Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Christian Heinrich Zeller
in der badischen Kirchengeschichtsschreibung

von Max-Adolf Cramer, in: Nachrichten des Martinszeller Verbands Nr. 25, 1996, S. 18-20
 
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                                                          Schloss Beuggen, Wirkungsstätte Christian Heinrich Zellers

In „fromm - bunt - frei“, dem Magazin zum 175 jährigen Jubiläum der Evangelischen Landeskirche in Baden 1996, wird neben anderen auch Christian Heinrich Zeller als erster unter den „badischen Kirchenvätern“ erwähnt. Das geht auf eine lange Tradition zurück. Schon zu Lebzeiten wurde ihm durch den badischen Historiographen Karl Friedrich Vierordt im zweiten Band seiner Kirchengeschichte (1856) mit folgenden Worten ein Denkmal gesetzt: „So rührt auch unsere früheste Anstalt für christliche Erziehung sittlich bedrohter oder sittlich verwahrloster Kinder von Evangelischen her. Sie begann ihr Wirken unter der Leitung des württembergischen Armenfreundes Christian Heinrich Zeller 1820 zu Beuggen bei Säckingen in einem Schlosse, das bis 1806 dem Deutschen Ritterorden gehört hatte und seit 1820 durch die badische Regierung an die Gründer dieser noch jetzt durch Zeller geleiteten, auch für die Bildung von Armenlehrern in Segen wirkenden Anstalt vermietet ist. Anm.: Die Mittel zur Erhaltung dieser Anstalt reicht ein wohltätiger Verein zu Basel.“

In „Kirche und Heimat“, der Festgabe zum Deutschen Evangelischen Pfarrertag in Karlsruhe 1928, schränkt Prälat Schmitthenner die Zugehörigkeit zu Baden etwas ein, schreibt aber warmherzig: „Schon im Jahr 1820 war in den Herzen eines Christian Friedrich Spittler und eines Christian Heinrich Zeller der Gedanke erwacht, in der alten verlassenen Deutschherrnkomturei Beuggen a. Rhein, unfern Basel, im jetzigen Bezirksamt Säckingen, eine Kinderrettungsanstalt, verbunden mit einer Ausbildungsstätte für Armenschullehrer, zu errichten, in der Pestalozzi verwirklicht fand, was er in Stanz gewollt hatte. Der von Zellers mächtiger Persönlichkeit ausströmende und in den von ihm ausgebildeten Lehrern wirksame Geist übte weithin durch die deutschen Lande für die Kinderrettungsarbeit einen anregenden und richtunggebenden Einfluss aus, namentlich auch in dem Gebiet des süddeutschen Pietismus. Die von Zellers Nachkommen im alten Geiste weitergeleitete, seit dem Weltkrieg nur noch als Kinderheim bestehende Anstalt, die aber heute noch die Augen weitester Kreise auf sich zieht, liegt zwar auf badischem Gebiet, aber zu den badischen Liebeswerken zählt sie eigentlich nicht. Sie ist als Schweizeranstalt nur gleichsam die Mutterstätte geworden für das, was an Kinderfürsorge vorhanden war, ehe Wichern kam, oder was in rascher Folge danach entstand.“

Ganz knapp wird in der Kirchengeschichte für die Unterweisung (1954) berichtet: „Schon vor dem Auftreten Johann Hinrich Wicherns auf dem Wittenberger Kirchentag 1848 gab es in Baden Werke der Inneren Mission. Im Jahr 1819 war in Beuggen am Oberrhein eine ‚Kinder- und Armenschullehreranstalt' durch fromme Männer aus Basel ins Leben gerufen worden. Drei Generationen hindurch wurde sie von Gliedern der Familie Zeller geleitet.“

Nun hat man sich aber wieder neu besonnen. Das neue Lesebuch zur badischen Kirchengeschichte „Unterwegs durch die Zeiten“ (1996) zeigt in gleich zwei Kapiteln, wie Beuggen aus dem Geist der Christentumsgesellschaft von Basel her entstand, in welchem Zusammenhang es stand (Bibelgesellschaft, Heidenmission), und wie es also „ein Schloß für Kinder“ - so eine Kapitelüberschrift - wurde. Anschaulich wird das Leben und die Erziehung geschildert, wie Christian Heinrich Zeller sie eingerichtet und bestimmt hat.

Zuletzt sei noch einmal das Jubiläums-Magazin zitiert, das Christian Heinrich Zeller nun unter die badischen Kirchenväter aufgenommen hat: „'Du taugst nie zum Advokat', raunzte sein Vater enttäuscht. Christian Heinrich, der 'Einser-Jurist', hatte wieder einmal in einem Prozeß, der ein hohes Honorar für die väterliche Kanzlei erwarten ließ, durch großes Geschick zwischen den streitenden Parteien einen frühen Vergleich geschlossen... Den Ort, wo solche Fähigkeiten gefragt waren, fand Zeller nach einer zweijährigen Tätigkeit als Hauslehrer im südbadischen Beuggen. Er war umgetrieben von der Bildungsnot besonders in den ländlichen Gegenden, in denen ganze Generationen ohne Schulbildung aufwuchsen. Seine Vision, ‚dass doch ähnliche Anstalten wie für die ferne Heidenwelt, auch für unsere armen Gegenden in der Nähe errichtet, und christliche Lehrer in ähnlichem Geiste für unsere armen Kinder und Gemeinden gebildet werden könnten', wurde mit der Gründung der Armenschullehreranstalt und Rettungsanstalt Beuggen 1820 konkret. Hier sollten Lehrer ausgebildet werden - und zwar kostenlos -, um sich anschließend nicht auf gut bezahlte Stellen zu bewerben, sondern in die ländlichen Regionen zu ziehen und dort Kindern aus armen Elternhäusern eine `Grundschule' zu ermöglichen. Natürlich war die Hoffnung Zellers, dass junge Menschen nicht nur lesen und schreiben lernten, sondern auch mit dieser Fähigkeit das Glaubensbuch der Christen - die Bibel - entdeckten. Diese Verbindung von Lernen und Glauben war es, die Beuggen über die badischen Grenzen hinaus bekannt machte. Die größte Bestätigung, die Zeller als Erzieher erfahren konnte, war ein Besuch des greisen Pestalozzi, der auf seinen Gängen durch Beuggen immer wieder vor sich hingemurmelt haben soll: `Das ist's, was ich wollte’.“

Als Motto unter dem dort abgedruckten Bild Christian Heinrich Zellers steht eine Sentenz, die gewiss auch heute noch für uns gilt: „Sei, was die Kinder werden sollen. Ein Vorbild ohne Liebe leuchtet wie der Mond: Ein Vorbild mit herzlicher Liebe zu den Kindern leuchtet wie die Sonne.“
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