Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Dekan Zeller, die Calwer Pietisten
und der Geist des Kapitalismus

1711, vor fast 300 Jahren kam es in Calw zu einem heftigen Streit zwischen dem Dekan und einigen reichen Calwer Familien. Die Kirchenleitung in Stuttgart hielt diesen Streit für so gefährlich, dass sie von Stuttgart aus direkt eingriff und eine Schlichtungskommission nach Calw entsandte.
Von Gerhard Zeller, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands, Nr. 38, 2009
 
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Zwei Zeller-Vettern, Enkel des Rotfeldener Pfarrers Johannes Zeller, spielen in diesem Drama eine Rolle: Der eine war Christoph Zeller (1), der es am Ende seiner Karriere zum Abt von Lorch und zum Vorsitzenden des Konsistoriums in Stuttgart gebracht hatte. Er wirkte eher im Hintergrund. Der andere war Johann Philipp Zeller (2), acht Jahre jünger als sein Vetter, offensichtlich ein schwieriger Charakter, der es auf seinen Dekansstellen nie länger als 5 Jahre ausgehalten hat (Möckmühl 1700, Wildberg 1705, Calw 1710, Böblingen 1715-1719). Seine Amtszeit in Calw ist es, die uns hier interessiert.
Was war geschehen?
Um 1711/12 stellten Teile der Calwer Bevölkerung den Gottesdienstbesuch ein, und zwar nicht irgendwelche Sektierer, sondern Mitglieder der weit über Calw hinaus wirtschaftlich einflussreichen Färber- und Händlervereinigung, der „Calwer Compagnie“. Namentlich nennt die Kommission die Familien Dörtenbach, Schill, Vischer, Stuber, Wagner und Maier. Über ihre Beweggründe wird später zu reden sein; zunächst ist es angebracht, sich über die Calwer Compagnie zu informieren.

Die Calwer Handelscompagnie
      Gegen Ende des 16. Jahrhunderts blühte das Calwer Wirtschaftsleben mächtig auf. Die bisherige Tuchherstellung wurde abgelöst durch die Gewinnung von leichten Wollstoffen, sogenannten „Zeugen“. Im Gegensatz zu den früheren schweren Wolltuchen war die Calwer „Engelsait“ ein feineres Wollgewebe, das sich großer Beliebtheit erfreute und glänzenden Absatz fand. Es kam zu einer richtigen Hochkonjunktur. Der Begriff „Engelsait“ wurde sogar zur Berufsbezeichnung für die die neuen Stoffe herstellenden Zeugmacher oder Knappen, die man nun „Engelsaiter“ hieß. Wie auf der einen Seite eine große Zahl von arbeitsuchenden „Knappen“ nach Calw strömte, so fanden sich andererseits besondere „Verleger“, das heißt markt- und messekundige Personen, die mit den Absatzmärkten, den Wege- und Transportverhältnissen, den auf den Absatzmärkten herrschenden „Usancen“, den Währungen und Geschmacksrichtungen vertraut waren. Bald mussten, da die Wollerzeugung des nächsten Umkreises nicht mehr ausreichte, diese „Verleger“ auch die Belieferung mit dem wesentlichen Rohstoff „Wolle“ in die Hand nehmen, wozu gewisses Kapital erforderlich war.
      Dieses Tuch wurde zwischen 1590 und 1634, dem Jahr, als Calw völlig verwüstet wurde, schon in großen Mengen hergestellt. Nach Stuttgarter Landtagsakten wurden 1599 auf der Frankfurter Messe 5000 bis 6000 Stück zu einem Stückpreis von ungefähr 6 Gulden verkauft. Aber auch die Messen zu Worms, Nördlingen, Straßburg und Basel wurden besucht. Die Calwer Händler, die sogenannten „Verleger“, boten die „Engelsalt“ auf vielen europäischen Textilmessen an. Sie wurden reich dabei. (3)
      Mit dem 30jährigen Krieg kam für etwa drei Jahrzehnte die Tuchproduktion völlig zum Erliegen; aber ab 1650 erholte sie sich schnell. Mit Unterstützung des Herzogs konnte die Handelscompagnie wieder gegründet werden, denn nach dem Krieg strömten Zuwanderer in das Calwer Umland, wo es Arbeit und ein - wenn auch geringes - Einkommen gab. Ende des 17. Jahrhunderts sollen über 4000 Spinnerinnen, Kämmer und Weber in der Wolltuchherstellung gearbeitet haben.
      Damals verkaufte die Zeughandlungs-Compagnie über die Messen in Leipzig und Naumburg nach Sachsen und Polen sowie über die Linzer Messe nach Österreich und Ungarn. Im 18. Jahrhundert machte sie über die Messe in Bozen in Italien vorzügliche Geschäfte, so dass Eberhard Gothein 1892 spöttisch bemerken konnte: „Die Fabrikation der streng-pietistischen Stadt war in erster Linie für die Konsumtion der katholischen Geistlichkeit Italiens eingerichtet“.(4) Natürlich wurde auch in Württemberg selbst verkauft, dazu nach der Schweiz, dem Elsaß und dem Rheinland, in manchen Jahren aber auch nach Frankreich, Rußland und der Türkei.(5)
      Die 23 Mitglieder der Handelsgesellschaft, die „Compagnieverwandten“, gaben sich eine sehr strenge Ordnung. Nicht einmal alle Söhne wurden zugelassen; Töchter verloren ihren Kapitalanteil, wenn sie keinen Compagnieverwandten heirateten. Beteiligte Witwen mussten bei Wiederheirat mit Unbeteiligten ausscheiden. Erst die zunehmende Einfuhr englischer Tuche im Laufe des 18. Jahrhunderts brachte die Calwer in Bedrängnis. 1797 löste sich schließlich die Calwer Handelscompagnie selbst auf. (6)
      Neben dem Tuchhandel betrieb die Calwer Compagnie ausgedehnte Geldgeschäfte. Damals bestand in Stuttgart noch kein größeres Bankhaus. So gab die Compagnie Anleihen, auch der württembergischen Regierung, ebenso wie sie fremde Gelder als Darlehen nahm, um ihre eigene Finanzkraft zu stärken. Ihre finanzielle Basis waren jedoch stets die Einlagen der einzelnen Compagnieverwandten. Dazu kamen die Gewinne der Mitglieder, die häufig beim Geschäftskapital stehen blieben, und schließlich die bereits erwähnten Fremdgelder, die von der Compagnie fest verzinst wurden, aber keinen Anspruch auf eine Gewinnbeteiligung nach sich zogen. (7)

Die Calwer Pietisten
     
Gegen Ende des 17. Jahrhunderts brachten Geschäftsreisende der Calwer Compagnie aus Nord- und Mitteldeutschland pietistische Erbauungsschriften nach Calw, deren Gedankengut dort auf fruchtbaren Boden fiel. (8) Die Zerstörung Calws durch die Franzosen 1692 und den damit verbundenen furchtbaren Brand deutete der Calwer Diakonus Johann Rudolf Bitsche in einer Predigt als Gottesgericht: „O Calw, Calw, der HERR hat dich nicht unschuldig erfunden; werdet verständig an diesem Schaden, was für Jammer und Hertzenleid es bringe, den Herrn verlassen, und ihn nicht fürchten.“ (9) Und Susanna Mayer geb. Dörtenbach schreibt 1692 - auf der Flucht vor den Franzosen - in ihr Tagebuch: „... dass Alles doch nicht on Gottes zuläßigen Willen verbrandt. Nun der Herr hats gegeben, der Herr hats genommen, der Name des Herrn sey gelobet und gebenedeiet, mach uns nur an der Seele reich, so haben wir gnuog in Ewigkeit, du bist, Herr, unßer Vater doch, bei dir ist vil Erbarmen, drum nimb von unß diß Kriegesjoch, steh auf und hilf unß Armen, nim uns zur Gnade wider an und laß, wie du vorher gethan, dein Vatterherz erbarmen“. (10) Sie glaubte, die Welt sei verloren und ein wahrer Christ könne Gottes Zorn nur entgehen und das ewige Heil nur dann erlangen, wenn er sich mit anderen Erweckten zu gemeinsamer Erbauung zusammenfinde.
      Zum andern beobachtete die Bevölkerung empört die verschwenderische Amtsführung Herzog Eberhard Ludwigs, der seit 1693 in Stuttgart in großer Pracht und mit absolutistischer Willkür herrschte, ebenso seine Zweitehe mit Wilhelmine von Grävenitz. Die Pietisten deuteten diese Entwicklung als Strafe Gottes und zogen daraus den Schluss, allein eine Erneuerung des Christentums könne Gott wieder gnädig stimmen.
      Obwohl man auch in der Kirche über die „großen Corruption und Verderbniß deß Obrigkeitlichen und Regenten-Stands“ klagte, erschien es trotzdem vielen im Lande so, als ob die Kirchenleitung nicht fähig oder nicht willens sei, solcher Verweltlichung Einhalt zu gebieten. So wuchsen im Calwer Pietismus separatistische Neigungen. Geistiger Führer wurde Mose Dörtenbach, Compagniemitglied und Oberhaupt einer der reichsten Calwer Familien. Er wollte eine grundlegende religiöse Erneuerung. Deshalb nahm er 1706 einige wegen ihrer radikalen pietistisch-separatistischen Ansichten aus der Landeskirche verstoßene junge Geistliche in sein Haus auf (11), die, wie er, für die religiöse Wiedergeburt des Einzelnen und der Gemeinden eintraten und wenig Gutes an der ihrer Ansicht nach erstarrten offiziellen Kirche ließen. So pflegte man Erbauung im kleinen Kreis, Trennung von den Weltkindern, Bibellektüre Gebet und Wohltätigkeit. (12)

Der Geist des Kapitalismus in Calw?
     
In Max Webers 1905 erschienener und in der ganzen gelehrten Welt berühmten Abhandlung „Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ findet sich eine kurze Bemerkung über Calw: „Dass endlich für die Pietisten die Kombination von intensiver Frömmigkeit mit ebenso stark entwickeltem geschäftlichen Sinn und Erfolg ebenfalls [ man braucht nur an rheinische Verhältnisse und an Calw zu erinnern“. (13)
      Hartmut Lehmann, Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, hat diese These eingehend überprüft, kommt aber zu dem Schluss, „dass die pietistische Berufsethik zwar das den Calwer Kaufleuten eigene Streben nach Gewinn unterstützte, dass sie als Pietisten aber nicht den finanziellen Erfolg suchten, um auf diese Weise die ihnen von Gott im Diesseits auferlegte Bewährung zu bestehen oder, um ähnlich wie die Calvinisten, durch den sichtbaren wirtschaftlichen Erfolg auch Gewissheit über ihr Seelenheil zu erlangen. Weil die Pietisten auf allen Gebieten des Lebens Gott wohlgefällig handeln wollten, erfüllten sie vielmehr die Pflichten ihres Berufs und ihres Standes ebenso genau wie ihre religiösen Pflichten. Betrieben sie wie die Calwer Pietisten ein seit Jahrzehnten eingeführtes und in normalen Zeiten auch gewinnbringendes Geschäft, dann konnte sich ihr religiöser Eifer durchaus in wirtschaftlichem Erfolg niederschlagen, der so jedoch wohl das Ergebnis, nicht aber das alleinige Motiv für ihre Handlungen war.“ (14)

Beziehungen der Zeller zu Calw
     
Bereits der Stammvater der Maulbronner Linie der Zeller-Familie, Johannes Zeller, hatte durch die Vermittlung Johann Valentin Andreäs in Calw seine erste Frau gefunden: Anna Maria Geisel. Deren Vater Noa Geisel hatte das Ehrenamt des Calwer Bürgermeisters inne und war seit 1594 immer wieder Angehöriger des altwürttembergischen Landtags und seiner Ausschüsse gewesen. Die Geisels gehörten zur Gründungsgeneration der Calwer Compagnie und Anna Marias Bruder gehörte zu den Mitgründern des „Färberstifts“, einer wohltätigen Stiftung für Calwer Bürger. Man war in der Zeller-Familie sicherlich gut über die Calwer Verhältnisse informiert.
      Von 1701 bis 1707 wirkte ein Sohn der beiden, Christoph Zeller, als Dekan in Calw. Dieser fromme und gelehrte Mann war in der Gemeinde sehr beliebt, kümmerte sich vor allem um die Jugenderziehung und muss den Pietisten nahe gestanden haben, denn Mose Dörtenbachs Asyl-Aktion für die separatistischen Pfarrer konnte ihm unmöglich verborgen geblieben sein, gleichwohl vermied er den Eklat. Er erlangte dann die Stiftspredigerstelle in Stuttgart, wurde Mitglied des Konsistoriums und 1713 dessen 1. Vorsitzender, eben in dem Jahr, als in Calw sein Vetter Johann Philipp in Calw Anstoß erregte.
      Johann Philipp Zeller muss ein orthodoxer Theologe vom alten Schlag gewesen, dem der Pietismus als separatistisches Übel erschien, das es zu bekämpfen und aus der Kirche zu verdrängen galt. Gleich nach seiner Ernennung 1710 muss er sich in seinen Predigten entsprechend geäußert haben. Aber dabei er hatte die Machtverhältnisse in Calw falsch eingeschätzt. Die Calwer Handelsleute fühlten sich brüskiert und es kam zum offenen Bruch. Mose Dörtenbach und seine Freunde blieben der Kirche fern und veranstalteten eigene Erbauungsstunden. Strafandrohungen fruchteten nichts.

Die Untersuchungskommission
     
Nun sah sich die Kirchenleitung in Stuttgart veranlasst, direkt einzugreifen. Seit dem ersten Pietistenreskript 1695 war in der württembergischen Kirche die Frage umstritten, ob Härte oder Milde, Duldung oder Verfolgung das richtige Mittel sei, der separatistischen Neigungen Herr zu werden. Im Konsistorium dominierten um 1710 die Vertreter des toleranten Kurses; zu ihnen gehörte auch der 1. Vorsitzende Christoph Zeller. Wie bereits erwähnt, war er mit den Calwer Verhältnissen bestens vertraut. Unter ihm wurde nun eine Untersuchungskommission nach Calw entsandt: der Regierungsrat Dr. Burckhard Bardili, der Hofprediger Andreas Adam Hochstetter, und der Tübinger Theologieprofessor Johann Ulrich Fromann. Zwei Wochen lang, von 16. Februar bis 2. März 1713 blieben sie in Calw und befragten die Geistlichen, Vogt und Bürgermeister, den Rat und die Mitglieder der separatistischen Familien. (15)
      Die Kommission stützte ihren Bericht auf die Aussagen der Gemeindeglieder, die sie befragt hatte. Darin heißt es, die Calwer Pietisten hätten sich von der kirchlichen Ordnung getrennt, nicht zuletzt wegen der „große[n] Corruption und Verderbniß deß Obrigkeitlichen und Regenten-Stands, welcher doch als der von Gott verordnete erste und oberste Stand in der Republic jedermann mit gutem Exempel vorleuchten und damit seine promulgirende gute Gesetze und Ordnungen selbst betätigen“ und die Untertanen zu deren Befolgung veranlassen sollte, „welches aber leider wenig oder garnicht geschehe“. Die Pietisten hätten sich darüber beklagt, dass die niederen geistlichen und weltlichen Beamten sehr schnell und hart gegen sie vorgegangen seien, während sie im Gegensatz dazu nichts gegen die Gottlosen unternähmen. So habe man sie zu wenig gegen Belästigungen geschützt und ihnen, als sie von der Kirche wegblieben, sofort mit scharfen Strafen gedroht. Dabei sei die äußere Ordnung im Lande sehr schlecht. Zu wenig werde gegen den Missbrauch der Kirchweihen, gegen Tanzen, Spielen und dergleichen weltliche Vergnügen unternommen. (16)
      Im Gottesdienst hätten nach Ansicht der Befragten Andacht und Ordnung gefehlt, „indeme der eine schlaffe, der andere schwätze, der dritte lache, der vierte sonsten frech um sich gaffe, der fünfte gar Zotten [...] reiße oder schwöre: der sechste in Eitelkeit, Pracht und Frechheit der Kleidung sonderheitlich das Weibervolck dermaßen aufgeputzt daher komme, gleich als ob man auff den Marckt oder in die Comoedie gehen wollte: dem sibenden werde die Predigt zu lang: und endlich finde der achte, dem es etwa noch ein Ernst seye, mehr Zerstreuung als Sammlung seines nach Gott dürstenden Herzens“. Nicht nur die Kirchendisziplin, auch Art und Inhalt der Gottesdienste missfalle den Calwer Separatisten.Viele Pfarrer seien nicht fromm und kämen ihrer Pflicht nicht nach, den Gläubigen zu helfen. (17)
      Insgesamt bescheinigt die Kommission den Calwer Pietisten einen vorbildlichen Lebenswandel: „Der Wandel seye fromm und richtig: Sie betten und singen fleißig: leben nicht üppig, sondern nur zur Nothdurfft im Eßen, Trincken und Kleidung: thun den Krancken, ohne Unterschied vil guts [...] Halten sich still und eingezogen [...] Machen der Obrigkeit nichts zu schaffen, seyen ihro auch nicht überlästig [...] Wäre sonst gar nichts an ihnen zu klagen, als dass sie sich separiren“.
      Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 Lehmann S. 89f.
15 Die Ergebnisse dieser Befragung sind niedergelegt in: Relatio Commissionis Calvensis de Anno 1713. Zitiert nach Lehmann.
16 Lehmann S. 75
17 Lehmann S. 74
18 Lehmann ] galt, ist bekannt genug: man braucht nur an rheinische Verhältnisse und an Calw zu erinnern“. (13)
      Hartmut Lehmann, Direktor des Max-Planck-Instituts für Geschichte in Göttingen, hat diese These eingehend überprüft, kommt aber zu dem Schluss, „dass die pietistische Berufsethik zwar das den Calwer Kaufleuten eigene Streben nach Gewinn unterstützte, dass sie als Pietisten aber nicht den finanziellen Erfolg suchten, um auf diese Weise die ihnen von Gott im Diesseits auferlegte Bewährung zu bestehen oder, um ähnlich wie die Calvinisten, durch den sichtbaren wirtschaftlichen Erfolg auch Gewissheit über ihr Seelenheil zu erlangen. Weil die Pietisten auf allen Gebieten des Lebens Gott wohlgefällig handeln wollten, erfüllten sie vielmehr die Pflichten ihres Berufs und ihres Standes ebenso genau wie ihre religiösen Pflichten. Betrieben sie wie die Calwer Pietisten ein seit Jahrzehnten eingeführtes und in normalen Zeiten auch gewinnbringendes Geschäft, dann konnte sich ihr religiöser Eifer durchaus in wirtschaftlichem Erfolg niederschlagen, der so jedoch wohl das Ergebnis, nicht aber das alleinige Motiv für ihre Handlungen war.“ (14)

Beziehungen der Zeller zu Calw
     
Bereits der Stammvater der Maulbronner Linie der Zeller-Familie, Johannes Zeller, hatte durch die Vermittlung Johann Valentin Andreäs in Calw seine erste Frau gefunden: Anna Maria Geisel. Deren Vater Noa Geisel hatte das Ehrenamt des Calwer Bürgermeisters inne und war seit 1594 immer wieder Angehöriger des altwürttembergischen Landtags und seiner Ausschüsse gewesen. Die Geisels gehörten zur Gründungsgeneration der Calwer Compagnie und Anna Marias Bruder gehörte zu den Mitgründern des „Färberstifts“, einer wohltätigen Stiftung für Calwer Bürger. Man war in der Zeller-Familie sicherlich gut über die Calwer Verhältnisse informiert.
      Von 1701 bis 1707 wirkte ein Sohn der beiden, Christoph Zeller, als Dekan in Calw. Dieser fromme und gelehrte Mann war in der Gemeinde sehr beliebt, kümmerte sich vor allem um die Jugenderziehung und muss den Pietisten nahe gestanden haben, denn Mose Dörtenbachs Asyl-Aktion für die separatistischen Pfarrer konnte ihm unmöglich verborgen geblieben sein, gleichwohl vermied er den Eklat. Er erlangte dann die Stiftspredigerstelle in Stuttgart, wurde Mitglied des Konsistoriums und 1713 dessen 1. Vorsitzender, eben in dem Jahr, als in Calw sein Vetter Johann Philipp in Calw Anstoß erregte.
      Johann Philipp Zeller muss ein orthodoxer Theologe vom alten Schlag gewesen, dem der Pietismus als separatistisches Übel erschien, das es zu bekämpfen und aus der Kirche zu verdrängen galt. Gleich nach seiner Ernennung 1710 muss er sich in seinen Predigten entsprechend geäußert haben. Aber dabei er hatte die Machtverhältnisse in Calw falsch eingeschätzt. Die Calwer Handelsleute fühlten sich brüskiert und es kam zum offenen Bruch. Mose Dörtenbach und seine Freunde blieben der Kirche fern und veranstalteten eigene Erbauungsstunden. Strafandrohungen fruchteten nichts.

Die Untersuchungskommission
     
Nun sah sich die Kirchenleitung in Stuttgart veranlasst, direkt einzugreifen. Seit dem ersten Pietistenreskript 1695 war in der württembergischen Kirche die Frage umstritten, ob Härte oder Milde, Duldung oder Verfolgung das richtige Mittel sei, der separatistischen Neigungen Herr zu werden. Im Konsistorium dominierten um 1710 die Vertreter des toleranten Kurses; zu ihnen gehörte auch der 1. Vorsitzende Christoph Zeller. Wie bereits erwähnt, war er mit den Calwer Verhältnissen bestens vertraut. Unter ihm wurde nun eine Untersuchungskommission nach Calw entsandt: der Regierungsrat Dr. Burckhard Bardili, der Hofprediger Andreas Adam Hochstetter, und der Tübinger Theologieprofessor Johann Ulrich Fromann. Zwei Wochen lang, von 16. Februar bis 2. März 1713 blieben sie in Calw und befragten die Geistlichen, Vogt und Bürgermeister, den Rat und die Mitglieder der separatistischen Familien. (15)
      Die Kommission stützte ihren Bericht auf die Aussagen der Gemeindeglieder, die sie befragt hatte. Darin heißt es, die Calwer Pietisten hätten sich von der kirchlichen Ordnung getrennt, nicht zuletzt wegen der „große[ yes">     
Im Gottesdienst hätten nach Ansicht der Befragten Andacht und Ordnung gefehlt, „indeme der eine schlaffe, der andere schwätze, der dritte lache, der vierte sonsten frech um sich gaffe, der fünfte gar Zotten [...] reiße oder schwöre: der sechste in Eitelkeit, Pracht und Frechheit der Kleidung sonderheitlich das Weibervolck dermaßen aufgeputzt daher komme, gleich als ob man auff den Marckt oder in die Comoedie gehen wollte: dem sibenden werde die Predigt zu lang: und endlich finde der achte, dem es etwa noch ein Ernst seye, mehr Zerstreuung als Sammlung seines nach Gott dürstenden Herzens“. Nicht nur die Kirchendisziplin, auch Art und Inhalt der Gottesdienste missfalle den Calwer Separatisten.Viele Pfarrer seien nicht fromm und kämen ihrer Pflicht nicht nach, den Gläubigen zu helfen. (17)
      Insgesamt bescheinigt die Kommission den Calwer Pietisten einen vorbildlichen Lebenswandel: „Der Wandel seye fromm und richtig: Sie betten und singen fleißig: leben nicht üppig, sondern nur zur Nothdurfft im Eßen, Trincken und Kleidung: thun den Krancken, ohne Unterschied vil guts [...] Halten sich still und eingezogen [...] Machen der Obrigkeit nichts zu schaffen, seyen ihro auch nicht überlästig [...] Wäre sonst gar nichts an ihnen zu klagen, als dass sie sich separiren“.
      Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-] Corruption und Verderbniß deß Obrigkeitlichen und Regenten-Stands, welcher doch als der von Gott verordnete erste und oberste Stand in der Republic jedermann mit gutem Exempel vorleuchten und damit seine promulgirende gute Gesetze und Ordnungen selbst betätigen“ und die Untertanen zu deren Befolgung veranlassen sollte, „welches aber leider wenig oder garnicht geschehe“. Die Pietisten hätten sich darüber beklagt, dass die niederen geistlichen und weltlichen Beamten sehr schnell und hart gegen sie vorgegangen seien, während sie im Gegensatz dazu nichts gegen die Gottlosen unternähmen. So habe man sie zu wenig gegen Belästigungen geschützt und ihnen, als sie von der Kirche wegblieben, sofort mit scharfen Strafen gedroht. Dabei sei die äußere Ordnung im Lande sehr schlecht. Zu wenig werde gegen den Missbrauch der Kirchweihen, gegen Tanzen, Spielen und dergleichen weltliche Vergnügen unternommen. (16)
      Im Gottesdienst hätten nach Ansicht der Befragten Andacht und Ordnung gefehlt, „indeme der eine schlaffe, der andere schwätze, der dritte lache, der vierte sonsten frech um sich gaffe, der fünfte gar Zotten [ der sechste in Eitelkeit, Pracht und Frechheit der Kleidung sonderheitlich das Weibervolck dermaßen aufgeputzt daher komme, gleich als ob man auff den Marckt oder in die Comoedie gehen wollte: dem sibenden werde die Predigt zu lang: und endlich finde der achte, dem es etwa noch ein Ernst seye, mehr Zerstreuung als Sammlung seines nach Gott dürstenden Herzens“. Nicht nur die Kirchendisziplin, auch Art und Inhalt der Gottesdienste missfalle den Calwer Separatisten.Viele Pfarrer seien nicht fromm und kämen ihrer Pflicht nicht nach, den Gläubigen zu helfen. (17)
      Insgesamt bescheinigt die Kommission den Calwer Pietisten einen vorbildlichen Lebenswandel: „Der Wandel seye fromm und richtig: Sie betten und singen fleißig: leben nicht üppig, sondern nur zur Nothdurfft im Eßen, Trincken und Kleidung: thun den Krancken, ohne Unterschied vil guts [...] Halten sich still und eingezogen [...] Machen der Obrigkeit nichts zu schaffen, seyen ihro auch nicht überlästig [...] Wäre sonst gar nichts an ihnen zu klagen, als dass sie sich separiren“.
      Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 Lehmann S. 89f.
15 Die Ergebnisse dieser Befragung sind niedergelegt in: Relatio Commissionis Calvensis de Anno 1713. Zitiert nach Lehmann.
16 Lehmann S. 75
17 Lehmann S. 74
18 Lehmann S. 14] reiße oder schwöre: der sechste in Eitelkeit, Pracht und Frechheit der Kleidung sonderheitlich das Weibervolck dermaßen aufgeputzt daher komme, gleich als ob man auff den Marckt oder in die Comoedie gehen wollte: dem sibenden werde die Predigt zu lang: und endlich finde der achte, dem es etwa noch ein Ernst seye, mehr Zerstreuung als Sammlung seines nach Gott dürstenden Herzens“. Nicht nur die Kirchendisziplin, auch Art und Inhalt der Gottesdienste missfalle den Calwer Separatisten.Viele Pfarrer seien nicht fromm und kämen ihrer Pflicht nicht nach, den Gläubigen zu helfen. (17)
      Insgesamt bescheinigt die Kommission den Calwer Pietisten einen vorbildlichen Lebenswandel: „Der Wandel seye fromm und richtig: Sie betten und singen fleißig: leben nicht üppig, sondern nur zur Nothdurfft im Eßen, Trincken und Kleidung: thun den Krancken, ohne Unterschied vil guts [ yes">     
Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 L] Halten sich still und eingezogen [ yes">     
Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 Lehmann S. 89f.
15 Die Ergebnisse die] Machen der Obrigkeit nichts zu schaffen, seyen ihro auch nicht überlästig [ yes">     
Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 Lehmann S. 89f.
15 Die Ergebnisse dieser Befragung sind niedergelegt in: Relatio Commissionis Calvensis de Anno 1713.] Wäre sonst gar nichts an ihnen zu klagen, als dass sie sich separiren“.
      Ein Sonderproblem war die Persönlichkeit Dekan Zellers. Die Befragungen ergaben, die von Zeller gebrauchten Redensarten seien schlimmer gewesen, als die Kommission befürchtet habe, („Wie dann die hievon ad Protocollum gegebenen Formalien dermaßen garstig und wüst seynd, daß wir auß unterthänigstem Respect gegen Euer Hochfürstliche Durchlaucht billich unterlassen, sie dises Orths zu specificiren“). Sie hätten vor allem dazu beigetragen, dass viele Frauen dem Gottesdienst fernblieben. Was sich hinter den Beschwerden im Einzelnen verbirgt, ist z. T. unklar: „Es seyen bißweilen solche Formalien auff der Canzel gebraucht worden, als exempli gratia, von Fortpflanzung deß menschlichen Geschlechts und dergleichen, die recht ärgerlich seyen gewesen, so, daß die Mägde, wann sie heimgekommen, sich zu theurst sehr daran gestoßen haben: und disem Unwesen müße gesteuert werden:“ und „Der itzige Specialis aber habe ein und das andere mal so gepredigt von dem Laster der Hurerey, daß es gar obscur und obscoen heraußgekommen“. (18)
      Dekan Johann Philipp Zeller sah ein, dass er gegen das positive Urteil der Kommission über die Pietisten nichts auszurichten vermochte und er diesen Streit nicht gewinnen konnte. Ja, er revidierte sogar sein früheres Urteil und äußerte sich überraschenderweise (auf Anraten seines Stuttgarter Vetters?) im Sinne der Kommission. Noch während der Untersuchungen bat er die Kommission um seine Versetzung, die 1715 erfolgte. Ob er auf seiner letzten Stelle in Böblingen besser zurecht gekommen ist, ist mir nicht bekannt. Er starb 1719. Nach seiner Versetzung besuchten Mose Dörtenbach und die meisten seiner Verwandten wieder die sonntäglichen Gottesdienste.

Weitere Entwicklung
     
Bardili, Hochstetter und Fromann haben versucht, in Calw die Beweise zugunsten einer Politik der Toleranz gegenüber den Pietisten zu erlangen. Freilich konnten sie im Anschluss an ihre Untersuchungen kein neues, tolerantes Pietistengesetz durchsetzen. Dies lag aber an der Politik Herzog Eberhard Ludwigs und am immer noch erheblichen Einfluss ihrer Gegner, etwa des Tübinger Theologen Johann Wolfgang Jäger, der den separatistischen Pietismus mit aller Schärfe bekämpft sehen wollte.
      Langfristig aber hat ihr positives Urteil über die Calwer Pietisten dazu beigetragen, dass mit dem Pietistenreskript des Jahres 1743 die württembergische Kirchenleitung die Grundlage dafür schuf, den Pietismus in Württemberg in geregelte Bahnen zu lenken und mit der Zulassung der „Stunde“ in kirchlichen Räumen in das Leben der Landeskirche zu integrieren.



Anmerkungen:
1 (1650-1727, ZB § 394)
2 (1658-1719, ZB § 387)
3 Karl August Zeller in: 450 Jahre Zeller, S. 48; Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
4 Hartmut Lehmann, Max Webers „Protestantische Ethik“, Beiträge aus der Sicht eines Historikers, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1996; im Folgenden zitiert als „Lehmann“, S. 84
5 Lehmann S. 84.
6 Rose Wagner, Mosaik, S. 107.
7 Lehmann S. 84
8 Lehmann S. 81.
9 Lehmann S. 80.
10 Lehmann S. 80.
11 Siehe: Kolb, Anfänge des Pietismus, in: Württembergische Vierteljahreshefte für Landesgeschichte 9 (1900), S. 397, 399, 404; 10 (1901), S. 220.
12 Lehmann S. 82
13 Max Weber, Die protestantische Ethik, Bd. 1: Eine Aufsatzsammlung, Hg. Johannes Winckelmann, München 1969 (2), S. 37.
14 Lehmann S. 89f.
15 Die Ergebnisse dieser Befragung sind niedergelegt in: Relatio Commissionis Calvensis de Anno 1713. Zitiert nach Lehmann.
16 Lehmann S. 75
17 Lehmann S. 74
18 Lehmann S. 142

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