Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Marbach - Russland – Skandinavien
Der Weg Ludwig Zellers und seiner Familie

erzählt von seiner Urenkelin Gun Åkerman,
in: Nachrichten des Martinszeller Verbands, Nr. 27, 1998, S. 15-22

 
Bild
 

                                                                Ludwig Zeller   und   Marie geb. Juhl in Odessa 1880


Ludwig Zeller, Sohn des Ludwig Zeller, Kaufmann in Ludwigsburg und Stuttgart, wurde im Jahr 1819 geboren. Sein höchster Wunsch es war, sich Jura oder den Sprachen widmen zu dürfen. Der Vater wollte aber nichts davon hören, sondern zwang ihn mehr oder weniger, Theologie zu studieren.

Der Sohn Ludwig legte sein Examen an der Universität ab und war u.a. in Murrhardt als Helfer und Amtsverweser tätig. Er unterrichtete Latein, Griechisch, Hebräisch und Deutsch, was sein großes Interesse für Sprachen zeigt. Danach arbeitete er bis 1857 als Vikar und Pfarrverweser an verschiedenen Orten in Württemberg. Er machte aber einige Reisen zwischen den Dienstaufträgen. In unserem Besitz sind seine Zeugnisse von den verschiedenen Stellen. Die Noten sind ausgezeichnet, und im letzten Zeugnis bedauert man seine Abreise nach Russland.

Von St. Petersburg zum Kaukasus

Ein entfernter Verwandter hat erzählt, dass Ludwig im Jahr 1858 vom russischen Zar Alexander II. gebeten wurde, an den Hof zu kommen, um der Zarin in religiösen Fragen behilflich zu sein. Alexander II. hatte als Zwanzigjähriger einige Zeit am württembergischen Hof verbracht, teils um seine Gesundheit zu pflegen, teils um eine Gattin zu finden. Ludwig fand sich in St. Petersburg wohl zurecht und studierte gleichzeitig Sanskrit und Russisch an der Universität, die, von schönen Palästen, Bauwerken und der großen St. Paulsfestung umrahmt, an der Newa schräg gegenüber dem Winterpalast liegt. Die Universität wurde von Peter dem Großen in den Jahren 1722-42 gebaut und bestand aus 12 rostroten Gebäuden. Außerdem arbeitete Ludwig an der deutschen evangelisch-lutherischen Kirche. Diese liegt immer noch am Newskij-Prospekt. Jede kirchliche Tätigkeit wurde dort 1937 verboten, der damalige Pfarrer erschossen und die Kirche geschlossen und allen Vermögens beraubt. Von 1963 bis 1993 wurde die Kirche als Schwimmbad benutzt, ist aber mittlerweile restauriert worden. Die große Paradestraße Newskij-Prospekt verbindet den Winterpalast und die Admiralität an der Newa mit dem 4,5 km entfernten Kloster Alexander Newskij, und an ihr entlang wurden viele Paläste gebaut, u.a. das Palais Stroganow.

Ludwig Zeller verkehrte auch im Haus der Fürstin Helena Pawlowa, der Witwe des Großfürsten Michail Pawlowitsch. Bei kulturellen Abenden traf er dort viele interessante Persönlichkeiten. An der Universität traf Ludwig Marie Juhl-Lindhorst, 1821 in Deutschland geboren, die Witwe von Carl Lindhorst und bis zu dessen Tod in Reval (Talinn) wohnhaft.

Marie Juhls Ahnentafel geht zurück auf Claus Juel zu Loit, 1620 geboren; das „e“ ist im Lauf der Zeit zum „h“ verändert worden. Von Talinn kam sie nach dem Tod ihres Ehemannes als Hauslehrerin zu einer Fürstenfamilie. Im Besitz unserer Familie war ein Gemälde mit ihrem Namen, das aber verschwunden ist. Marie studierte Russisch an der Universität, wo beide sich trafen. Sie heirateten 1859 in St. Petersburg. Im darauffolgenden Jahr verließen sie die Stadt, um nach Tbilisi (Tiflis) im Kaukasus zu fahren, wo Ludwig in den deutschen Gemeinde arbeiten wollte. Wir vermuten, dass der Anblick der mächtigen Kaukasusberge mit dem schneeweißen Scheitel des Elbrus ein Erlebnis war. Über Berge und durch Tunnel fuhren sie auf dem sogenannten Heerweg, der von den Russen Anfang des 19. Jahrhunderts gebaut worden war, in die Kura-Ebene, wo Tbilisi liegt. Die Stadt war schön und hatte ein wunderbares Klima. Damals konnte man auf der Hauptstraße Golowinskij-Prospekt sowohl orientalische als auch europäische Sprachen hören, und am Michailowskij-Prospekt liegt die schöne deutsche evangelisch-lutherische Kirche, wo Ludwig die Kinder der deutschen Kolonie unterrichtete.

Ludwig und Marie blieben vier Jahre in Tbilisi, und dort wurde 1861 meine Großmutter Elise Pauline (NFZ 360) als Nr. 2 von vier Geschwistern geboren. Vater Ludwig fühlte sich nie richtig wohl. Er vermisste St. Petersburg und das intellektuelle und kulturelle Leben dort. Die deutschen Kinder, die er unterrichtete, waren ungezogen und lästig. Er war Disziplin gewöhnt, und seinen Aufzeichnungen nach war die damalige Jugend der heutigen ähnlich.

Am Schwarzen und Asowschen Meer

Die Familie verließ Tbilisi 1865 und ließ sich in Odessa nieder. Die Stadt, im Jahr 1794 gegründet, erhielt ihren Namen nach Odysseus. Sie wurde zuerst auf Russisch Odessos genannt. Katharina die Große wollte aber, dass der Name weiblich sein sollte, infolgedessen wurde die Stadt in Odessa umbenannt. Sie wurde großenteils von Fremden gebaut, u.a. von dem französischen Herzog Richelieu, der Präfekt der Stadt und später Generalgouverneur wurde. Er gründete auch eine Schule, Lycee Richelieu genannt, die noch vorhanden ist. Als er 1815 Odessa verließ, schenkte er der Bibliothek der Schule seine Büchersammlung. Viele französische Namen zeugen davon, dass er und seine Landsleute für die Stadt eine große Bedeutung hatten, und die französische Sprache wurde viel gesprochen. Übrigens war das ganze Kaukasusgebiet und das, was Noworossija (das Neue Russland) genannt werden sollte, multikulturell. Die Bevölkerung bestand sowohl aus Russen und Ukrainern als aus Deutschen, Skandinaviern, Franzosen u.a.m.

Nach zwei Unterbrechungen am Asowschen Meer kam Ludwig Zeller mit seiner Familie wieder in die Gegen von Odessa, nämlich nach Fere Champenoise. Ludwig wurde mehr und mehr deprimiert. Er hatte es schwer, sich zurechtzufinden. Es bereute es, St. Petersburg verlassen zu haben, und jetzt hatte er keine Möglichkeit mehr, zurückzukehren. Außerdem waren die Zeiten unruhig. Der russisch-türkische Krieg 1877-78 war im Gange. Die Türken hatten seit langem die christlichen Exklaven auf dem Balkan terrorisiert. Im Jahr 1878 wurde der Friede geschlossen. Bulgarien wurde selbständig, und Bessarabien sollte russisch bleiben.

Nach dem Mord an Alexander II. im Jahr 1881 bestieg sein Sohn Alexander III. den Thron. Die Situation veränderte sich. Er war genau der Gegensatz seines Vaters. Man hielt ihn für einen Despoten, die Gefangenen wurden gefoltert und viele unerwünschte Menschen nach Sibirien vertrieben.

Sowohl Peter der Große als Katharina II. hatten viele Ausländer, namentlich Deutsche, aufgefordert, nach Russland zu kommen, um die Entwicklung des großen Staates zu vervollkommnen und zu forcieren. Während der Regierungszeit von Zar Alexander II. hatten die Deutschen in Russland eine große Rolle gespielt, sowohl in der Verwaltung als auch in der Regierung der Departemente waren die Stellen mit deutschen oder baltischen Baronen besetzt. Bei Hofe, in der Akademie der Wissenschaften in St. Petersburg und an den Universitäten wirkten viele Deutsche. Dieses Vorherrschen wichtiger Persönlichkeiten war für den russischen Staat von größtem Nutzen. Aber zur Zeit Alexanders III. hatten die Bildung und das Selbstgefühl der Russen eine hohe Entwicklung erreicht, und sie wollten ihren Staat selbst regieren und nicht weiter unter der Führung der Deutschen in untergeordneten Stellungen arbeiten. Dazu kam, dass die Regierung Englands nach dem Krieg 1870/71 zwischen Deutschland und Frankreich voraussah, dass Deutschland eine Weltmacht werden könnte. Es suchte nach Mitteln, die Konkurrenz zu begrenzen. Ein Krieg mit Deutschland war zu gefährlich. Besser war es, einen Bruch zwischen Deutschland und dem deutschfreundlichen Russland zu bewirken. Das nötige Mittel, um dieses Ziel zu erreichen, war, dass die dänische Prinzessin Dagmar russische Zarin werden sollte. Nach dem Krieg zwischen Dänemark und Preußen und Österreich

1864 verlor Dänemark Schleswig-Holstein. Dies erregte den Hass gegen die Deutschen, und unter dem Einfluss Dagmars wurde der Zar ebenso deutschfeindlich wie die Hofkreise und die Regierung. Aufgrund dieser Situation glauben wir, dass Ludwig und Marie gern wollten, dass ihre Kinder Russland verlassen sollten.

Die Kinder werden flügge

Ungefähr 1882 fuhren die beiden ältesten Kinder Berta und Elise teils nach Holland, um Verwandte zu besuchen, und teils nach Dänemark, wohin Maries älteste Schwester, die Tante der Kinder, umgezogen war. Sie wohnten auf einem alten Familiengut in Farum außerhalb Kopenhagen.

Während des Aufenthaltes dort wurden sie zu einem Ball in Skåne (Südschweden) eingeladen. Mit Gespann fuhren sie dorthin, aber der Kutscher konnte den richtigen Weg nicht finden. Sie begegneten einem jungen Mann zu Pferd und fragten, wo das Gut wäre. Der Mann war von der schönen Russin Elise ganz bezaubert. Er und seine Eltern waren zum selben Ball unterwegs. Dieser Mann war mein Großvater Anders Friis, Gutsbesitzer in Skäne. Elise und Anders verliebten sich, aber Elise musste unbedingt nach Russland zurückkehren. Nicht lange danach fuhr Anders mit seiner Schwester Ninni als Anstandsdame nach Russland, um einen Heiratsantrag zu machen. Sie blieben eine Zeitlang auf Fere Champenoise und fuhren dann zusammen über St. Petersburg, wo sie an einem Ball bei Hofe teilnahmen, nach Dänemark, wo sie 1883 in Farum heirateten.

Zur Hochzeit kam auch der Bruder Theodor Zeller (ZB § 361) und die jüngste Schwester Marie (NFZ 362). Berta blieb unverheiratet, und Theodor heiratete eine Dänin (Henriette geb. Meyhoff). Die jüngste Tochter Marie heiratete Ola Månsson, einen Bankdirektor aus Skåne. Nur Theodor zog für einige Jahre nach Russland zurück, machte aber zu Beginn des 20. Jahrhunderts einen Besuch in Dänemark. Vater Ludwig war 1885 gestorben, und Marie, die Mutter, war nach Schweden umgezogen, um bei ihrer jüngsten Tochter zu wohnen. Theodor beabsichtigte, zu seiner Fabrik nach Russland zurückzukehren, die Revolution und die Unruhen kamen aber dazwischen. Er starb in Dänemark, erst 44 Jahre alt. Theodors Sohn Alexander, Sascha genannt und in Russland geboren, war Kapitän und ließ sich 1950 mit 58 Jahren pensionieren. Er wurde von der Reederei gebeten, als Ersatzmann für einen anderen Kapitän einzuspringen. Sascha tat der Reederei den Gefallen, aber das Schiff lief leider auf eine Mine und ging mit Mann und Maus unter. Wir haben seine Frau oder denkbare Kinder leider nicht finden können, und damit ist der Zweig auf der männlichen Seite ausgestorben.

Meine Großmutter Elise Pauline Zeller verh. Friis (NFZ 360) brachte fünf Kinder zur Welt, drei Mädchen und zwei Jungen. Meine Mutter Alexandra war die Älteste (NFZ 360.1), danach kamen Hans, Per, Hildegard und Hertha. Elises Schwester Marie (NFZ 362) hatte zwei Mädchen geboren, Edit und Maria. Theodor (ZB § 361) hatte nur den Sohn Alexander.
(c) 2006, Martinszeller Verband, Germany, Alle Rechte vorbehalten. Drucken Nach oben