Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Das Doktorshaus in Markgröningen
- Dr. Hermann Werner (1830-1894) und Emma von Schlümbach (1834-1919) -

Eberhard Zeller, in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell, Festschrift, Hg. Martinszeller Verband e.V. zum 180. Jahrestag der Zellerstiftung 1838, Stuttgart 1988, S. 106-113
 
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                                                   Das Doktorhaus mit den Oleanderkübeln, Efeu und wildem Wein
                                                                       und mit Scheuer und Remise, gemalt ca. 1890


In Markgröningen brauchte man 1869, als der angesehene Herr von Heider gestorben war, einen neuen Stadt- und Gemeindearzt. Durch Freunde überredet, deren er seit der Tübinger Burschenschaftszeit viele „wie Pfeile im Köcher“ hatte, bewarb sich Dr. Hermann Werner, und er ward - wir wissen nicht, bei wieviel Bewerbern - 39jährig angenommen. Er kam aus dem Hohenlohischen, aus Ingelfingen, dem Weinbau- und Fürstenstädtchen am Kocher. Seit elf Jahren war er dort Arzt für Stadt und Land und den erbprinzlichen Hof.

Hermann Werner kam von Vater- und Mutterseite her aus dem geistlichen Stand. Der Vater war der Schwaikheimer Pfarrer Dr. Philipp Heinrich Werner, der durch seine Forschungen um „Die Schutzgeister“ und den „Lebensmagnetismus“ in damals neuerregende Gebiete vorgedrungen und in der Folge den Aufwuchs der eigenen Kinder, auch des Hermann, früh schon fremder Obsorge zu überlassen gezwungen war. Die Mutter war die gewinnend eigenwüchsige Tochter Nane des Professors und Prälaten Abel, der als Schillers Lehrer bekannt geworden ist an der Karlsschule des Karl Eugen.

Hermann Werners Frau geworden war Emma von Schlümbach, die Tochter des Rittmeisters, der aus königlichen Diensten im Ludwigsburger Schloß in fürstlich-hohenlohische in Schloß Öhringen und Ingelfingen übergegangen war. Die Schlümbach-Vorfahren kamen aus Franken und Thüringen. Der Emma-Urgroßvater, der noch aus Generationen von Pfarrhäusern kam, war durch Kaiser Franz 1761 in den erblichen Reichsadelsstand erhoben worden und war als Kriegskommissarius und Hofrat zuletzt ebenso zu jenem Herzog Karl Eugen nach Stuttgart gekommen, und Sohn und Enkel waren in königlich württembergischem Dienst geblieben. Von ihrer Mutterseite her gehörte Emma von Schlümbach zu einer in Öhringen ansässigen Arzt- und Hohenloher Hofbeamtenfamilie.

Was die Tochter des lebensfrohen, selbstbewußten Reiteroffiziers und Fürstengeleiters von früh auf an Lehre der Formvollendung in sich aufzunehmen und auszustehen hatte, erschien bei ihr, die herzenszart, dem Dunkeln abhold und immer auf die Freude der anderen bedacht war, später (auch noch bei der Würdigen unterm Altershäubchen) stets als eine entzückende Contenance, eine Anmut, die sie auch bei keinem ihrer kleinen Ungeschicke verlor und die auch einfache Menschen bezauberte. Sie blieb aber auch die Offizierstochter, früh schon ein tätiger Wildfang. Von der 15jährigen wird erzählt, wie sie mit glühender Vorliebe beim Großvater, dem Hauptmann Friedrich von Schlümbach, weilte und ihm zu Füßen seine Erzählungen vom Krieg aufnahm, dem Feldzug mit Napoleon in Rußland, von dem er wie wenige der Württemberger zurückgekommen war. Vor ihren Augen sinkt der 84jährige sanft in den Tod. Am Ort in Neckargartach fehlen zur feierlichen Beisetzung die Insignien des Offiziers, die in Heilbronn sind. Sie unauffällig zu holen, schickt man die beherzte Enkelin in die durch Belagerungszustand und Revolutionswirren versperrte Stadt. Und sie bringt, auf dem Wagen eines Milchkutschers sitzend, Helm und Degen des Hauptmanns unter ihren Röcken verborgen, durch den Sperrcordon zum Begängnis. Ein anderes Bild, 21 Jahre später: Als es mit dem Deutsch-französischen Krieg ernst wird, nimmt die Mutter Emma Werner ihre Töchter an die Hand und geht nach Ludwigsburg,  „um die Truppen ausmarschieren zu sehen. Überwältigt von den traurigen Abschiedsszenen sitzt sie mit den Mädchen ganz niedergeschlagen im Wartesaal, wo sie Oberst von Hügel entdeckt und ihr in freundlicher Weise zuspricht, sich mit den Kindern übers Osterholz heimzubegeben.“ Ihr Bruder hatte Jahre zuvor als schwäbischer Leutnant im amerikanischen Bürgerkrieg begeistert mit Lincoln und General Grant für die Befreiung der Neger gefochten und war knapp dem Tod entronnen.

Wir wissen nicht, wie sich Hermann Werner mit der wohl maßvollen Feudalität des hohenloher Fürstenhauses vertrug. Als Student in Tübingen muß er mit seinen Freunden sich zur großdeutschen, liberal gesonnenen kampffreudigen Seite gehalten haben. Gegen seinen Ziehvater hatte er seinen Verbleib in der Burschenschaft durchgesetzt. Im Frühjahr 1848 hatte er die Begeisterung erlebt, als der Aufrührer Uhland eines Morgens in einer Adresse an die Stände die Forderungen ausrief: Ausbildung der Gesamtverfassung Deutschlands als eines Bundesstaates mit Volksvertretung durch ein deutsches Parlament in einem gemeinsamen Bundestag, Pressefreiheit ohne Einschränkung, Aufhebung der unwürdigen Vereins- und Versammlungsbedingungen. Die Burschenschaft, nein die Studentenschaft hatte damals in revolutionärem Elan 1200 Unterschriften gesammelt (die Werners gewiß unter ihnen) und hatte Uhland im Umzug gefeiert. In den Jahren danach aber, als Werner noch bis zu seiner Doktorprüfung in Tübingen war, welcher Niederbruch, welche Demütigung der Universität! Entlassung der Lehrer, die wie Uhland der Regierung widersetzlich waren, mit dem Pauschalvorwurf, daß sie, die „Vorbild der studierenden Jugend sein sollen, ihr mit dem Beispiel des offenen und beharrlichen Ungehorsams gegen die Staatsgewalt vorangehen“.

Und wieder einmal, und Hermann Werner tief betreffend, das Verbot der Burschenschaft (1853) wegen ihrer Konnexion mit jener „bekannten Partei, welche auf den Umsturz  alles Bestehenden sinnt und der damit verbundenen Gefahr, zu einer Pf1anzschule für republikanische Ideen und demokratische Pläne zu werden“.

Und Werner hat nicht zur Streitmacht der Republikaner gehalten, die mit Herwegh über Baden hereinbrachen und von württembergischen Truppen - unweit von Beuggen bei Dossenbach - niedergemacht wurden.

Bis ins eigene Haus erlebte Dr. Werner die Kriegshändel zwischen den Rivalen Österreich und Preußen - es war 1866 nach Königgrätz. Die Württemberger, die 14000 Mann zum Bundeskorps gestellt hatten, kämpften tapfer, aber unglücklich im nahen Tauberbischofsheim für Osterreich. Das Annahen und die Einquartierung der Preußen wurde danach im Ingelfinger Haus, zumal von den Töchtern, nach fürchterlichen Vorausgerüchten als bedrohend und feindlich empfunden. Ottilie, die älteste, konnte damals bei einer Schulvisitation, nach dem tyrannischen bösen Regenten Ägyptens befragt, prompt erwidern: Bismarck. Von ihren jüngeren Schwestern wurde viel später das helmbewehrte Bismarckbild über dem Schreibtisch des Vaters zu jedem ersten April - Bismarcks Geburtstag - feierlich bekränzt.

Die Werners müssen sich mit vielen ihnen nahen Menschen im hohenlohisch-fränkischen Idiom mit dem Wein des Kochers, der auch später bei ihnen nicht vergessen war, sehr wohl gefühlt haben. In einem Gedicht, das den Doktorseltern von Karl Zeller nach 25 Jahren gewidmet wurde, wird der Ingelfinger Abschied „von der treuesten Freunde Kreis“ noch einmal beschworen und über den neuen Anfang in Markgröningen klingt es dann so: „Fremd wohl klang Euch die Sprache der mindergeglätteten Schwaben. Fremd war jedes Gefühl, als Ihr nach Gröningen kamt.“

Nun, wie erging es ihnen unter den „mindergeglätteten Schwaben“? Mit seiner Frau Emma und drei Töchtern - im Alter von 9, 6 und 2 Jahren trat der Stadtarzt, der Doktor Werner, sich als Wundarzt und Geburtshelfer erbietend, 1869 in Markgröningen in seine Dienste ein. Und es war bald in der Stadt kund, daß man den richtigen gefunden: Nothelfer in allem zu allen Stunden, für Hohe und Geringe, und auch die Pfleglinge im alten Spital und die Vaganten von der Straße wußten in ihm bald ihren Wohltäter.

Die ersten Jahre wohnte die Familie im Notabeln-Gutshof der Hitzelberger außen vor der Stadt. Eine vierte Tochter kam 1871 kurz nach dem gefeierten Tag von Versailles hinzu. Sie wurde von ihrer originellen Großmutter Nane, die nur von Knaben wissen wollte und jedem hübschen Buben auch auf fremder Straße zärtlich begegnete („O du herziger Kerle, dir mueß i an Kuß gebe“), mit dem Rat an den Vater empfangen: „So jetzt nur gleich ein Nonnenkloster gründen“ Als die fünfte Enkeltochter acht Jahre danach kam, war die Knabenentzückte nicht mehr am Leben. Keine der Fünf brauchte Nonne zu werden.

Von schweren Krankheiten und Geburtsfolgen blieb das Doktorhaus nicht verschont. Sie waren damaligen Verhältnissen nach ohne die Hilfe von Krankenhäusern zu bestehen. Für den Arzt Werner vielleicht das erschütterndste Erlebnis, als er die Frau, die ihm eben die vierte Tochter geboren, an ihrem Lager sitzend, in Fieberstürmen dem Tod preisgeben muß und sie aus tiefem Versinken, durch einen kraftvollen Traum genesen, plötzlich wieder zurückkehrt.

Bald wurde ein benachbartes freigewordenes Bauernanwesen gekauft mit einem eher bescheidenen, aber von einem tiefen, steingewölbten Faßkeller unterfangenen Ökonomiegebäude, Buchshecken-Blumengärtchen, großem gepflastertem Hof, hoher Scheuer, Pferdestall, Wagenremise geeignet für die Bedürfnisse und Hantierungen des Arztes, für die Doktorsfamilie mit ihren nun vier Kindern und mitwohnenden Tanten, für ein Unterkommen der Mägde, Unterschlupf auch zur Not für Obdachlose, die aus Arzterbarmen aufgenommen wurden. Tiere waren geliebt im Haus. Vögel hatten ihre Käfige. Dem klugen Raben war freie Bahn erlaubt. Katzen und Hunde wetteiferten im Lagern und Schmeicheln um den Doktor. Sein Liebster aber war durch Jahre der Schimmel, der seinen Pfleger hatte und von ihm angeschirrt wurde, wenn der Doktor über Land mußte. Dann sah man ihn, seiner Rolle bewußt, mit dem Doktor in der Kalesche ziehen, und man wußte, daß er auch den mit den Zügeln in der Hand Entschlafenen oder ins Buch Vertieften sicher wieder in den heimatlichen Hof brachte.

Überhaupt die Kutsche: sie oder schlichter jedes Fuhrwerk und sonst das eigene Beinpaar war das in der Zeit gegebene Mittel der Fortbewegung. Dreimal am Tag - man konnte danach die Stunden wissen – kam „der Steiner“ mit dem gelben Postwagen vorbei, der einen mit der noch nicht gar lang eröffneten Eisenbahnstation Asperg verband. Sein Posthorn modulierte beim Heimkommen der auf dem Kutschbock Sitzende nach Lust und Eingebung, und die aus dem Doktorhaus, die Liebespost erwarteten, eilten ihm zu. Ein anderes Geräusch, das wir noch in unserer Jugend viel hörten und einzig für Schäferlaufstädtisch hielten, war das rhythmische Ineinanderpochen der Dreschflegel, das auf der nachbarlichen Tenne oft schon zu nachtschlafender Zeit begann.

Was wissen wir heut davon, wieviel Rührigkeit wievieler Hände dazugehörte, das Leben und die Gemeinschaft im Wernerschen Doktorhaus in Gang zu halten? Es gab kein Wasser im Haus: man „gumpte“ das Nötige täglich am Brunnen über der Straße und trug getreu immer herbei, was den aufdrehbaren Hähnchen der Handwaschvorrichtungen des Doktors und seiner primitiven Dusche entfließen sollte. Es gab kein Licht zu knipsen: welche Pflege brauchten täglich die Öllampen! Welche Arbeit im Winter, die Öfen im Haus der Reihe nach jeden Morgen zu heizen, tagsüber zu schüren und das Brennbare heranzutragen. In der Küche wurde jeden Tag der Herd „angezündet“. Wieviel Hände regten sich nach Schlümbachscher Erbregel ums Kochgeschehen, ums Servieren, um die Blitzsauberkeit der Pfannen, Kacheln, Porzellane! Zur großen Wäsche wurden eigens zwei handfeste Könnerinnen gerufen, die morgens um vier ihr Tagwerk mit einem Lebenswasser begannen, das man ihnen reichen mußte. Das endlose Bügelgeschäft, auch der Praxiswäsche, betrieben Mägde und später auch die Eigenen. Dann stand ein schmuckes oktogonrhomboides Eisenöfchen lustig fast wie ein Rumpelstilzchen neben den Büglerinnen und lieferte ihnen die heißen Stähle zum Einschub in die Bügeleisen. Zu nennen nicht zuletzt die Sorgfalt-Mühen um die Kleidung, den Putz, um das diffizile Stärken feiner Wäsche, um die Brennpflege der schönen Frauenhaare. Doktor Werner ließ sich all solche Sorgen der Frauen mit blühendem Langmut gefallen.

Einmal als er von der Kirchenempore schaute und dann zuhaus sagte, das hätte er nicht für möglich gehalten, daß Fräulein Reinhardt, des Stadtpfarrers Schwester, einen Hut aufsetze, auf dem ein ganzer Busch Gelbveigel nur so in die Welt leuchtete, da war seine Frau Emma denn doch bestürzt. „Ach guter Mann, den Hut, über den du dich von der Empore so entsetzt hast trägt ja nicht Fräulein Reinhardt sondern deine eigene Frau“. Der Doktor, etwas hagebüchener als sie, mußte lachen. Er mochte Geschichten und wußte sie mit Esprit vorzubringen. Übrigens sagte man von ihm als Kirchgänger, daß er den ihm zustehenden Kirchenstuhl lieber den Frauen überließ.

Über sein Arztwirken gibt es Berichte, die uns erstaunen machen, was von ihm unter beschränkten Bedingungen an chirurgischem Handeln erfordert und geleistet wurde. Bei seinem Können und der Kunst zur Improvisation war er zugleich kritisch wissenschaftlich Beobachtender. Er schrieb viel nieder von Erfahrungen mit seinen Patienten und suchte den Austausch darüber mit Kollegen, auch durch Beiträge zu ärztlichen Zeitschriften. Wir finden ihn dabei als begabten Darsteller, dem es einzig um die ihn bewegende Sache ging, mit einer bemerkenswerten Ehrerbietung gegen die Mitärzte, ohne einen Gedanken daran, sich bei ihnen durch Mitteilung eines unglücklichen Verlaufs schaden zu können.

Zu seiner täglichen Aufgabe gehörte auch die Behandlung der damals noch groß grassierenden Seuchen, Scharlach, Diphtherie, Tuberkulose, und überhaupt akutentzündlicher Erkrankungen wie Lungenentzündungen, die als häufigere Todesursachen erscheinen. Daneben auch Nerven- und Geisteskrankheiten, für die Hermann Werner ein Jahr seiner Ausbildung in den Landerer-Anstalten in Göppingen verbracht hat. Nicht ist die Rede von heut überwältigenden psychosomatischen Krankheiten. Daß Werner eine eigene Aufnahmefähigkeit für solche Zusammenhänge gehabt hat, ersieht man aus seinen Äußerungen. Aber als Charakteristikum seines Leib/Seele-Denkens ist ebenso bezeugt, daß er aus eigenen Erfahrungen heraus vor jedem Sich-einlassen auf mediale, parapsychologische Phänomene und Begabungen die Seinen streng gewarnt hat. Er muß im eigenen Erbgang solche Veranlagungen als Gefahr gewittert haben.

Seit den Sechzigerjahren wurde ihm Napoleons berühmter Feldzugsarzt in Ägypten und Rußland Dominique Larrey, dessen Werke er französisch las, zu einem Inbild seines eigenen Arzthandelns. Dabei schien ihm nicht nur das chirurgisch und seuchenärztlich Vollbrachte des in jedem Augenblick hingabebereiten genialen Arztes aller Nachbetrachtung wert. Er sah in ihm schlicht Größtes: „ein Musterbild höchsten Seelenadels und reinster Menschenliebe“ In fortlaufenden Folgen in der „Zeitschrift für Wundärzte und Geburtshelfer“ hat er seinen Kollegen über Larrey berichtet und hat das Ganze als Buch „Das Denkwürdigste aus D. J. Larreys Memoiren“ herausgegeben. Er gewann durch das Buch Verbindung zu dem Sohn des Chirurgen, Hofrat Larrey, der ihm mit echter Edelmannsart begegnet sein muß. Wie die beiden zueinander sprachen, muß verzeichnet bleiben in der Geschichte der Begegnungen zwischen ebenbürtig-offenen Geistverwandten der beiden Völker, bewegend in einer Zeit wie nach dem Siebzigerkrieg, wo ein solches Begegnen durch den Chauvinismus beider Seiten undenkbar schien. Und keiner der beiden hat sein Vaterland verleugnet.

Eine Geste Wernerscher Art ist, daß er auf einem Vorblatt seines Buches erklärt, ein etwaiger Erlös dafür werde „der Unterstützungscasse der württemb. Wundärzte“ zu gut kommen. Die letzte Prüfung der Wundärzte und Geburtshelfer zweiter Klasse (nicht akademischer Herkunft) fand im Jahre 1872 statt. Danach war ihr Stand, wie Werner schreibt, „auf dem Aussterbeetat“. Er hatte mit solchen Helfern und Heilern in persönlichem Kontakt gute Erfahrungen gemacht. In seiner eigenen Praxis pflegte er eine eigene auf wissenschaftliches Urteil ausgehende Erfahrungsheilkunde. übernahm gewiß von den Zünftigen, was er vermochte und was ihm einleuchtete, nahm aber offenbar nicht am absoluten wissenschaftlichen Fortschrittsglauben teil, der die Achtzigerjahre emporhob.

Man muß erinnern, daß im Jahre 1873 der Mediziner und preußische Parlamentsabgeordnete Virchow eine völlige Verwandlung der Welt durch die neue Wissenschaft voraussagte, eine Revolutionierung einer 2000jährigen „Tradition, die in aller Kopf ist und in jedes Menschen Sprache und Denkweise“, und daß er, als man ihn des Atheismus und der Glaubenslosigkeit zieh, erwiderte: „Einen Glauben haben auch wir.- den Glauben an den Fortschritt in der Erkenntnis der Wahrheit“. Die Vorgänge um Virchow und die „Apotheose“ der neuen Wissenschaft müssen Dr. Werner als eifrigen Teilnehmer am Zeitgeschehen erreicht und, wie ich aus manchem deute, bestürzt haben. Seinem von einem ursprünglichen Christenglauben geprägten Medizinverständnis konnte nur bangen vorm Anspruch der neuen Heilslehre.

Haben wir versucht, den Stadt- und Wundarzt Werner aus seinen Herkünften nach Markgröningen einzubegleiten, ihn mit den Seinen im Leben des Doktorhauses zu zeigen und uns die Art seines „naturwüchsigen“ Arzttums und seines Wirkens in der Bürgergemeinschaft, soweit wir Zeugnisse haben, vor Augen zu bringen, so hätten wir uns jetzt von der Aspergerstraße am Ostende der Stadt (wo es heute noch die Werner-Straße gibt) zum Oberen Tor am Westende der Stadt zu fragen, wo wir das Rektorshaus finden wollen.
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