pfarrer von St. Benedikt eingesetzt wurde. Zehn Jahre harter Arbeit wirkte er in dieser großen Stadt; da wurde in ihm der Wunsch nach einer ruhigeren und leichteren Stelle geweckt, womöglich auf dem Lande. Dem Wunsch wurde entsprochen, er wurde nach Jamaica, Long Island, geschickt, wo er die Pfarrei der Kirche Mariä Opferung einzurichten hatte. Nach 18 Jahren gab man ihm den Posten des Kaplans der Schwestern von St. Augustin in Lakewood, Ohio, wo seine geschädigte Gesundheit wiederhergestellt wurde. Nach einer kurzen Übergangszeit in Brooklyn (Morris Park) wurde er in die Pfarrei von St. Bonifacius in Elmont, Nassau Co., Long Island N.Y. versetzt. Hermann wirkte dort 16 Jahre, bis Ende 1921. Damals stand er in seinem 80. Lebensjahr. An diesem Ort schrieb er auch, 76 Jahre alt, den Lebensbericht, dem wir bis hierher im wesentlichen gefolgt sind. Seine letzte Station war die Stelle eines Kaplans in St. Clara's Home in Far Rockaway, wieder auf Long Island. Dort ist er am 8. Juni 1926 gestorben.

 

Das Büchlein The Conversion of two Lutheran Ministers endet mit einer Bitte an die Leser um ein Gebet für seinen Freund Schnurrer und ihn selbst: damit unsre Seelen in Frieden ruhen mögen. Mein Freund wird die Wohltat des Gebets nur von wenigen Verwandten empfangen, ich jedoch von keinem.

Dieser bittere Satz kann nur so gemeint sein, daß es keine Mitglieder der Familie Zeller gab, welche seiner mit katholischen Gebeten gedenken würden, die er offenbar als allein wirksam ansieht. Verläßt man diesen recht engen Standpunkt, so ergibt sich ein ganz anderes Bild. Abgesehen vielleicht von der ersten Zeit nach Hermanns bestürzender Eröffnung, als die Familie sozusagen noch unter einem Schock stand, hat es durchaus auch nach seinem Übertritt Beziehungen gegeben. Von ihnen soll zum Schluß noch die Rede sein.

Um die unmittelbare Wirkung von Hermanns Schritt auf seine Pflegemutter zu ermessen, sei hier in Auszügen ein Brief von ihr an Hermanns ältere Schwester Sophie vom 2. Oktober 1863 wiedergegeben: Meine liebe Sophie! Deine lieben Zeilen rühren mich; ach Ihr guten Kinder tragt selbst so schwer an dieser traurigen Sache u. bemühet Euch, dieselbe uns möglichst zu erleichtern. Könnte ich sie Euch ersparen! Aber es sollen nun alle näher verbundenen Glieder unsrer Familie von diesem unbegreiflichen Schlage berührt werden, so wie vor 20 Jahren allgemeine Trauer war und gar Viele nicht begreifen konnten, warum der liebe Gott also handle. Dieser Fall läßt sich nun freilich nur so weit vergleichen, ist viel unbegreiflicher u. kommt nicht vom Vater sondern vom Feind. Aber der Herr des Himmels u. der Erde hätte den Feind überwinden können, wenn Seine Weisheit u. Gnade ü. Liebe nicht anders unser armes Kind retten könnte, - auch jetzt kann er dem Starken den Raub nehmen u. gewiß: Er wird es thun u. sollten wirs erst in der Ewigkeit erfahren. ... Ach er (Jesus) ist ja unendlich erbarmender u. liebender als wir armen Menschen, u. doch würden wir so gern ihn in die Arme schließen u. alles vergeben u. vergeßen, was wir jetzt um ihn leiden u. weinen. O Du liebe Sophie! Du bittest für ihn bei uns. Er wollte uns ja nicht betrüben, hat es freilich in höherem Grad gethan, als er wohl denkt, aber hätte er nur den Heiland nicht betrübt! Dessen Gnade übersteigt aber unsre Liebe so weit, als der Himmel höher ist denn die Erde, u. die läßt ihn nicht im Irrthum versinken, das wollen wir festhalten, aber dem Heiland gar nichts vorschreiben, sondern nur um Glauben beten, damit wir nicht aufhören, das verirrte Schaf ganz allein Ihm zu überlaßen.

Auch in anderen Familienbriefen der Zeit ist von Hermanns Verirrung die Rede. Von Briefen an Hermann selbst ist aber nichts erhalten. Dagegen gibt es ein ganz kurzes, herzliches Zettelbriefchen aus Jamaica an die Schwester Sophie. Gerade dessen Flüchtigkeit ist ein Beweis dafür, daß häufiger Briefe gewechselt wurden. –

Ganz deutlich werden aber brüderliche Beziehungen zu dem lutherischen Pfarrerbruder Albert, der in seinem zweiten Tagebuch im Juli 1866 aus Millstadt, Illinois, berichtet: Am Donnerstag dem 12ten kam Hermann von Baltimore auf 3 Wochen zu Besuch. Wir hatten uns seit 10 Jahren nichtgesehen... 19ten: Hermann ist in seinem katholischen Wesen außerordentlich streng. Sonst ist er ein lieber angenehmer Gast. Da er aber so oft in der Kirche war und auch ein wenig fungirte, so gab es unter den Leuten viel Fragens darüber, was mir unangenehm war. Einigemal versuchte er seinen Katholizismus bei mir zu rechtfertigen, das gelang ihm zwar nicht, der Friede wurde aber nicht gestört, Wir begannen Schach zu spielen und brachten die meiste Zeit damit zu.

Am Tag von Hermanns Abreise heißt es am Ende des Eintrags: Am 3. August kam ein Brief von Tante Fr. Herwig an mich und einer an Hermann.

Also hat doch auf die Dauer keine Sprachlosigkeit mehr zwischen Mutter und Sohn bestanden. - Übrigens stammt von diesem oder einem späteren Besuch Hermanns bei Albert Zeller ein beim Photographen aufgenommenes Bild der beiden: Hermann als noch junger Geistlicher an einem Tisch sitzend, Albert wie väterlich neben ihm stehend.

Alberts Frau, Auguste Zeller geb. Burk, hat im Herbst 1886, kurz nach Hermanns Aufzug dort, einige Zeit zur Stärkung ihrer Gesundheit in Jamaica, Long Island, verbracht. Sie erzählt davon, und auch von Schwager Hermann, in einem Brief an ihre Tochter Marie.

Für die nächste Generation vollends gab es keine Probleme mehr. Für sie war Hermann ein besonders beliebter Onkel, an dessen Besuche sich Alberts noch lebende Enkelinnen gut erinnern. Ungefähr 1911, als Albert Zeller bereits im Ruhestand im Hause seiner ältesten Tochter Marie Webster in Town Line, N.Y., lebte, kam Uncle Herman wieder einmal auf eine Woche zu Besuch. Marie gab bei dieser Gelegenheit ein Dinner für die beiden Brüder und zehn deutsche evangelische Geistliche aus Buffalo, den lutherischen Pfarrer von Town Line, den Bischof der Freien Methodisten und, um die Sache für Onkel Hermann ein wenig leichter zu machen, Pater Schmidt von St. Ann's Church in Elma und Pater Schauss von St. John the Baptist in Alden. Marie ließ ihre älteren Töchter Strohhalme ziehen, wer von ihnen die Herren bedienen durfte. Frances gewann und erinnert sich: Als sie aus Großpapas Studierzimmer heraufkamen, waren sie noch mitten in einer Debatte; man hörte „Wir legen das so aus...“ „Nun, wir fassen es anders auf“ - „Fragen Sie den Bischof!“ sagte einer... Und Onkel Hermann fragte mich scherzhaft: „Was hältst denn du davon, Cessy?“

Inzwischen waren - 1894 - auch zwei Kinder des Bruders Wilhelm Zeller (ZB § 58) nach Amerika ausgewandert, Thilda Bond, geb. Zeller, und Franz Zeller. Thildas Kinder verbrachten um 1908 eine längere Zeit bei Uncle Herman“ in Elmont, L.I., während die Eltern Bond mit den größeren Kindern die Verwandten in Deutschland besuchten.

Ich selbst erinnere mich aus meiner Kinderzeit, daß von Hermann Zeller oft, und immer mit größter Hochachtung, gesprochen wurde. In einem Brief aus den zwanziger Jahren wies Präsident Hermann Zeller darauf hin, daß ganz besonders Hermann Zeller seine Glaubenstreue im fremden Land bewiesen habe. Als dann in Deutschland die Inflation kam, hat Hermann mehrmals die Witwe seines Bruders Wilhelm in Tübingen, und offenbar auch andere in Not geratene Verwandte, mit Dollarbeträgen unterstützt. -

Diese Zeugnisse gehören mit zur Wirkungsgeschichte dieses ungewöhnlichen Lebens. Tödlich Trennendes hat seine Zeit gehabt, auch in der Familie des Magnus Friedrich Zeller, aber was wir heute dabei noch empfinden, ist doch das Gefühl, daß nicht nur die Schmerzen, sondern auch die trennenden Abgründe überwachsen und überwunden sind in einem Geist der Brüderlichkeit, der, wie wir hoffen, über das Familiäre hinausgeht in die Welt der Ökumene, gerade weil solche Kämpfe von Menschen mit Ernst und Ehrlichkeit erlebt und durchlitten worden sind.
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