Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Zwei Brüder Zeller - Ölkönige im Filstal


Mit der Gründung der Firma Zeller, Haltiner  Co. in Eislingen im Jahr 1855 fiel in Württemberg der Startschuss zu einer industirellen Verarbeitung von Schiefer in Öl. Doch der Ölrausch im "wilden Süden" war nicht von langer Dauer,

von Martin Mudorff in: NWZ 4. 1. 2000

 
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Die ersten wissenschaftlichen Anregungen zur Verwertung von Ölschiefer stammten aus der Zeit 1848/49. Alwin Hauff (ZB § 51.6) als Assistent des Tübinger Geologen Professor Quenstedt unternahm in den Jahren 1854 bis 1856 erste Inspektionsreisen zur Besichtigung von Schieferölwerken in Tirol. Daran anschließend machten im Rahmen einer Studienreise über die Schwäbische Alb die Ingenieure Theodor Zeller (ZB § 516) aus Unterhausen bei Reutlingen und Wilhelm Ruff aus Ludwigsburg, die bei der Eisenbahn in St. Gallen beschäftigt waren, die Feststellung, dass sich die Posidonienschiefervorkommen bei dem verkehrsgünstig gelegenen Eislingen sich besonders gut zur Destillation von Öl und zur Herstellung von Teer eigneten. Zusammen mit Familienangehörigen und Geschäftspartnern wurde daraufhin die Firma Zeller, Haltiner & Co. mit Firmensitz in Eislingen aus Taufe gehoben. Der „Ölrausch" begann.
Doch d
em Eislinger Betrieb war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden: Bereits 1858 kam das Aus, ein Verlust von 29 000 Gulden stand zu Buche. Grund war letztlich, dass das aufwendig produzierte heimische Schieferöl gegen das preisgünstige amerikanische Petroleumöl auf Dauer nicht konkurrenzfähig war.
1863 unternahm Theodor Zellers Bruder Albert Zeller (ZB § 518) einen erneuten Versuch des „Spiels mit dem Feuer" zur Schieferölgewinnung: Er übernahm das Fabrikareal und begann den Betrieb mit 20 Schieferöfen und 17 Retorten. Um sein Geschäft voranzubringen, nahm er 1866/67 den aus Rottenburg am Neckar stammenden Apotheker Paul Gmelin als Teilhaber auf. Fortan nannte sich die Firma „Zeller & Gmelin". Auch dieser neuerliche Versuch der Schieferölverschwelung war zum Scheitern verurteilt, das amerikanische Petroleum hatte sich als Lampenbeleuchtung endgültig durchgesetzt. Die Firma verlegte ihr Geschäft auf gewinnträchtigere Erwerbszweige wie den Handel mit Maschinenölen und Schmiermitteln und errichtete 1898 bis1901 den heute noch bestehenden Firmensitz in der Eislinger Schlossstraße.
Vom Öl zum Jurazement
Nur noch einmal, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, wurde die Ölschieferverschwelung im Zeichen der damals vorherrschenden Rohstoffknappheit … wieder aufgenommen. Die Anlage wurde aber bereits 1920 eingestellt, 1923 begann der Abbruch der Betonfundamente der dazugehörigen Drahtseilbahn. Gerade in diesem Moment traten im Filstal die unter Beteiligung des württembergischen Staats gegründeten Jura-Ölschieferwerke aus Stuttgart auf den Plan. Ihr Ziel war es, beim Holzheimer Ortsteil St. Gotthardt eine Fabrikanlage zu erstellen. Dort sollte aus dem in der Umgebung vorkommenden Posidonienschiefer Öl gewonnen werden und die Rückstände bei diesem Verfahren zu Baustoffen, wie zum Beispiel Zement verarbeitet werden. Hintergrund für dieses Vorhaben war, dass für das Produzieren von bituminösem Schieferöl in der Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg der in Dollar notierte stabile Weltmarktpreis maßgebend war und man sich so einträgliche Gewinne versprach. Als Nebeneffekt spekulierte die Gemeinde, auf die in der Folgezeit durch diese Industrieansiedlung erhebliche Umweltprobleme zukommen sollten, auf kostengünstige Baustoffe.
Die anfänglich forcierte Ölgewinnung trat schon bald in den Hintergrund, waren doch große Mengen Schiefers notwendig, um überhaupt geringe Mengen Öl zu erzielen. In den Vordergrund trat die Baustoffgewinnung, Verwendung fand der in Holzheim hergestellte Jurazement-Baustoff beispielsweise bei der Erstellung von Bahnhofs- und Haltepunktgebäuden der Eisenbahnstrecke Göppingen-Boll sowie beim Göppinger Bauhof. Trotz erheblicher Anstrengungen gelang es dem Betrieb nicht „schwarze Zahlen" zuschreiben. Schließlich wurde das defizitäre Unternehmen durch Aktienübernahme vom Zementsyndikat Ulm aufgekauft, das umgehend die Stilllegung des Betriebs einleitete.
Im 2. Weltkrieg reaktiviert
Ende des Zweiten Weltkriegs in Folge der immer knapper werdenden Ölreserven erinnerte man sich an den Holzheimer Ölschieferabbau: Ab 1942 wurden Kleinversuche mit Untertageverschwelung durchgeführt unter Leitung des aus Braunschweig stammenden Dr.-Ing. Adolf Schneiders. 1946 nahm Schneiders die Ölschieferverwertung im „Feld Holzheim" im Zeichen des herrschenden Mangels an Baustoffen wieder auf. Das Aus für dieses Projekt kam jedoch schon bald mit der Planung der Manzensiedlung im Jahre 1952.
Weitere Ölschieferwerke fanden sich im Bereich rund um die Schwäbische Alb bei Reutlingen, wo in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Spezialisten Dr. Carl Dorn der Betrieb aufgenommen wurde sowie in Dotternhausen bei Balingen, wo 1936 die Firma Rohrbach-Zement das Geschäft aufnahm.
Bei der Ortsangabe Balingen rückt ein eher düsteres Kapitel der Ölschieferverschwelung in den Blickpunkt, das „Unternehmen Wüste". Im Bereich Balingen-Rottweil wurden 1944 zehn Werke zur Schieferölproduktion eingerichtet. Für das höchst aufwendige und unergiebige Verfahren kamen KZ-Häftlinge zum Einsatz. So wurde in Sichtweite des damaligen 3000 Einwohner-Dorfs Bisingen ein Konzentrationslager für 4150 Männer eingerichtet, von denen über 1100 ihr Leben ließen. Der Name „Unternehmen Wüste" ist schon insofern sehr treffend, wenn man sich vor Augen führt, dass zur Erzielung von einigermaßen brauchbaren Ölkapazitäten riesige Mengen an Schiefer hätten abgebaut werden müssen.
Wäre durch das Ende des 2. Weltkrieges 1945 nicht ein Schlussstrich unter das NS-Unternehmen „Wüste" gezogen worden, hätten sich durch das Landschaftsbild der Zollernalb riesige wüstenähnliche Flächen gezogen.

POSIDONIENSCHIEFER - Bitumen aus dem Jurameer
Geologisch betrachtet besteht der größte Teil des vor 195 bis 172 Millionen Jahren entstandenen Posidonienschiefers aus Faulschlamm in fein verteilter Form und rührt aus dem damaligen „Jurameer" her. Der auf dem Meeresgrund zu dieser Zeit herrschende Sauerstoffmangel sorgte dafür, dass Lebewesen wie Muscheln, Ammoniten, Belemniten, Seelilien, Fische oder Ichthyosaurier nur schlecht verwesten. Reste dieser Tiere blieben als Versteinerungen bis auf den heutigen Tag erhalten; aus den nur teilweise verwesten Körpern entstand das ölige Bitumen.
- Ausgehend von diesen Fakten machten
Die ersten wissenschaftlichen Anregungen zur Verwertung von Ölschiefer stammten aus der Zeit 1848/49. Alwin Hauff (ZB § 51.6) als Assistent des Tübinger Geologen Professor Quenstedt unternahm in den Jahren 1854 bis 1856 erste Inspektionsreisen zur Besichtigung von Schieferölwerken in Tirol. Daran anschließend machten im Rahmen einer Studienreise über die Schwäbische Alb die Ingenieure Theodor Zeller (ZB § 516) aus Unterhausen bei Reutlingen und Wilhelm Ruff aus Ludwigsburg, die bei der Eisenbahn in St. Gallen beschäftigt waren, die Feststellung, dass sich die Posidonienschiefervorkommen bei dem verkehrsgünstig gelegenen Eislingen sich besonders gut zur Destillation von Öl und zur Herstellung von Teer eigneten. Zusammen mit Familienangehörigen und Geschäftspartnern wurde daraufhin die Firma Zeller, Haltiner & Co. mit Firmensitz in Eislingen aus Taufe gehoben. Der „Ölrausch" begann.
Doch d
em Eislinger Betrieb war jedoch keine lange Lebensdauer beschieden: Bereits 1858 kam das Aus, ein Verlust von 29 000 Gulden stand zu Buche. Grund war letztlich, dass das aufwendig produzierte heimische Schieferöl gegen das preisgünstige amerikanische Petroleumöl auf Dauer nicht konkurrenzfähig war.
1863 unternahm Theodor Zellers Bruder Albert Zeller (ZB § 518) einen erneuten Versuch des „Spiels mit dem Feuer" zur Schieferölgewinnung: Er übernahm das Fabrikareal und begann den Betrieb mit 20 Schieferöfen und 17 Retorten. Um sein Geschäft voranzubringen, nahm er 1866/67 den aus Rottenburg am Neckar stammenden Apotheker Paul Gmelin als Teilhaber auf. Fortan nannte sich die Firma „Zeller & Gmelin". Auch dieser neuerliche Versuch der Schieferölverschwelung war zum Scheitern verurteilt, das amerikanische Petroleum hatte sich als Lampenbeleuchtung endgültig durchgesetzt. Die Firma verlegte ihr Geschäft auf gewinnträchtigere Erwerbszweige wie den Handel mit Maschinenölen und Schmiermitteln und errichtete 1898 bis1901 den heute noch bestehenden Firmensitz in der Eislinger Schlossstraße.
Vom Öl zum Jurazement
Nur noch einmal, in der Zeit des Ersten Weltkriegs, wurde die Ölschieferverschwelung im Zeichen der damals vorherrschenden Rohstoffknappheit … wieder aufgenommen. Die Anlage wurde aber bereits 1920 eingestellt, 1923 begann der Abbruch der Betonfundamente der dazugehörigen Drahtseilbahn. Gerade in diesem Moment traten im Filstal die unter Beteiligung des württembergischen Staats gegründeten Jura-Ölschieferwerke aus Stuttgart auf den Plan. Ihr Ziel war es, beim Holzheimer Ortsteil St. Gotthardt eine Fabrikanlage zu erstellen. Dort sollte aus dem in der Umgebung vorkommenden Posidonienschiefer Öl gewonnen werden und die Rückstände bei diesem Verfahren zu Baustoffen, wie zum Beispiel Zement verarbeitet werden. Hintergrund für dieses Vorhaben war, dass für das Produzieren von bituminösem Schieferöl in der Zeit der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg der in Dollar notierte stabile Weltmarktpreis maßgebend war und man sich so einträgliche Gewinne versprach. Als Nebeneffekt spekulierte die Gemeinde, auf die in der Folgezeit durch diese Industrieansiedlung erhebliche Umweltprobleme zukommen sollten, auf kostengünstige Baustoffe.
Die anfänglich forcierte Ölgewinnung trat schon bald in den Hintergrund, waren doch große Mengen Schiefers notwendig, um überhaupt geringe Mengen Öl zu erzielen. In den Vordergrund trat die Baustoffgewinnung, Verwendung fand der in Holzheim hergestellte Jurazement-Baustoff beispielsweise bei der Erstellung von Bahnhofs- und Haltepunktgebäuden der Eisenbahnstrecke Göppingen-Boll sowie beim Göppinger Bauhof. Trotz erheblicher Anstrengungen gelang es dem Betrieb nicht „schwarze Zahlen" zuschreiben. Schließlich wurde das defizitäre Unternehmen durch Aktienübernahme vom Zementsyndikat Ulm aufgekauft, das umgehend die Stilllegung des Betriebs einleitete.
Im 2. Weltkrieg reaktiviert
Ende des Zweiten Weltkriegs in Folge der immer knapper werdenden Ölreserven erinnerte man sich an den Holzheimer Ölschieferabbau: Ab 1942 wurden Kleinversuche mit Untertageverschwelung durchgeführt unter Leitung des aus Braunschweig stammenden Dr.-Ing. Adolf Schneiders. 1946 nahm Schneiders die Ölschieferverwertung im „Feld Holzheim" im Zeichen des herrschenden Mangels an Baustoffen wieder auf. Das Aus für dieses Projekt kam jedoch schon bald mit der Planung der Manzensiedlung im Jahre 1952.
Weitere Ölschieferwerke fanden sich im Bereich rund um die Schwäbische Alb bei Reutlingen, wo in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts unter dem Spezialisten Dr. Carl Dorn der Betrieb aufgenommen wurde sowie in Dotternhausen bei Balingen, wo 1936 die Firma Rohrbach-Zement das Geschäft aufnahm.
Bei der Ortsangabe Balingen rückt ein eher düsteres Kapitel der Ölschieferverschwelung in den Blickpunkt, das „Unternehmen Wüste". Im Bereich Balingen-Rottweil wurden 1944 zehn Werke zur Schieferölproduktion eingerichtet. Für das höchst aufwendige und unergiebige Verfahren kamen KZ-Häftlinge zum Einsatz. So wurde in Sichtweite des damaligen 3000 Einwohner-Dorfs Bisingen ein Konzentrationslager für 4150 Männer eingerichtet, von denen über 1100 ihr Leben ließen. Der Name „Unternehmen Wüste" ist schon insofern sehr treffend, wenn man sich vor Augen führt, dass zur Erzielung von einigermaßen brauchbaren Ölkapazitäten riesige Mengen an Schiefer hätten abgebaut werden müssen.
Wäre durch das Ende des 2. Weltkrieges 1945 nicht ein Schlussstrich unter das NS-Unternehmen „Wüste" gezogen worden, hätten sich durch das Landschaftsbild der Zollernalb riesige wüstenähnliche Flächen gezogen.

POSIDONIENSCHIEFER - Bitumen aus dem Jurameer
Geologisch betrachtet besteht der größte Teil des vor 195 bis 172 Millionen Jahren entstandenen Posidonienschiefers aus Faulschlamm in fein verteilter Form und rührt aus dem damaligen „Jurameer" her. Der auf dem Meeresgrund zu dieser Zeit herrschende Sauerstoffmangel sorgte dafür, dass Lebewesen wie Muscheln, Ammoniten, Belemniten, Seelilien, Fische oder Ichthyosaurier nur schlecht verwesten. Reste dieser Tiere blieben als Versteinerungen bis auf den heutigen Tag erhalten; aus den nur teilweise verwesten Körpern entstand das ölige Bitumen.
- Ausgehend von diesen Fakten machten
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