Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Katharina Kepler geborene Guldenmann (1548-1622)
Die „Hexe“

 

Aus: Rose Wagner-Zeller, Mosaik, Lebensbilder aus einer württembergischen Familie im Spiegel der Geschichte, Sonderveröffentlichungen des Martinszeller Verbandes Nr. 17, Stuttgart 2002, S. 86-92

Über Katharina Kepler ist schon viel geschrieben worden, trotzdem ist das, was man von ihr weiß, im Grunde dürftig. Die Tochter des Gastwirts Melchior Guldenmann, der dem Kloster Maulbronn hörig war, der aber als tüchtiger Mann auch zeitweilig zum Schultheiß seines Heimatortes Eltingen gewählt wurde, wuchs nach dem frühen Tode der Mutter bei einem unbekannten „Bäsle“ auf, einer kräuter- und heilkundigen Frau, die für ihr Wissen als „Unholdin“ auf dem Scheiterhaufen starb. Welch frühe schreckliche Erfahrung für die junge Katharina. Die Heirat mit Heinrich Kepler, dem Sohn des angesehenen Kürschners Sebald Kepler, der auch das Handwerk des ledernen Buchbindens beherrschte, bedeutete für sie wohl einen sozialen Aufstieg, aber sie mag es trotzdem bald bereut haben, denn sie bekam kein eigenes Heim, weil Heinrich noch als unselbständiger Sohn im Hause seiner Eltern in der Freien Reichsstadt Weil der Stadt wohnte und in der Werkstatt des Vaters arbeitete. Mit ihnen lebten noch einige ledige Geschwister Heinrichs im Hause; es mag recht eng gewesen sein. Als dann das erste Kind dem jungen Paar geboren wurde und Johannes ein schwächliches Siebenmonatskind war, machte das Katharinas Stellung im Hause der Schwiegereltern sicher nicht leichter. Das zweite Kind war noch kränklicher, litt an epileptischen Anfällen und machte es für die junge Frau noch schlimmer.

Unfrieden, Streit und Kindergeschrei im Elternhaus, war es das, was den jungen Vater und Ehemann in die Fremde trieb? Jedenfalls folgte er im Jahre 1574 dem Trommler, der überall im Land Soldaten für die spanischen Truppen des Herzogs Alba anwarb. Der führte einen langen Krieg gegen den Aufstand der Niederländer, die für Unabhängigkeit vom spanischen König Philipp und für die Anerkennung ihres calvinistischen Glaubens kämpften. Von heut auf morgen war Katharina sich selbst überlassen in einem Hause, in dem sie sich wahrscheinlich nicht wohl fühlte, in dem sie vielleicht sogar angegriffen oder verspottet wurde als eine Frau, der der Mann weggelaufen war und der vorgeworfen werden konnte, dass sie an der Flucht des Sohnes Schuld war.

Da fasste Katharina einen unglaublichen und abenteuerlichen Entschluss. Sie ließ ihre Kinder in der Obhut der Großfamilie und machte sich auf, ihren Mann zu suchen. Mühsam muss sie den Spuren der Soldaten gefolgt sein, eine junge Frau von 26 Jahren, ohne Schutz und völlig mittellos auf der Straße, ohne Kenntnis von Weg und Steg, ohne irgendwelche geographische Vorstellung, wohin ihre Suche sie führen würde. Ein Fuhrmann mag sie manchmal ein Stück mitgenommen haben, ihre Heilkunst und die Barmherzigkeit der Leute haben ihr vielleicht gelegentlich ein Dach über dem Kopf verschafft. Unglaublich bleiben der Mut und die Entschlossenheit dieser jungen Frau, ihrem Mann nachzugehen.

Wann und wo sie ihn fand, weiß niemand. Zwei Jahre später kehrte sie mit ihm zurück, nicht mehr nach Weil der Stadt, sondern in ein Häuschen in Leonberg, wo sie sich mit den Kindern einrichteten. Aber auch dort hielt es Heinrich nicht lange aus. Schon ein Jahr später war er wieder bei den Soldaten, kehrte allerdings freiwillig bald wieder zurück, doch das Unglück heftete sich an seine Sohlen. Er bürgte für einen Freund, der ihn betrog. So musste er sein Haus in Leonberg verkaufen. Statt dessen pachtete er das Gasthaus zur Sonne in einem nahegelegenen Dörfchen, aber auch das ging nicht gut. War er ein Trinker, ein Faulpelz, oder ein Abenteurer? 1583 kehrte Heinrich Kepler zwar mit seiner Familie nach Leonberg zurück, kaufte erneut ein Häuschen in der Nähe des Marktes und wohl auch ein wenig Ackerland dazu; die Tochter Margarete und der jüngste Sohn Christoph, unser Vorfahr, werden dort geboren, aber der Vater sieht sie nicht groß werden. 1588 verließ Heinrich Kepler seine Familie für immer.

Nach Jahren klopfte ein Fremder an Katharinas Tür und brachte ihr die Nachricht vom Tode ihres Mannes. Elend, verwundet und krank soll er bei Augsburg - vielleicht auf dem Heimweg gestorben sein. Katharina wird das kaum berührt haben, sie hatte sich längst daran gewöhnt, für sich und ihre Kinder selbst zu sorgen. Das Stück Land, das sie bewirtschaftete, scheint für das Nötigste gereicht zu haben. Für Salben, Arzneien und heilende Verbände wird man sie mit Naturalien, vielleicht auch mit ein paar Gulden bezahlt haben. Zäh arbeitete sie, um ihren Kindern eine bessere Zukunft zu bereiten.

Johann, der fast an den Blattern gestorben wäre, als sie auf der Suche nach dem Vater war, hatte seine Gesundheit gefestigt. In der Leonberger Lateinschule wurde seine Begabung frühzeitig erkannt und gefördert. Er bestand das Landexamen und wurde mit dreizehn Jahren in eine der evangelischen Klosterschulen aufgenommen, wo er unentgeltlich unterrichtet und für ein Studium vorbereitet wurde. Ihn hatte die Mutter „aus der Schüssel“.

Heinrich, der Epileptiker, der wohl auch schwachsinnig war, blieb ihr dagegen zeitlebens eine Sorge und eine Last. Keine Lehre beendete er, ungeschickt und tölpelhaft bezog er oft Prügel und Spott, bis er für Jahre von zu Hause weglief. Arm und krank kehrte er nach Leonberg zurück und ließ sich von der Mutter aushalten, bis er kurz vor Beginn des Hexenprozesses starb. Dabei hatte er mit dummem Geschrei im Ort seine Mutter selbst in Verruf gebracht. Er hatte gegen ihren Willen ein Kalb geschlachtet, weil er Lust auf einen Braten hatte, und als Katharina ihm deshalb Vorhaltungen machte, rannte er durch die Gassen und schrie, seine Mutter habe beim nächtlichen Hexenritt das Kalb zu Tode geritten.

Um die Tochter Margarete hatte sogar der Vogt in Leonberg, Einhorn, geworben, aber sie hatte ihm Pfarrer Binder vorgezogen, mit dem sie in Heumaden bei Stuttgart lebte. Christoph, der jüngste Sohn, wurde Zinngießer, und auch er trug ungewollt dazu bei, dass Katharina der Hexerei verdächtigt wurde. Wegen unbezahlter Rechnungen kam es zwischen ihm und dem Glasermeister Reinbold, der in Katharinas Nachbarschaft wohnte, zu einem lauten Wortwechsel auf der Straße. Die Mutter und des Glasers Frau Ursula, eine übel beleumdete Frau, mischten sich ein. Neugierig mögen ein paar Leute dem Streit zugehört haben. Jedermann wusste, dass die Reinboldin sich durch ihren unzüchtigen Lebenswandel eine Geschlechtskrankheit zugezogen hatte, aber als die Keplerin ihr das auf offener Straße vorwarf, da hatte sie sich die Glasersleute zu Todfeinden gemacht.

Nun nahm das Unheil seinen Lauf. Durch einen Gifttrank habe Katharina der Glasersfrau die Krankheit angehext, so tuschelte man in ganz Leonberg. Bald wussten auch andere Leute im Städtchen von den unheimlichen Kräften der Keplerin zu erzählen. Der lahme Schulmeister Beutelsbacher sei einst von ihr zu einem Trunk überredet worden und danach seien seine Beine gelähmt gewesen, erzählte er, und des Bastian Meyers Hausfrau, die auch davon getrunken habe, sei gar danach gestorben. Dabei wussten alle im Ort, dass der Beutelsbacher einst mit einem schweren Tragkorb auf dem Rücken über einen Graben gesprungen war, stürzte, sich dabei das Rückgrat verletzt hatte und daher lahmte. Was kümmerte das die Leute! Die Keplerin war ins Gerede gekommen, Gerüchte und Verleumdungen wuchsen zu einer Lawine, obwohl Katharina dem Geschwätz, wo sie konnte, widersprach.

Die Reinbolds dachten nur an ihre Rache, und im Jahr 1615 glaubten sie, nun sei die Zeit zum Handeln gekommen. Mit dem Vogt Einhorn, dem von Margarete abgewiesenen Freier, und dem Bruder der Glasersfrau, Urban Kräutlin, der in Tübingen herzoglicher Hofbarbier und Chirurg war, heckten sie einen schlimmen Plan aus. Nachdem bei einem Besuch Kräutlins in Leonberg in den Amtsräumen des Vogts mit den Reinbolds tüchtig gezecht worden war, beschlossen die Vier, die Keplerin unter Druck zu setzen. Der Vogt ließ die alte Frau von Amts wegen holen und warf ihr vor, durch Hexenkunst die Gesundheit der Glasersfrau zerstört zu haben. Mit einem Gegenzauber müsse sie nun die Krankheit wieder weghexen. Hätte Katharina sich darauf eingelassen, wären ihr die Anklage und Verurteilung als Hexe gewiss gewesen, aber von ihrer Unschuld überzeugt, wies sie das Ansinnen zurück und blieb auch dabei, als der betrunkene Hofbarbier sie mit gezogenem Degen mit dem Tode bedrohte, falls sie seine Schwester nicht heile. Ungerührt sah der Vogt diesem üblen Treiben zu, obwohl er es als Amtsperson nicht hätte dulden dürfen.

Der Schreck über diese Bedrohung saß tief, aber Katharina gab sich nicht geschlagen. Gemeinsam mit ihrem Sohn Christoph, ihrer Tochter Margarete und deren Ehemann, Pfarrer Binder, reichten sie beim Stadtgericht in Leonberg eine Beleidigungsklage ein, in welcher der Vogt als Zeuge benannt war. Dies musste ihm recht peinlich sein, und so war er bestrebt, die Civilklage auf die lange Bank zu schieben und statt dessen lieber möglichst bald einen Hexenprozeß gegen die Keplerin einzuleiten. Die Gerüchteküche brodelte, aber ohne handfeste Beweise konnte der Vogt nichts unternehmen.

Immerhin, die Lage wurde für Katharina immer gefährlicher, war es doch der Winter, in dem in Leonberg 16 Scheiterhaufen brannten. Christoph Kepler und die Binders fanden es an der Zeit, dem im fernen Osterreich, in Linz lebenden Bruder Johannes zu schildern, was sich gegen die Mutter zusammenbraute. Umgehend ging ein empörtes Schreiben an den Rat der Stadt Leonberg. Der damals schon bekannte Mathematiker und Astronom ließ keinen Zweifel daran, dass er sich mit allen Mitteln auch höheren Orts für seine Mutter einsetzen werde, wenn die Beleidigungsklage nicht baldigst verhandelt werde. Durch diesen Brief genötigt, setzte der Vogt schließlich einen Termin für die Verhandlung der Beleidigungsklage an. Aber kurz bevor die erste Verhandlung stattfinden sollte, lieferte ihm Katharina den ersehnten Beweis ihrer Hexenkraft, einen sogenannten deutlich sichtbaren „Hexengriff“.

Auf einem schmalen Feldweg war sie einigen Mädchen begegnet, die rohe Ziegel in eine Ziegelbrennerei trugen. Es waren Kinder armer Leute, die für wenig Lohn schwer arbeiten mussten. Wie werden die harten Ziegel ihre Arme zerschunden haben! Als die 12-jährige Tochter der Schinderburga heimkam, klagte sie über Schmerzen und zeigte der Mutter die blauen Flecken auf ihren Armen. Dabei erzählte sie, sie sei der Keplerin auf dem Weg begegnet, deren Kleider sie gestreift hätten und die ihr beim Vorbeigehen auf den Arm geschlagen habe. Da hatte die Burga nichts Eiligeres zu tun, als mit dem Mädchen zum Vogt zu rennen und ihm das Hexenmal auf dem Arm des Kindes zu zeigen. Mit ernster Miene nahm es der Vogt zur Kenntnis und ließ die Keplerin holen. Alle Widerreden der alten Frau nützten nichts. Der Vogt drohte, er müsse den schlimmen Befund dem herzoglichen Gericht melden. Den Termin der Beleidigungsklage ließ er absagen.

Da bekam Katharina Angst. Sie fühlte sich plötzlich sehr einsam, schwach und hilflos, und um das drohende Unheil abzuwenden, beging sie einen verhängnisvollen Fehler. Sie bot dem Vogt einen silbernen Becher als Geschenk an, um ihn günstiger zu stimmen. Höhnisch wies er es zurück. Die Frau, so schrieb er an den Herzog, scheine ein schlechtes Gewissen zu haben, sonst hätte sie nicht versucht, ihn zu bestechen. Nun hatten die herzoglichen Räte das Wort. Sie entschieden, die Frau sei „zu examinieren“, und dies bedeutete, dass die der Hexerei Verdächtigte auf ihre Bibelfestigkeit geprüft werden sollte, ein erster Schritt zu einer Anklage und der Einleitung von Ermittlungen gegen die alte Frau. Ehe es aber so weit kam, war Katharina Kepler außer Landes gegangen. Ihr Sohn Christoph hatte sie nach Linz begleitet, zu Johannes, dem kaiserlichen Astronom und Mathematiker, der dort an der Hohen Schule lehrte. Hier war sie vorerst sicher, aber wieder werteten ihre Gegner ihre Flucht als den Beweis ihrer Schuld. Ungefähr neun Monate lebte Katharina in Linz, dann hielt sie es nicht länger aus. Sie fühlte sich trotz der liebevollen Zuwendung des Sohnes einsam und in der Fremde, in einem Haushalt, in dem eine ihr bislang unbekannte Schwiegertochter das Sagen hatte, in einem Ort, in dem sie keine Menschenseele kannte.

Im Bewusstsein ihrer Unschuld beschloss sie, gegen den Willen des Sohnes in die Heimat zurückzukehren, freilich nicht in ihr Häuschen in Leonberg, sondern zu ihrer Tochter Margarete ins Pfarrhaus nach Heumaden. Johannes Kepler, das Schlimmste fürchtend, reiste ihr nach und erwirkte beim Herzog selbst die Erlaubnis, die Mutter wieder nach Linz mitnehmen zu dürfen, aber Katharina weigerte sich, noch einmal in die Fremde zu gehen.

Das war im Oktober 1617, und es dauerte noch eineinhalb Jahre, bis die 280 Seiten umfassende Anklageschrift fertiggestellt und vom Amtsschreiber Nördlinger vorgelegt worden war. Im Frühjahr 1620 steht das erste Verhör und anschließend die Verhaftung bevor. Johannes versucht in einem Brief an den Herzog noch einen Aufschub zu erreichen, bis seine Verteidigungsschrift fertiggestellt sei. Aber das Gesuch wird abgelehnt. Am 7. August klopfen bei Nacht die Häscher an das Pfarrhaus in Heumaden. Die alte Frau - sie war mittlerweile 72 Jahre alt - wird, um jedes Aufsehen zu vermeiden, in einer Truhe fortgetragen, auf die zur Tarnung Wäschestücke getürmt worden waren. Schon wenige Tage später finden die ersten Verhöre in Leonberg statt. Katharina leugnet alles. Nun drohte ihr ein langwieriges Verfahren, denn ihr Sohn Johannes setzte alles daran, der Anklageschrift eine wohlbegründete Verteidigungsschrift entgegenzusetzen. Sein jüngerer Bruder Christoph dagegen, der in Leonberg lebte, fühlte sich mit seiner jungen Familie durch den Prozess gegen die Mutter in seiner Existenz bedroht. Er bewirkte, dass die Gefangene und damit auch das ganze Verfahren nach Güglingen verlegt wurde. Dort übernahm der Vogt Johann Ulrich Alber, ein Nachkomme des Reutlinger Reformators, den Prozess.

Katharina wird in Güglingen in einem kalten, unheizbaren Turm gefangen gehalten. Ob die alte Frau den Winter dort überlebt hätte, war sehr fraglich. Johannes erreichte es, dass sie in eine heizbare Stube im Stadttor untergebracht wird, wo man ihr täglich eine warme Mahlzeit bereitet. Da die Stube aber nicht so gesichert war wie der Turm, wurde sie zeitweilig in Ketten gelegt und von zwei Wächtern bewacht, für deren Unterhalt sowie für die eigene Nahrung und Heizung Katharina selbst aufkommen musste. Das war den Reinbolds gar nicht recht, denn sie erhofften sich nach der Verurteilung der Hexe ein hohes Schmerzensgeld aus dem Vermögen der Keplerin. So beantragten sie eine Schätzung des vorhandenen Vermögens und eine genaue Bewertung aller Habseligkeiten der Angeklagten, aber die herzoglichen Beamten gaben dem Antrag nicht statt.

Inzwischen hatte Johannes auf eigene Kosten den Kanzleiadvokaten Hieronymus Gabelkover mit der Abfassung einer Verteidigungsschrift beauftragt, aber die zermürbenden Verhöre gingen weiter. Man warf neben vielen Anklagen, die uns heute unsinnig erscheinen, Katharina vor, dass sie vor vierzig Jahren einmal bei den „Papisten“ die Kommunion empfangen habe. Viel schlimmer war der Vorwurf, dass sie beim Verlesen biblischer Texte nicht geweint habe, worauf Katharina entgegnete: „Sie habe in ihrem Leben soviel geweint, dass sie jetzt nicht mehr weinen könne“.

Im Mai 1621 liegt die „Defensionsschrift“ vor, im August 1621 ist die entscheidende Verhandlung, zu der Johannes Kepler selbst angereist ist. Der Protokollant bemerkt dazu: „Die Verhaftete erscheint leider mit Beistand ihres Herrn Sohnes, des Mathematikers Johannes Kepler“. Die glänzend vorbereitete Verteidigung bewirkte wenigstens so viel, dass es zu keiner Verurteilung kam, freilich auch zu keinem Freispruch. Die Angelegenheit wird vom Herzog nun dem Gericht des Vogts entzogen und an die juristische Fakultät in Tübingen verwiesen, ein damals nicht unüblicher Vorgang. Die Richter dort befanden: ... dass die vorgebrachten Indizien zwar zur Anwendung der Folter nicht ausreichen, aber auch keine völlige Freisprechung gestatteten“. Um die Wahrheit doch noch ans Licht zu bringen und vor der Anwendung der Folter ein Geständnis zu erreichen, sollte Katharina der „Territion“ ausgesetzt werden.

Am 28. September war es so weit. Die alte, durch 14 Monate Haft geschwächte Frau wurde vom Henker und den Folterknechten in die Folterkammer geführt. Dort zeigte man ihr die Streckbänke, die Daumenschrauben, die Brennbecken und drohte mit ihrer Anwendung, wenn sie nicht endlich ein Geständnis ablege, aber Katharina fand auch jetzt die Kraft, standhaft an der Beteuerung ihrer Unschuld festzuhalten. „Macht mit mir, was ihr wollt!“ soll sie gesagt haben, „wenn ihr mir schon eine Ader nach der anderen aus dem Leib ziehen würdet, wüsste ich nichts zu bekennen“. Sie fiel auf die Knie und bat Gott, ihr beizustehen und die Wahrheit an den Tag zu bringen. Nach dieser furchtbaren Bedrohung wurde sie wieder in den Torturm zurückgebracht, aber kurz danach sprach das Hohe Gericht sie von allen Anklagen frei, denn da sie durch die ausgestandene „Territion“ kein Geständnis abgelegt hätte, sei sie „purgiert“, was heißen soll, dass sie sich vom Verdacht der Hexerei „reinigen“ konnte und also zu „absolvieren“ sei. So wurde Katharina Kepler endlich an 7. Oktober 1621 aus einer 405 Tage dauernden Untersuchungshaft entlassen, eine zu Tode erschöpfte, aber ungebrochene Frau. Nach Leonberg kehrte sie nicht mehr zurück. Im Pfarrhaus in Heumaden verbrachte sie ihren kurzen Lebensabend. Ein halbes Jahr später, im April 1622, erlöste sie dort der Tod von einem mit Mut, Härte, größter Selbständigkeit und unerhörter Willensstärke geführten Leben.
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