Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Aus dem Leben der Familie
Schmid-Zeller in Afrika

Von Eberhard Schmid, in: Nachrichten des Martinszeller Verbandes Nr 17, 1991, S. 5-8
Die erwähnten Personen:
Dr. Gerhard Schmid (1883-1959) ∞ Emma Agnes Zeller (1887-1966). Die im Text genannten Kinder: Martin 1916, Elisabeth 1918, Eberhard 1922 (Verfasser dieses Beitrags), Renate 1924, Ulrich 1927. Über deren Familien und Nachkommen s. Nachfahrendokumentation Stamm 493 S. 389-396

Der Südafrikanischen Union (SU), seit 1909 Dominion des Britischen Commonwealth, wurde 1920 ein sog. C-Mandat des einstmaligen Völkerbundes über das ehemalige Deutsch-Südwest-Afrika (SWA), der ältesten deutschen Kolonie (seit 1884). übertragen. Seit dem Ausscheiden aus dem Commonwealth führte die SU den Namen Republik Südafrika (RSA), die das Mandat mit einem Generalgouverneur verwaltete bis zur Selbständigkeit von SWA unter dem nach der Wüste Namib gewählten Namen Namibia. Deutschstämmige spielen dort auch heute noch eine wesentliche Rolle, darunter auch Zeller-Nachkommen. (Red.)
 
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Der Weg der Eltern
Angefangen hat es damit, daß drei Studienfreunde, Sigwart, Maag, Schmid, beschlossen, als Regierungstierärzte, die damals dringend benötigt wurden, nach Deutsch-Südwest-Afrika auszuwandern. Vater fuhr 1910 als erster hinaus und hatte Anfang 1914 seinen Heimaturlaub, den er, wenn möglich, dazu benutzen wollte zu heiraten. Die Familie war wohl derselben Ansicht. Auf alle Fälle nahm die älteste Schwester die Sache in die Hand und besuchte mit ihm bekannte Familien, bei denen heiratsfähige Töchter im Hause waren. Bei der Dekans-Witwe Zeller in Ludwigsburg (ZB 493) schlug es denn auch ein. Unsere Jugend heute möge nicht darüber lächeln, daß Vater nach dem ersten Besuch dort einen Brief an die Mutter schrieb mit der Bitte - wenn es recht wäre -, beiliegenden Brief an die Tochter Emma weiterzugeben.

Nun, Verlobung wurde gefeiert und bald darauf (am 4. 5. 1914) Hochzeit, alles innerhalb von dreieinhalb Monaten. Können wir heute ermessen, was dieser Schritt für unsere Mutter bedeutete - und für all die anderen Frauen damals, die dasselbe Wagnis unternahmen - einem Mann zu folgen in ein völlig fremdes Land, in eine ungewisse Zukunft, weit weg von allen Bekannten, der gewohnten Umgebung und der geliebten Heimat - auch ohne das Wissen, daß vier Monate später Krieg sein wird?

Der Krieg kam auch nach Afrika. Vater machte den ganzen Feldzug mit, die junge Frau zog mit einer Freundin, Anne Maag, zusammen, der Frau eines der Studienkameraden. Dann kamen Jahre der Ungewißheit und zuletzt die Frage: Können wir bleiben oder werden wir, wie so viele andere, deportiert? Die Eltern hatten schon alle Möbel verkauft, als plötzlich die Nachricht kam, sie könnten bleiben. Die neue südafrikanische Regierung übernahm die drei Tierärzte in ihren Dienst.

Endlich konnten die Eltern 1922 einen Urlaub in Deutschland verbringen mit zwei Kindern, Martin und Elisabeth, das dritte, Eberhard, wurde - als einziges der Geschwister - dort, im Hause der Großmutter, geboren.

... und der Kinder
Um den Kindern eine gute Schulausbildung zu geben, kam Martin mit 13 Jahren nach Deutschland und nach einem nochmaligen Besuch im Jahre 1931 blieb auch ich dort. Später kam Elisabeth für ein paar Jahre zur Ausbildung und zum Arbeitsdienst, kam aber kurz vor dem Krieg wieder hierher zurück. Ich beendete 1938 meine Schuljahre an der Deutschen Höheren Privatschule in Windhoek, wie auch Renate und Uli. Martin blieb durch Krieg, Heirat und spätes Studium für immer in Deutschland. Sein Haus wurde für uns Afrikaner der beliebte und viel benützte Kontaktpunkt in der alten Heimat. Was weiter aus uns Kindern und Kindeskindern geworden ist, könnt Ihr im Zellerbuch § 499 und im 1990 erschienenen Heft 10 S-MZV nachlesen. Da Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten in der heutigen Republik Südafrika (RSA) besser sind als hier, sind die meisten unserer Familie heute dort. Von der ganzen Schmid-Familie sind nur noch meine Frau und ich und eine unserer Töchter mit ihrer Familie im Lande.

Unsere Eltern konnten nach dem Kriege noch einmal nach Deutschland fahren und die Familie 1954 besuchen. Ob sie gern dort geblieben wären? Sie hatten eigentlich immer gedacht, ihre letzten Jahre in der alten Heimat zu verleben. Vater hat viele Jahre für ein „Häusle" dort gespart. Der Verlust dieses Geldes nach dem Kriege zerstörte diesen Traum endgültig. Aber ich glaube, auch sie sind in den langen Jahren Afrikaner geworden, wie wir alle hier - mit einem kleinen Zwiespalt im Herzen.

Politisches Erleben einst
Nun muss wohl auch ein Familienbericht, wenn er aus dem neuen Namibia kommt, auf die politische Situation eingehen, und Ihr werdet Euch fragen, wie erleben wir hier den Wind - oder Sturm - der Veränderung, der durch das südliche Afrika weht?

Der neue deutsche Botschafter hat uns vor kurzem seine Meinung gesagt, als er vor dem Deutschen Schulverein von der „Apartheid in den Köpfen vieler Eltern" sprach, die „das Ergebnis einer 102jährigen verfehlten Politik sei, die zu berichtigen ist".

Wenn wir Geschichte nur durch die Brille der gerade vorherrschenden öffentlichen Meinung sehen wollen, müssen die Geschichtsbücher allerdings jedes Mal wieder neu geschrieben werden. Die offizielle deutsche Politik hat sich schon einige Male geändert, sie wird sich wieder ändern.

Damals hieß es „Mit Gott für Kaiser und Vaterland" für die deutschen Soldaten, die herkamen, das Land sahen, die Möglichkeiten erkannten, die hier brach lagen, und von denen gleich viele hier blieben. Dabei war auch der Vater meiner Frau. In eine deutsche Kolonie wanderten Siedler aus, weil ihnen die Heimat zu eng geworden war. Zu ihnen gehörten auch die Großeltern von Ralf Nürnberger, Renates Mann, mit neun Kindern, von denen zwei schon verheiratet waren.

Dass es bei der vollkommenen Andersartigkeit der Völker, die sie hier antrafen, zu Missverständnissen, Reibereien und zum Krieg kam - die Geschichte ist voll von Beispielen dafür. Daß der Krieg manchmal von beiden Seiten grausam geführt wurde - hat sich das irgendwo auf der Welt bis heute geändert? Aber gearbeitet haben diese Deutschen hier und etwas geleistet, das allen zugute kam.

Der erste Weltkrieg kam, Deutsch-Südwest-Afrika ging verloren - und doch blieben die meisten dem Lande treu.

Der Anfang der Hitler-Zeit? Unter Euch und unter uns gab es die ehrlichen Idealisten, die glaubten, nun wird alles besser. Wollt Ihr es uns übel nehmen, dass wir stolz waren auf ein Deutschland, das wieder etwas bedeutete in der Welt?

Der zweite Weltkrieg ging verloren und die deutsche Politik machte eine Kehrtwendung um 180 Grad. Neue Ideen kamen auf und wieder soll alles besser gemacht werden. Was uns dabei betrifft, gehen diese Ideen - weit weg am grünen Tisch ausgearbeitet - allerdings oft an der Wirklichkeit vorbei. Darüber klagten schon die ersten Siedler hier zur deutschen Zeit. Und was uns manches Mal unter dem Mäntelchen edler Beweggründe vorgesetzt wird, auch von offizieller deutscher Seite, ist nichts weiter als Überheblichkeit und wirtschaftlicher Egoismus.

 

... und heute
In all diesen Jahren aber entwickelte sich hier im Lande das Verhältnis zwischen Schwarz und Weiß. Ein Höhepunkt dabei war zweifellos die Gründung der DTA (Demokratische Turnhallen Allianz), genannt nach der deutschen Turnhalle, in der die ersten Gespräche stattfanden. Zum ersten Mal in der Geschichte von ganz Afrika schlossen sich Schwarze, Weiße und Braune in einer Partei zusammen, um, bei aller menschlichen Verschiedenheit und Andersartigkeit, gemeinsam und zusammen die großen politischen Probleme anzupacken. Dass dann doch im letzten Jahr das Stammesdenken und extremer schwarzer Nationalismus die Wahl gewonnen haben, war für viele von uns eine Enttäuschung. Aber vielleicht waren wir nur zu voreilig mit unseren Hoffnungen.

Wenn wir Weißen im südlichen Afrika einen Fehler gemacht haben, dann den, dass wir dachten, wir können hier ein kleines Europa aufbauen. Wir müssen eine andere, eine afrikanische Lösung finden. Es gibt nur wenige unter uns, die nicht dazu bereit sind. Bei meinem kürzlichen Besuch in der Republik Südafrika war das Thema, das überall und immer wieder diskutiert wurde: Wie geht es bei euch? Wie wird es bei uns weitergehen? Hundert Probleme wurden erörtert - und blieben in der Luft hängen, weil eine Lösung einfach nicht zu finden ist.

Könnt Ihr Euch das vorstellen: Nirgendwo einen wirklich gangbaren Weg sehen und doch den Mut nicht verlieren?

Afrika - war es verkehrt, das unsere Eltern hierher kamen? Sollten wir das Land nicht lieber sich selbst überlassen? Was sucht der weiße Mensch in diesem schwarzen Erdteil? Es hat keinen Zweck heute diese Fragen zu stellen. Wir sind hier und wir bleiben hier. Was wir hier gefunden haben? Vielleicht gibt Euch das Gedicht unseres Vaters einen Eindruck davon. Es trägt das Datum vom 3. August 1919, dem 32. Geburtstag unserer Mutter.

Wenn der Abendsonne letzte Strahlen
Rote Lichter auf die weite Fläche malen,
Wenn ein tiefes Blau bedeckt der Berge Höh'n
Afrikanisches Land, wie bist du dann so schön!


Wenn der Mond so klar und rein am Himmel steht
Und der Sterne Heer die fernen Bahnen leuchtend geht,
Zarte Schatten spielen unter Busch und Baum
Und das Land liegt still in tiefem Traum.


Oder wenn die heiße Mittagsglut
Flimmernd über schattenloser Weite ruht,
Wenn kein lebend Wesen rings sich regt
Und sich bang auf's Herz die große Stille legt.


Wenn am Horizont sich schwarz Gewölke ballt
Und des Himmels Wölbung Donnerschläge krachend widerhallt,
Regenströme auf die durst'ge Erde niedergießen
Und die braunen Wasser über's Land hinfließen.


Afrika, so wardst du mir vertraut,
So hat staunend dich meine Auge oft geschaut,
So sah ich deine stille, große Einsamkeit,
Stumm steht vor dir der Mensch und klein in Freud und Leid.


 

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