Familie Zeller aus Martinszell  
 
Mittwoch, 27.03.2019

Judith Zeller geb. Schwarz 1622-1677
Stammutter der Bebenhäuser Linie

in: 450 Jahre Zeller aus Martinszell, Festschrift zum 150. Jahrestag der Zellerstiftung von 1838, Stuttgart 1988, S. 41-47, vorgetragen beim Zellertag in Stuttgart am 21.10.1961 von Karl August Zeller (§ 421)

 
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Wenn ich heute über die Stammutter der Bebenhäuser Zellerlinie, Frau Judith Zeller, geb. Schwarz (ZB § 16), geboren am 17.11 .1612 zu Herbrechtingen bei Heidenheim, gestorben am 9.11 .1677 zu Bebenhausen kurz vor ihrem 65. Geburtstag, ein Lebensbild zu zeichnen suche, so bin ich mir des Einwands, das seien alte, Jahrhunderte zurückliegende Vorgänge, an denen heute kein besonderes Interesse mehr bestehe, bewußt. Ich wage den Versuch trotzdem. Denn ich halte es für wichtig, das Andenken der uns alle gleichermaßen angehenden Stammütter lebendig zu erhalten. Auch bietet das Jahrhundert des 30jährigen Krieges manche Parallelen zu den hinter uns liegen Kriegs- und Nachkriegsjahren.

Zunächst ein paar Worte über die Herkunft von Frau Judith Zeller: Sie entstammte väterlicherseits einem alten Pfarrergeschlecht, das auch zu den Vorfahren des Philosophen Hegel zählt. Judiths Vater Jeremias Schwarz hat, ebenso wie dessen Vater Johann Thomas Schwarz und wie Judiths Urgroßvater gleichen Namens, seine hauptsächliche Amtszeit als Pfarrer in dem Dorfe Altdorf bei Böblingen verbracht. 91 Jahre lang, von 1552 bis 1643, wirkten diese drei Männer - Vater, Sohn und Enkel - in ununterbrochener Folge als Geistliche in Altdorf.

Judith Schwarz ist schon als Kind von 4 Jahren von Herbrechtingen nach Altdorf gekommen und dort aufgewachsen. Ihre Mutter Katharina war eine geborene Mögling aus der bekannten schwäbischen Familie und stammte mütterlicherseits von der Familie Aulber, richtiger Alber ab. Sie war eine direkte Nachfahrin des bekannten Reutlinger Reformators Alber. Dieser ist also Ahnherr aller heutigen Mitglieder der Bebenhäuser Zellerlinie, wie er auch Vorfahre der heute lebenden Angehörigen der Maulbronner Zellerlinie ist.

Judith Schwarz wurde von ihren Eltern zu allem Guten erzogen. Die Mutter bildete sie zu einer tüchtigen, überaus fleißigen und sparsam wirtschaftenden Hausfrau aus. Das war in der Notzeit des 30jährigen Krieges, der in Judiths 7. Lebensjahr ausbrach, auch höchst angebracht. Wie die andere Bevölkerung, so hatten nicht zuletzt auch die Pfarrfamilien die Auswirkungen dieses Krieges zu verspüren. Schon vor der im September 1634 stattgefundenen Schlacht bei Nördlingen, nachher aber in sehr verstärktem Maße, hatten die Pfarrhäuser immer wieder unter Einquartierungen, Plünderungen, teilweise auch unter Bränden zu leiden. So schwand das Vermögen dahin. Es gab Pfarrhäuser, die sich 16, 25 und 30 Mal ausplündern lassen mußten. Der Pferde- und Viehbestand des Landes schmolz furchtbar zusammen. Die schon dadurch in Frage gestellte Bestellung der Felder wurde auch deshalb unmöglich, weil die Landbevölkerung immer wieder bei herannahender Gefahr durch feindliches Kriegsvolk sich hinter die Mauern der Städte flüchtete. Mißwachs und schreckliche Hungersnot waren die Folge. Wie sehr die den Pfarrern zukommenden Einkünfte an Naturalien sich verringerten, kann man sich denken. Aber auch die Geldbesoldung wurde oft jahrelang nicht gereicht, da die öffentlichen Kassen bei dem versiegenden Eingang an Abgaben und durch Plünderungen und Kriegskontributionen leer waren. Manche Pfarrfamilien kamen buchstäblich an den Bettelstab.

Drastisch beschreibt die Heß'sche Chronik in Herrenberg die Zustände, 3ndem sie die Jahre, die der Geistliche Samuel Gmelin von 1635 bis 1639 als Pfarrer in Neckartailfingen verbrachte, folgendermaßen schildert: „Bei damaliger grausamer Hungersnot konnte der Pfarrer sich samt den Seinigen kaum hinausbringen, mußte öfters halb gesalzen und geschmalzen essen, weil keine Besoldung konnte gereicht werden und alles durch die Soldaten aulgerieben. Damalsgeschahe of4 daß die armen Leute Distel, Nessel, Feldrüblen, Frösch, Schnecken, Roß- und Füllensfleisch, das auf dem Boden gelassene Blutgesammelt und sich damit genähret, zu geschweigen, was er, der Pfarrer, von 1635 bis 1650 mit Schlagen, Stoßen, Stechen, Verwunden, Rantionieren, Plündern usw. erdulden müssen.'

Und dann brachte das Jahr 1635 für Württemberg das große Sterben durch die Pest, von der auch Hunderte von württembergischen Geistlichen weggerafft wurden. Viele Pfarrstellen konnten auf Jahre hinaus nicht mehr besetzt werden. So mußten die überlebenden Pfarrer in der Regel eine ganze Anzahl oft weit von einander entfernter Gemeinden kirchlich versorgen. Die Bevölkerung des Herzogtums Württemberg hatte vor dem Beginn des 30jährigen Kriegs etwa 450 000 Seelen betragen. 1639 waren es nicht mehr ganz 100.000, die erst 1652 durch Zuwanderung von auswärts, so von der Schweiz und aus Österreich, auf etwa 166.000 wieder angewachsen waren. Ungefähr die Hälfte der Gebäude im Herzogtum Württemberg wurde im Krieg völlig zerstört. Noch anno 1655 belief sich die durch die Kriegsjahre entstandene Schuldenlast der Gemeinden und der Privaten auf mehr als 6 Millionen Gulden. Das machte auf den Kopf der Bevölkerung einen Betrag von 30 bis 40 Gulden aus, eine bei dem damaligen Geldwert enorme Summe.

Es ist interessant, zu betrachten, wie viele Opfer das Pestjahr 1635 unter der Familie Zeller forderte. Es starben damals unsere Stammeltern: Johannes Zeller, der Pfarrer von Rotfelden, und seine Gattin Beatrix, geb. Bloss, die auch zwei Brüder verlor. Weiter starben des Rotfelder Pfarrers Bruder Friedrich, Stadtpfarrer in Zavelstein, mit Gattin und ältestem Sohn, ebenso des Rotfelder Pfarrers Tochter Walburga, Ehefrau des Hofpredigers Volmar in Mömpelgard.. Schließlich verloren 2 Söhne des Rotfelder Pfarrehepaars, nämlich Johann Konrad, der nachmalige Prälat von Bebenhausen, und Christoph, der nachmalige Probst von Denkendorf, ihre erste Gattin, nämlich Anna Maria, geb. Essich, und Anna Elisabeth, geb. Vischer, je mit 2 kleinen Kindern.

In dieser schweren Zeit verbrachte Judith Schwarz ihre Kinder- und Mädchenjahre. Die Tatsache, daß sie in diesen Kriegswirren zunächst nicht zum Heiraten kam, machte sie nicht bitter. Sie sah es vielmehr als ihre Aufgabe an, ihre Eltern sorgfältig zu betreuen und ihnen wie eine Magd zu dienen. Tag und Nacht trug sie hin und her uni , verwahrte sie, was zur Nahrung der Familie gehörte. Das tat sie unter den schwierigsten Umständen. Folgende Sätze in Frau Judiths Leichenrede beleuchten die wahrhaft grausigen damaligen Zeiten, die sich wohl mit dem Russeneinmarsch in Ostdeutschland anno 1945 vergleichen lassen: „Sehr viel hat sie erlitten in ledigen Jahren bei währendem Krieg, da sie manchmal umhergejagt wurde wie ein Rebhuhn auf den Bergen. Die größte Sorge aber trug sie für ihre Ehre und dankte Gott herzlich, daß er sie dabei erhalten.“ Not lehrt beten, und so wurde diese Frau eine große Liebhaberin des göttlichen Worts und der heiligen Sakramente, eine eifrige und andächtige Beterin, die später ihre besondere Betstube hatte und sie fleißig benützte. An allerhand Sprüchen der Heiligen Schrift hatte sie sich einen solchen Vorrat gefaßt, daß sie sich in alle Zustände, so auch in Krankheits- und Todesnot zu schicken wußte.

Es ist uns nicht überliefert, wie sie ihren Lebensgefährten Johann Konrad Zeller kennen lernte. Dieser wirkte seit 1635 als Dekan in dem an der Nagold gelegenen Schwarzwaldstädtchen Wildberg. Die nicht große Entfernung von Wildberg nach Herrenberg einerseits und von Altdorf nach Herrenberg andererseits hat wohl die Bekanntschaft erleichtert. Als Judith Schwarz mit 30 Jahren anno 1642 Johann Konrad Zeller heiratete, fand sie in ihm einen vom Leid ebenfalls reich geprüften Gatten. Schon als Vikar war er meistens an Orten verwendet worden, wo die Pest und andere Seuchen wüteten. Trotz aller Fährnisse und Beschwerlichkeiten waltete er treu und eifrig seines Amtes. Seine erste Frau Anna Maria, geb. Essich, und zwei kleine Töchter waren ihm 1635 an der Pest gestorben. Auch seine zweite Frau Blandina, geb. Grückler, wurde ihm nach wenigen Ehejahren durch den Tod entrissen. Sie starb vermutlich am Kindbettfieber.

Juditha fand bei der Heirat im Hause ihres Gatten 5 kleine Kinder im Alter von 10 Jahren bis zu einem Jahr vor. Sie hat sie geliebt und betreut wie eigene Kinder, und diese Stiefkinder haben auch immer mit kindlicher Liebe, Treue und Ehrerbietung zu dieser zweiten Mutter aufgeschaut. Die in so schwerer Zeit geschlossene Ehe wurde für Frau Judith und ihren Ehemann trotz aller Fährnisse eine Quelle reichen Glücks. Die Gatten konnten sich nicht genug tun, einander alles hiebe und Gute zu erweisen. Es ist in der Leichenrede herzbewegend zu lesen, daß es der Gattin Judith größtes Kreuz war, wenn der Ehemann von ihr abwesend sein mußte. Auch kann ich mir kaum ein höheres Lob denken, als das für Frau Judith Zeller ausgesprochene, daß sich ihres Eheherrn Herz hat auf sie verlassen dürfen, auch wenn er schon wegen seiner Berufsgeschäfte manchmal lange von Hause abwesend sein mußte.

Schwierigkeiten wird es für die große Familie genug gegeben haben, zumal in den Jahren bis zum Abschluß des Westfälischen Friedens. Es wird berichtet, daß Johann Konrad Zeller mit seiner Gemeinde oft genötigt war, vor dem Feind in die Wälder zu fliehen. Einmal ist ihm in versammelter Waldgemeinde eine Kugel hart am Kopf vorbeigeflogen. Ein anderes Mal hat ihn ein papistischer Offizier auf der Kanzel erschießen wollen. Meistens mußte auch Johann Konrad damals ohne Besoldung sein Amt verrichten, so daß er mit seiner Familie gar sehr auf die Beihilfe gutherziger Gemeindeglieder angewiesen war. Da war es gut, daß Frau Judith eine so sparsame Haushalterin war. Sie ging nie müßig, war ihr Leben lang demütig und der Hoffart spinnefeind. Sie hat sich, wie die Leichenrede berichtet, auch als sie Gott schon zu hohen Ehren gebracht, doch nur wie eine Magd gehalten. Das bezieht sich offenbar auf die Einfachheit in der Kleidung, deren Frau Judith sich noch als Frau eines Prälaten befleißigte.

Mählich wurden die äußeren Verhältnisse in den dem Westfälischen Frieden folgenden Jahren besser. Frau Judith kam durch die Versetzung ihres Mannes als Dekan nach Vaihingen a.d. Enz 1654 ins Unterland und durch des Gatten Beförderung zum Prälaten von Bebenhausen anno 1660 in dieses unweit von Tübingen gelegene Kloster. Ihr Mann hatte dort als Generalsuperintendent eines großen Sprengels, als Vorstand einer bekannten Klosterschule und als Mitglied der Landstände eine höchst bedeutungsvolle Stellung. Seit 1661 war er Mitglied des weiteren Landschaftsausschusses, seit 1666 gehörte er dem engeren Landschaftsausschuß an und war seit 1669 dessen Senior und Vorsitzender, wodurch er auch auf die Staatsgeschäfte einen bestimmenden Einfluß hatte. Diese umfassende Stellung ihres Mannes brachte auch für Frau Judith Zeller viel Arbeit und Umtrieb mit sich. Da sie von Jugend auf überaus mitleidig, barmherzig und guttätig, auch sehr friedfertig war und zu allen Sachen das Beste redete, so war sie für ihre Aufgabe als Lebensgefährtin eines hohen kirchlichen Würdenträgers, in dessen Haus viele Menschen aus- und eingingen, besonders geeignet. Neben vielen häuslichen Freuden, zu denen unter anderem die Verheiratung von 7 Kindern und die Geburt von 9 Kindern und 25 Enkelkindern zu rechnen sind, blieb ihr auch in ihrem mehr als 34jährigen Ehestand manches Leid nicht erspart. Von ihren eigenen neun Kindern starben fünf schon in jungen Jahren, ebenso eines der angetretenen Kinder. Auch 6 Enkelkindern mußte sie ins Grab sehen.

Es ist nicht zu verwundern, wenn von der in so ernster Notzeit groß gewordenen Frau Judith berichtet wird, sie sei eines schwermütigen Humors und Geblüts gewesen und habe manchmal einen Zuspruch höchst nötig gehabt. Das ist umso begreiflicher, weil diese Zellerische Stammutter auch viele schwere Krankheiten durchmachen mußte. Offenbar verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand dann noch von 1675 an, denn von da an begann sie am Leibe abzunehmen. Sie war von einem inneren Leiden geplagt, das in der Leichenrede mit „Milz- und Mutterweh“ bezeichnet wird. Nachdem sie zunächst durch gute ärztliche Behandlung am Leben erhalten worden war, müssen offenbar im Laufe des Jahres 1676 Komplikationen eingetreten sein, die ein baldiges Ableben der Kranken erwarten ließen. Sie trug aber diese Leidenszeit überaus geduldig. Am Christfest 1676 nahm sie noch in öffentlicher Versammlung am Heiligen Abendmahl teil. Auch nachher ließ sie sich mehrmals das heilige Abendmahl reichen, sie las und betete viel und ließ sich vorbeten. Gegen sich selbst war sie in der letzten Krankheit so hart, daß sie nur die letzten 4 Tage vor ihrem Tod zu Bett lag. Schon bei Zeiten hatte sie für sich und ihren Gatten die Grabtücher gerichtet. In dem ihren fand sich nach ihrem Tod ein Zettelein, auf dem sie neben einem frommen Wunsch für ihren Eheherrn geschrieben hatte: „Juditha Zellerin, geborene Schwartzin, mein Leben war auch oft und betrübt, aber alles zu Gottes Ehr.“ Der Verstand und das Gehör blieben ihr fast bis zum letzten Atemzug. Unter dem Gebet ihres Mannes, der sie in ihrem Krankenbett in herzlicher Verbundenheit mit Abbruch seines Schlafes Tag und Nacht pflegte, durfte die Dulderin nach überstandenen großen Schmerzen am 8. Februar 1877, morgens zwischen 7 und 8 Uhr, ohne Bewegung eines Gliedes sanft und selig einschlafen. Am 12. Februar wurde sie in Bebenhausen christlich zur erde bestattet. Es entsprach der gegenüber Armen so barmherzigen Einstellung der Verstorbenen und ihrer Verbundenheit mit der einstigen Heimat Altdorf, dass nach ihrem Ableben der Witwer Johann Konrad Zeller zugunsten der hausarmen Leute in Bebenhausen und in Altdorf eine Stiftung machte, auf Grund deren ihnen etwas an Brot und Geld ausgeteilt wurde. Ein Bildnis der entschlafenen ist nicht auf uns gekommen. Aber der Grabstein seht noch neben dem des 1683 gestorbenen Gatten in der Klosterkirche in Bebenhausen. Und ich darf abschließend feststellen, dass sie die Ahnfrau einer großen Nachkommenschaft geworden ist.
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