Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Ein Freiwilliges Soziales Jahr in Peru

von Marie-Louise Zeller (NF 152.41)
 
 
     Oxapampa, Peru. - Nach meinem Abitur 2010 verspürte ich den Wunsch etwas anderes zu machen und zu sehen. „Seinen Horizont erweitern", „über den Tellerrand blicken", helfen und lernen, „Interkulturelle Kompetenzen", Weitenluft schnuppern. Kurz: ein Jahr Freiwilligendienst im Ausland. Das Weltwärts-Programm der Bundesregierung und die Koordination des Deutschen Entwicklungsdienstes als meine deutsche Organisation haben hierbei vieles erleichtert, bzw. durch die finanzielle Unterstützung erst die 12 Monate ermöglicht.
     Nach vielem Hin und Her, schlaflosen Nächten und ach so wichtigen Entscheidungen hatte ich mein Flugticket nach Peru und meine Projektbeschreibung in der Hand. Umweltaufklärung an Schulen, Arbeit auf dem Feld, hieß es da, in Oxapampa, einem 9000 Einwohnerstädtchen mit deutsch-österreichische Ursprung, 470 km östlich von der Hauptstadt Lima in der Selva Alta, dem „hohe Regenwald", zwischen den Anden und dem Amazonasbecken auf 1900 Metern.
     Es kommt dann doch immer ganz anders als erwartet. Doch nach einer schwierigen Anfangsphase verbrachte ich ein wunderschönes und erfahrungsreiches Jahr.

     „Wie war's?", fragen mich nun die Freunde. - "Besonders." Es ist schwierig diese Frage zu beantworten, wie auch ein Jahr auf einer Seite zusammenzufassen. Was habe ich konkret gearbeitet? Ich habe 500 Bäume mit 13 Mädels zwischen 12 und 16 in einem sozialen Projekt gepflanzt, habe eine Baumschule für native Baumarten eingerichtet, erklärt, wie, warum und wieso wir unsere Umwelt schützen müssen, die verschiedenen Projekte meiner Organisation begleitet, Kakaopflanzen veredelt, viel „machetiert", einen Kompost gebaut, bei den Ernten geholfen. Doch was fast wichtiger war: ich habe mir in diesem Jahr einen peruanischen Alltag aufgebaut, Freundschaften geknüpft und bin Teil einer Großfamilie geworden.

     Vor allem am Anfang und Ende meines Peruanischen Jahres fühlte ich mich wie ein Papierschiffchen auf der hohen See der Gefühle.
     Der Spagat zwischen zwei Welten kann auch schmerzhaft sein. Doch immer wieder wurde mein positives Menschenbild in dieser gefahrenreichen Welt gestärkt, wenn mir freundliche Menschen den Weg in der 9-Millionenstadt Lima zeigten, mein gutes Bauchgefühl mich nie im Stich ließ und ich sehr herzlich in meiner Gastfamilie aufgenommen wurde.
Ich lernte viel in diesem Jahr, von ganz praktischen Dingen wie der spanischen Sprache, Kabel zu verlegen und Granadilla (Passionsfrucht) zu ernten und zu sortieren. Und natürlich lernte ich auch den großen und kleinen Hindernissen des Alltags mit mehr Gelassenheit zu begegnen. Also: warten, mehr Eigeninitiative, Toleranz. Ich lernte tanzen, lernte die einzelnen Schritte der Kaffeeproduktion vom Samen bis zum fertigen Kaffee kennen und vielleicht das wichtigste: eine andere Perspektive auf so viele Dinge. So genoss ich es, die letzten Monate einen Alltag zu haben. Freute mich, wenn die Oxapampinos, die Marktfrauen, die Saftbarbesitzerin, der Fahrradladenbesitzer und viele andere mich auf der Straße grüßten und mir über die Straße ein freundliches „Holä Marie" herüberriefen. Freute mich, dass ich nun den neusten Hit - wenigstens den Refrain - mitsingen, einen Baum bestimmen konnte und Freunde mich zum abendlichen Lagerfeuerbeisammensein abholten.
     Doch neben den Menschen war es auf jeden Fall die Natur, von der ich mich sehr oft freundlich aufgenommen fühlte. Zwei Wochen verbrachte ich sechs Stunden Fußmarsch vom nächsten kleinen Dorf entfernt im nahegelegenen Nationalpark Yanachaga-Chemillen, wo ich die Arbeit der drei indigenen Parkwächter begleitete und auch deren Yanesha-Kultur ein wenig näher kennen lernte.

     Diese Erfahrungssammlung - gut und schlecht, wenn es so etwas überhaupt gibt - nehme ich nun mit in meinen deutschen Alltag, der sich allerdings nun langsam in einer neuen Stadt, mit einem Physikstudium in Konstanz, wieder erst finden und neu erarbeitet werden muss.
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